Der Klinikarzt 2013; 42(11): 487
DOI: 10.1055/s-0033-1363592
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Immer Ärger mit der GenerationY?

Matthias Leschke
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
09. Dezember 2013 (online)

Wir zerbrechen uns häufig den Kopf über wirtschaftliche Zwänge, die uns die Arbeit in der Klinik erschweren. Darüber vergessen wir, welche Herausforderung der Generationenmix in der Ärzteschaft bedeutet. Ein Chefarztkollege hat sich neulich in einem landesweit verbreiteten Patientenmagazin darüber beklagt, dass die jüngsten Mitarbeiter – von den Soziologen als „Generation Y“ etikettiert – zeitlich nur begrenzt verfügbar seien: die Frauen, weil sie ihres Nachwuchses wegen länger für ihre Facharztqualifikation bräuchten, und die Männer, weil sie ihren ärztlichen Job gleichermaßen mit Familie, Sport und Spaß teilten. Ja, beklagte der Kollege, man könne eigentlich nur noch mit den Oberärzten als Leistungsträger des Klinikbetriebs rechnen. Das kam gar nicht gut an. Die gescholtene Generation Y setzte dem Chef die Pistole auf die Brust und forderte ein offenes Gespräch in einer Versammlung. Nach diesem klärenden Gespräch waren die Wogen wieder einigermaßen geglättet.

Natürlich stehen wir Chefs und Oberärzte, die Pensionsgrenze möglicherweise in baldiger Aussicht, doch im Zenit unserer ärztlichen Tätigkeit, etwas ratlos da. Man träumt bei den Personalproblemen ganz schnell von früher, als man selbst noch Assistent war und in der klinischen Hierarchie gnadenlos gefordert wurde. Sozusagen durch das Fegefeuer ging, um später Karriere zu machen. Der Chef war Gott, pflegte einen autoritären Führungsstil, und seine Oberärzte wirkten gottergeben nach unten. Im Nachhinein betrachten wir „Alten“ diese Umstände vielleicht manchmal als etwas zu verklärt. Dieses System war alles andere als human. Die nachfolgenden Generationen haben diese Hackordnung peu à peu unterlaufen.

Mit der Denkweise und Lebensphilosophie der zwischen 1966 und 1985 Geborenen (der Generation X) können wir schon eher klarkommen. Die Welt drehte sich weiter. Fleißig musste man sein, seinen AiP hinter sich bringen, 6 Jahre Facharztausbildung und immer schön am Ball bleiben. Der Lohn hieß Wohlstand und Karriere – beides musste nicht den Sinn des Lebens ausmachen, half jedoch, das Leben angenehmer zu gestalten. Mit dieser Lebenshaltung können wir Babyboomer ganz gut zurechtkommen. Wir selbst haben ein Wechselbad des Lebens hinter uns: Wirtschaftskrisen, RAF-Terror, die ganze kontroverse Entwicklung unserer Republik und das Ende des Kalten Krieges. Und jetzt sehen wir uns plötzlich konfrontiert mit jungen Menschen, die ganz anders ticken. Sie leben in sozialen Netzwerken, denken global. Die Smartphone-Generation kennt keinen Unterschied zwischen Arbeitswelt und Privatleben. Man ist es durchaus gewohnt, an freien Tagen und am Feierabend via Netz sich mit der Arbeit zu beschäftigen, genauso aber während der regulären Arbeitszeit privaten Aktivitäten Platz einzuräumen. Der Respekt vor Hierarchien ist Geschichte. Heute zählt die fachliche Kompetenz, das wirkliche Wissen, die Erfahrung, die logisch untermauerte Meinung. Die Jungen leben nicht mehr blauäugig in die Welt hinein. Zur Recherche brauchen sie keine Bibliothek mehr, in Sekundenschnelle holt man sich die Informationen aus dem weltweiten Netz. Aufgewachsen mit dem Internet, global orientiert und vernetzt über Twitter, Facebook und Smartphones, orientiert man sich an einem gänzlich anderen Weltbild. Man arbeitet auch zu unvernünftigen Zeiten, wenn es denn sein muss, ansonsten haben Sport, Freunde und Spaß die gleiche Bedeutung. Arbeit fasziniert dann, wenn sie besondere Herausforderungen und Chancen bietet, nicht zuletzt auch pekuniäre. Der Job bedeutet nicht mehr alles: Man will vor allem leben, die Arbeit auch bewusst ausblenden, sich entspannen, Spaß haben. Und diese Generation fühlt sich mächtig, denn sie hat die Demografie auf ihrer Seite. Sie wird dann die Welt beherrschen, wenn wir anderen Generationen unseren Ruhestand pflegen.

Wir sollten auch im Krankenhaus nicht beklagen, dass die Generation Y so ganz andersartig denkt und fühlt. Wir sollten nicht bejammern, dass in der Klinik mit den Babyboomern und den Generationen X und Y 3 sehr unterschiedliche Menschentypen zusammenwirken. Untersuchungen haben gezeigt, dass generationsübergreifende Teams, wenn sie intelligent und rational geführt werden und der Austausch zwischen den Beteiligten funktioniert, wesentlich produktiver sind als Teams aus gleichaltrigen Personen.

Ich gehöre zu den Babyboomern, die die wechselvolle Geschichte unserer Republik hinter sich haben und längst etabliert sind, beruflich wie privat. Ich bin es gewohnt, mit der Generation nach mir, der Generation X – ambitioniert, ehrgeizig, individualistisch – gut zusammenzuarbeiten. Die Einstellung meiner jüngsten Assistenten empfinde ich – dies muss ich eingestehen – als etwas gänzlich anderes. Ich beklage dies nicht: Eher bin ich etwas neidisch auf diese Generation Y, die selbstbewusst, intelligent und vorurteilslos lebt und arbeitet. Ich möchte sie in meinem Team nicht missen. Unsere Patienten übrigens auch nicht. Ich arbeite sehr gern mit diesen jungen Leuten der Generation Y zusammen! Diese Generation fordert mich heraus, pflegt eine unkomplizierte Kommunikation und hält uns jung.