Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2014; 49(2): 114-122
DOI: 10.1055/s-0034-1368678
Fachwissen
Topthema: Intensivmedizin
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Ernährung in der Intensivmedizin – Ist weniger und später mehr? Wie viele Kalorien benötigt der Intensivpatient?

Nutrition of the critically ill – Is less more? How much energy for the ICU patient?
Thomas W Felbinger
,
Matthias Hecker
,
Gunnar Elke
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Publication History

Publication Date:
23 February 2014 (online)

Zusammenfassung

Ein schlechter Ernährungszustand während eines klinischen Aufenthalts korreliert mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität. Die Zufuhr von Energie in Form von Makrosubstraten ist die einzige spezifische Möglichkeit, einer weiteren Verschlechterung des Ernährungszustands zu begegnen.

Trotzdem ist eine inadäquat zu hohe wie auch zu niedrige Energiezufuhr keine inerte Maßnahme. So können in einer akuten hypermetabolen Phase des Stressstoffwechsels eine Hyperalimentation, aber bei Langliegern in der chronischen Phase auch eine Hypoalimentation zu spezifischen Komplikationen führen. Eine allgemeingültige ideale Energiezufuhr, die für jeden beliebigen Patienten und Zustand seiner schweren Erkrankung Gültigkeit hat, gibt es nicht. Als Faustregel gilt: je kränker der Patient ist, umso weniger Energiesubstrate benötigt erin der Ernährungstherapie, da die endogene Substratbereitstellung nicht supprimierbar ist. Befindet sich der Patient in einem chronischen, aber metabolisch stabilen Zustand, benötigt er umso mehr Energie, um seine Depots wieder aufzufüllen bzw. anabole Prozesse zu unterstützen.

Als Zielwert für die Energiezufuhr werden derzeit 25 kcal/kg/d oder idealerweise die aktuelle Messung des Energieumsatzes mittels indirekter Kalorimetrie angesehen. Für die Steuerung der Ernährungstherapie und damit die Identifikation der aktuell vorherrschenden Stoffwechselsituation ist letztlich das metabolische Monitoring entscheidend.

Abstract

Decreased nutritional intake or preexisting malnutrition is associated with increased morbidity and mortality during hospital stay. However nutritional support in particular for the ICU patient is not trivial. Hyperalimentationin the acute phase of critical illness but also hypoalimentation in the chronic and stable phase of illness has to be avoided. Ideally about 25 kcal/kg/d should be targeted over a few days during metabolic monitoring. Alternatively indirect calorimetry should be applied where available.

Kernaussagen

  • Ein schlechter Ernährungszustand während eines klinischen Aufenthalts korreliert mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität. Eine klinische Ernährungstherapie ist die einzige Möglichkeit, einer Mangelernährung zu begegnen.

  • Der Metabolismus eines kritisch Kranken ist durch erhebliche Veränderungen gekennzeichnet. Die Freisetzung endogener Substrate kann durch eine exogene Substratzufuhr nicht supprimiert werden.

  • Als Richtwert für die Energiezufuhr sollte die vereinfachte Schätzformel 25 kcal/kg/d zum Einsatz kommen.

  • In einer akuten hypermetabolen Phase des Stressstoffwechsels ist eine Hyperalimentation, in einem chronischen, metabolisch stabilen Zustand eine Hypoalimentation zu vermeiden.

  • Eine supplementierende parenterale Ernährung sollte bei den meisten Patienten erst später, z. B. ab dem 3.–5. Tag, nach Optimieren der enteralen Ernährung erwogen werden.

  • Um die Ernährungstherapie steuern zu können, muss die aktuelle Stoffwechselsituation des Patienten bekannt sein. Das metabolische Monitoring (Messung der Glukose-, Harnstoff- und Triglyzeridkonzen-trationen sowie der Leberintegritätsparameter im Labor) und die gastrointestinale Verträglichkeit geben darüber Auskunft.

Ergänzendes Material