Zahnmedizin up2date 2014; 8(3): 247-269
DOI: 10.1055/s-0033-1357922
Parodontologie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Motivierende Gesprächsführung in der zahnärztlichen Therapie

Johan Wölber
,
Katrin Frick
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Publication Date:
23 May 2014 (online)

Einleitung

Karies und Parodontitis sind multifaktorielle Erkrankungen, die durch genetische und umweltbedingte Risikofaktoren beeinflusst werden. Während die genetischen Ursachen derzeit nicht oder kaum beeinflusst werden können, sind die umweltbedingten Faktoren der Hauptansatzpunkt in der Therapie. Ein Großteil der umweltbedingten Faktoren wird durch das Verhalten des Individuums bestimmt. So sind in der Kariesentstehung die Menge und die Häufigkeit des Kohlenhydratekonsums sowie die Qualität und Quantität der chemomechanischen Plaquekontrolle wichtige Einflussfaktoren. Im Falle der Parodontitisentstehung kommen neben der Mundhygiene noch weitere entzündungsmodulierende Faktoren hinzu, wie Rauchen, Ernährung, körperliche Aktivität, Stress, Adipositas, Blutzuckerkontrolle bei Diabetikern sowie das Wahrnehmen des regelmäßigen Kontrollbesuchs beim Zahnarzt im Rahmen der parodontalen Nachsorge [1].

Aufgrund der Bedeutung dieser verhaltensbedingten Faktoren sollten in einer präventiv ausgerichteten und kausal-therapierenden zahnärztlichen Behandlung – neben der restaurativen Therapie oder der mechanischen Belagentfernung – auch das Gesundheitsverhalten des Patienten adressiert werden. Die Fragen, welche Faktoren zum Entstehen der Erkrankung beim individuellen Patienten dazu beigetragen haben und welche Faktoren zukünftig moduliert werden können, sind dabei von wesentlicher Bedeutung. Die Technik des Motivational Interviewing (MI, dt.: „Motivierende Gesprächsführung“), die ursprünglich zur Therapie von Suchterkrankten entwickelt wurde, hat sich dabei in vielen Gesundheitsbereichen als nachweislich wirksame Methode gezeigt, Gesundheitsverhalten positiv zu beeinflussen [2], [3]. Im Gegensatz zu der Annahme, dass Patienten nicht motiviert sind, wird im MI davon ausgegangen, dass Patienten lediglich ambivalent gegenüber dem problematischen Verhalten sind. In einem partnerschaftlichen Umgang wird diese Ambivalenz mithilfe von MI empathisch erforscht und aufgelöst. Der vorliegende Artikel soll einen allgemeinen Überblick über die klinische Methode des MI und deren Anwendung speziell im zahnärztlichen Setting geben.