Der Klinikarzt 2013; 42(10): 435
DOI: 10.1055/s-0033-1361804
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Phantomkarrieren

Günther J Wiedemann
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Publication Date:
12 November 2013 (online)

As long as the job is done, it does not matter much who gets the credit.

(Sir Winston Churchill, 1874–1965)

Kürzlich wurde eine Analyse des Gelsenkirchener Instituts für Arbeit und Technik veröffentlicht [1]. Darin kommt zur Sprache, was auch in der täglichen Arbeit im Krankenhaus zunehmend auffällt: die Pflege ist im Umbruch, es herrscht dort viel Unzufriedenheit. Eine Akademisierung in Ausbildung, Fort- und Weiterbildung wird nicht nur von Pflegenden, sondern auch von der Politik gefordert. Jedoch herrscht auf dem entsprechenden Ausbildungsmarkt Wildwuchs, in der Analyse heißt es, „… dass für die betroffenen Studierenden auf absehbare Zeit unklar sein wird, auf welchen Stellen, mit welchen Befugnissen und zu welchen Bedingungen gearbeitet werden wird“ – das Institut prägt hierfür den Begriff der „Phantomkarriere“. Etliche Hochschulen, auch in privater Trägerschaft, springen auf den lukrativen „Gesundheitszug“ des Ausbildungsmarktes auf. Teilweise fehlt ihnen dafür qualifiziertes Lehrpersonal, das sie beispielsweise unter Klinikärzten zu rekrutieren suchen. 2012 waren in den Bereichen Gesundheitsökonomie, Case Management oder Public Health über 150 Masterstudiengänge erfasst, ganz zu schweigen von Bachelorangeboten.

Diese Entwicklung kann uns Ärzten nicht gleichgültig sein. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass gerade die Engagiertesten und Besten der Pflegekräfte sich, oft nach einem Aufbaustudium, in administrative Posten verabschieden. Fehlende Anerkennung und mangelnde Qualifikationsmöglichkeiten an der Klinik sind Gründe dafür – und daran haben auch die Ärzte ihren Anteil. Oft wird aus den Augen verloren, dass Kliniken nicht nur Versorgungseinrichtungen sind, sondern auch der Qualifizierung von Ärzten und Pflegepersonal dienen. Wenn dieser Aspekt vernachlässigt wird, muss man sich nicht wundern, dass es Pflegekräfte eher an die Hochschulen drängt. Was in der Klinik nach einer Umfrage unter Pflegenden [2] am meisten zu kurz kommt, sind gleich nach Patienten- und Angehörigenkontakten (!) die Ausbildungsaufgaben, während gleichzeitig für Case Management, Dokumentation und Organisation deutlich mehr Zeit bleibt.

Natürlich ist es legitim, dass Pflegende nach einer Arbeit mit höherem Ansehen und besserer Bezahlung streben. Wobei das Ansehen der Krankenpflege ohnehin auf außerordentlich hohem Niveau ist: in der Berufsprestige-Skala 2013 des Instituts für Demoskopie Allensbach zählen zwei Drittel der Befragten den Pflegeberuf zu den 5 am meisten geschätzten Berufen (Platz 2 hinter dem Arztberuf mit 76 % Zustimmung). Dennoch birgt der Prestigeunterschied zwischen beiden Berufen seit jeher Konfliktpotenzial in den Kliniken. Befragt man Pflegende [2], ist rund die Hälfte der Meinung, ihre Qualifikation und die geleisteten Aufgaben passten nicht zueinander. Man darf wohl annehmen, dass hier in erster Linie eine unterqualifizierte Tätigkeit gemeint ist.

Gemeinsam ist Pflegenden und Ärzten zweifellos, dass „niedere“ Tätigkeiten am Patienten unbeliebt sind. Vor einigen Jahren war in der Wirtschaftszeitschrift „brand eins“ völlig ironiefrei zu lesen, der Landesbetrieb Krankenhäuser Hamburg habe ein Modell mit dem Endziel „Patientenorientierte Pflege“ entwickelt. Man fragt sich schon, welches Verständnis von Pflege sich durchgesetzt hat, wenn das ein bemerkenswertes Unterfangen sein soll. Wobei: ist die Medizin, die heute in Kliniken von Ärzten betrieben wird, denn eher patientenorientiert?

Schade, dass sowohl Pflegende als auch Ärzte offenbar keine Berufszufriedenheit mehr aus dem ziehen können, weswegen wir unsere Berufe eigentlich ergriffen haben: wegen der Freude am Helfen und dem guten Gefühl, einen dankbaren Patienten nach Hause zu entlassen.