Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2014; 49(2): 124-133
DOI: 10.1055/s-0034-1368679
Fachwissen
Topthema: Intensivmedizin
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Ernährung in der Intensivmedizin – Update Glutamin und Antioxidanzien bei kritisch Kranken

Update glutamine and antioxidants in critically ill patients
Gunnar Elke
,
Thomas W Felbinger
,
Konstantin Mayer
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Publication History

Publication Date:
23 February 2014 (online)

Zusammenfassung

Eine kritische Erkrankung führt zu oxidativem Stress und kann einen Mangel an endogen antioxidativ wirkenden Substraten induzieren bzw. verstärken. Dies kann zu eingeschränkter Immunfunktion und einem erhöhten Risiko für infektiöse Komplikationen, Organversagen und damit einhergehendem schlechteren klinischen Outcome des Intensivpatienten führen. Die Supplementierung bestimmter Nährsubstrate mit immunmodulierenden Eigenschaften wie z.B. Glutamin und Antioxidanzien kann einem Mangel vorbeugen bzw. diesen ausgleichen und so das endogen antioxidative Schutzsystem unterstützen. Ziel ist dabei, proinflammatorische Prozesse und oxidativen Zell-und Gewebsschaden einzudämmen und durch eine verbesserte Immun- und Organfunktion die Prognose zu verbessern. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über wesentliche Aspekte der Zufuhr von Glutamin und Antioxidanzien und informiert als evidenzbasiertes Update über aktuelle Studien und Leitlinienempfehlungen dieser Substrate bei kritisch kranken Patienten. Weiterhin werden Empfehlungen zum Einsatz von Glutamin und Antioxidanzien für die klinische Praxis gegeben.

Abstract

Critical illness leads to oxidative stress and can induce or exacerbate nutrient deficiencies. This predisposes patients in the intensive care unit to impaired immune function and increased risk of developing infectious complications, organ dysfunction, and therefore worsens clinical outcome. Immune-modulating properties of specific nutrients such as glutamine and antioxidants may support the endogenous antioxidative system, improve immune and organ function and translate into better clinical outcome of the critically ill patient. The following article summarizes the rationale and provides an update on recent clinical studies with special focus on the use of glutamine and antioxidants in critically ill patients. It further provides recommendations for the clinical use of these substrates in this particular patient population.

Kernaussagen

  • Bei kritisch kranken Patienten können schon vor einer Glutamin- bzw. Selensupplementierung entweder niedrige oder hohe Glutamin- bzw. Selenkonzentrationen im Plasma auftreten.

  • Sowohl zu niedrige als auch zu hohe Plasmakonzentrationen von Glutamin und Selen sind mit einer schlechten Prognose kritisch Kranker assoziiert im Sinne einer U-Kurve.

  • Eine hochdosierte Glutamingabe oberhalb der von den aktuellen Leitlinien empfohlenen Dosierungen hat nachteilige Effekte auf das Outcome kritisch Kranker mit Multiorganversagen (insbesondere bei bestehender renaler Dysfunktion).

  • Für „stabile“ Intensivpatienten, die eine Indikation für eine längerfristige vorwiegend parenterale Ernährung haben, ist die derzeitige Empfehlung einer parenteralen Supplementierung von 0,2–0,4 g/kg/d Glutamin weiterhin gültig.

  • Enterales Glutamin wird bei Patienten mit Verbrennungen / Polytrauma derzeit noch empfohlen.

  • Eine eindeutige Empfehlung für die hochdosierte Gabe von Selen (als Monotherapie oder in Kombination mit anderen Antioxidanzien) geht aus aktuellen Leitlinien nicht hervor.

  • Aktuelle Metaanalysen zeigen, dass eine parenterale Selengabe bei Patienten mit Sepsis vorteilhaft scheint bei einer initialen Bolusgabe, einer weiteren täglichen Dosierung ≥ 1000 μg/d und einer Therapiedauer ≥ 7 d.

  • Die (enterale bzw. parenterale) Supplementierung von Antioxidanzien im Sinne einer therapeutischen Pharmakonutrition wird ebenfalls in den Leitlinien und auf Basis aktueller Evidenz nicht einstimmig empfohlen. Eine Substitution entsprechend dem notwendigen Tagesbedarf sollte in jedem Fall durchgeführt werden.

Ergänzendes Material