Akt Dermatol 2014; 40(07): 306-307
DOI: 10.1055/s-0034-1367576
Interview
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Arztberuf ist kein Business

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Christos C. Zouboulis im Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. C. E. Orfanos
C. E. Orfanos
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
03.Juli 2014 (online)

Warum haben Sie die Dermatologie als Fachgebiet gewählt?

Prof. C. E. Orfanos: Letztlich war es, wie so oft, ein Zufall: Als Student habe ich mich während der klinischen Semester in Düsseldorf immer wieder bemüht nebenher Geld zu verdienen. Über den AStA bekam ich eines Tages den Hinweis, dass ein junger Professor eine Laborhilfe brauchte, d. h. jemanden, der Reagenzgläser waschen, Geräte sauber und betriebsbereit halten und für Ordnung in den Laboratorien der Klinik sorgen sollte. Kein toller Job, aber man würde 3 DM pro Stunde 40 Stunden pro Monat verdienen. Das war für mich damals ein fürstlicher Lohn, praktisch war es meine Monatsmiete. So habe mich schnell gemeldet. Zufall war es, dass der junge Professor, der damals eine Laborhilfe suchte, Günter Stüttgen in der Düsseldorfer Hautklinik war. Er wurde später mein Doktorvater, dann mein Oberarzt, viel später mein Amtskollege und guter Freund in Berlin.

Sind Sie mit Ihrer Wahl zufrieden und warum?

Prof. C. E. Orfanos: Während des Studiums haben meine Kommilitonen fest damit gerechnet, ich würde Internist oder, eher noch, Chirurg werden. In der Tat, gleich nach Abschluss meines Staatsexamens bewarb ich mich um eine Stelle bei unserem damaligen Internisten Professor Große-Brockhoff, den ich als Student sehr schätzte. Er tröstete mich und bat, einige Zeit noch zu warten, bis eine Stelle frei würde. Das war mir zu vage und wenige Tage später reichte ich meine Bewerbung bei Professor Ruska im Institut für Biophysik und Elektronenmikroskopie ein, der gerade aus den USA nach Deutschland zurückgekommen war. Zu meiner größten Überraschung und Freude übernahm er mich sofort als Assistenten. Mein Ziel war nun in der Forschung zu bleiben, und ich habe zwei Jahre lang tüchtig geforscht. Erst später fiel die Entscheidung zugunsten der Dermatologie, als ich gesunde und kranke Haut elektronenmikroskopisch untersuchte und mich mit dem Hautorgan näher auseinandersetzte. Ich stellte fest, dass die menschliche Haut ein weites, bis dahin unerforschtes Feld war, und dies beflügelte meine Phantasie. Ich werde meine Begeisterung nicht vergessen, als ich zum ersten Mal Anfang der 60er-Jahre im Elektronenmikroskop Mastzellen in hoher Vergrößerung sah und das komplizierte Innenleben dieser Zellen einschließlich ihrer Degranulation bei einer diffusen kutanen Mastozytose ultrastrukturell studieren konnte. Die Begeisterung hält bis heute an. Nein, ich wurde von der Dermatologie nicht enttäuscht.

Sie haben in Ihrer Karriere viel erreicht. Worauf sind Sie besonders stolz?

Prof. C. E. Orfanos: Ich bin heute mit vielen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, zufrieden. Die meisten waren richtig, und dieses Gefühl der Zufriedenheit empfinde ich im Alter als wichtiger. Ich hatte auch das Glück, in Helmut Ruska, Günter Stüttgen und Gerd-Klaus Steigleder großartige Lehrer zu haben, denen ich viel verdanke. Richtig war es, dass ich in den frühen 70er-Jahren trotz mancher Abwerbe-Versuche nicht in den USA blieb, sondern nach Deutschland zurückkehrte; richtig war es auch, den Lehrstuhl im damaligen West-Berlin trotz seiner isolierten Lage zu übernehmen und als junger Lehrstuhlinhaber an der FUB weniger durch ein engeres Spezialistentum, sondern integrativ das Fach zu vertreten. Ich habe verstärkt auf ein breites ärztliches Wissen und Können gesetzt, mit einem feinjustierten forscherischen Unterbau als Grundlage und ärztliche Vision. Das hat dazu beigetragen die vielen Mitarbeiter unserer Berliner Gruppe in ihrer Gesinnung als Ärzte zusammenzuschweißen. So konnten wir alle gemeinsam, jeder auf seiner Weise, das Fach bereichern und bis heute erfolgreich nach außen vertreten. Natürlich bin ich froh darüber, dass mit der Einführung der Retinoide, einer Substanzgruppe, die mich lange forscherisch beschäftigte, die Vision einer systemischen Dermatotherapie klinisch umgesetzt werden konnte. Die synthetischen Retinoide waren der erste Pionier weltweit, sie haben inzwischen mehrere Generationen von Medikamenten hervorgebracht. Ebenso bin ich froh darüber, dass es mit der Durchführung des 17. Weltkongresses 1987 in Berlin gelungen ist, ein wichtiges Zeichen zu setzen und die Position der Deutschen Dermatologie auf internationaler Ebene zu festigen. Als wir dann 1995 den ersten DDG-Kongress nach der Wiedervereinigung im vereinten Berlin organisierten, kam eine große dermatologische Familie aus mehreren Ländern zusammen, um gemeinsam zu feiern. Das waren Höhenpunkte, an die ich gern zurückdenke.

Was war der beste Rat, den Sie während Ihrer Karriere erhalten haben?

Prof. C. E. Orfanos: Bei der Übernahme des Lehrstuhls 1978 war zunächst manches in Berlin schwierig, wir waren vom restlichen Bundesgebiet getrennt, ich musste mich unter anderem gegenüber fünf gestandenen älteren Professoren der Klinik fachlich und administrativ durchsetzen. Ich erinnere mich, dass ich einmal zum Telefon griff und Gene Farber in Stanford/USA anrief, der mir immer als väterlicher Freund beigestanden hatte. Als ich ihm über den Ärger und die Kämpfe erzählte, die ich durchzustehen hatte, hörte ich ihn am Telefon einfühlsam sagen: „Mein guter Freund, Du bist jung und gesund, das ist gut; verliere bloß nicht Deinen Mut! Und denke daran, je höher Du den Berg besteigst, desto dünner wird die Luft, die Aussicht von da oben ist gut, aber an der Spitze des Berges, ja, dort wird es immer schwieriger Luft zu holen, verstehst Du?“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Da oben zu stehen, das ist ja das Ziel; aber bedenke, wenn man die Spitze erreicht hat, steht man dort oben ganz allein!“ Das traf den Kern, Berlin wurde meine geistige Heimat, und die Sichtweise von Farber habe ich später oft an meine Mitarbeiter weitervermittelt.

Welcher Fall ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Prof. C. E. Orfanos: Ich kann Ihnen keinen Einzelfall nennen, es sind viele menschliche Schicksale, die man als Arzt sieht, die seinen Blick formen, sein Können schleifen und sein Herz ansprechen. Einige davon erlebte ich während der letzten Jahre nach der Emeritierung bei meiner Tätigkeit als Volontär in Afrika, in Tansania, teilweise auch in Uganda und Namibia. Es waren Patienten, die ihr Schicksal würdig trugen, selbst in bitterster Not.

Was ist momentan die wichtigste Entwicklung in der Dermatologie?

Prof. C. E. Orfanos: Aus meiner Sicht besteht die wichtigste Entwicklung der modernen Dermatologie darin, dass wir heute durch die vergangenen Forschungsdekaden in der Lage sind, die Haut von innen her, also mit systemischen Pharmaka traditioneller oder biotechnischer Herstellungsweise zu erreichen, präventiv zu pflegen und zu behandeln. Wenn ich daran denke, wie unsere Vorgehensweise vor 50 Jahren ausgesehen hat und wie sie heute ist, so sehe ich darin einen gewaltigen Fortschritt, der unser Fach gründlich umgekrempelt hat. Dazu zählen Retinoide und Immuntherapeutika, später als erste Biologicals die Interferone, danach die vielen Zytokine, monoklonalen Antiköper, Fusionsproteine, Gentherapeutika etc. Systemische Therapien haben die Behandlungsstrategien des Dermatologen von Grund auf verändert, die Zeiten von Salben und Sälbchen ist vorbei. Damit ist aber der moderne Dermatologe auch gefordert, sich stets vollumfassend fortzubilden, auf sein Berufsethos strikt zu achten und die neuen potenten Pharmaka für den individuellen Kranken gezielt und für die Gesellschaft ökonomisch einzusetzen.

Wo sehen Sie die Zukunft der Dermatologie?

Prof. C. E. Orfanos: Die Dermatologie ist letztlich ein klinisches Fach, das sich in letzter Zeit durch die intensive Forschung in vorderster Front positioniert hat. Der Fortschritt eröffnet viele Möglichkeiten, hoffentlich wird man auf längere Sicht die richtigen zu nutzen wissen und im Interesse der kranken Menschen zur Anwendung bringen, zumal in einer Gesellschaft, die sich leider immer mehr vom Menschen entfernt. Manches aus dem modernen Gewand des heutigen Dermatologen ist ein Rückschritt. Wir müssen den medizinischen Konsumismus abwehren und uns verstärkt den kranken Menschen zuwenden, all unsere Empathie für sie einsetzen. Als Ärzte/Dermatologen müssen wir, durch Wissen gerüstet, dem Patienten umfassende ärztliche Kunst anbieten. Wenn dies gelingt, so wird die Dermatologie ein zentrales Fach in der klinischen Medizin.

Was raten Sie jungen Kollegen?

Prof. C. E. Orfanos: Jungen Kollegen rate ich, sich nachhaltig fortzubilden, sich ihren Patienten bzw. ihrem Leiden mit Empathie zu widmen und stets in ihrem Sinne ethisch zu handeln. Der Arztberuf ist definitiv kein Business, … find it and fix it.

Was machen nach Feierabend als Erstes?

Prof. C. E. Orfanos: Als Emeritus berührt mich die Frage des „Feierabends“ nicht; ich freue mich, dass ich meine Zeit nunmehr so einteilen kann, wie ich möchte, und danke dafür, dass ich noch gesund und in der Lage bin, sie so nützlich und angenehm zu gestalten als möglich.