Z Sex-Forsch 2013; 26(4): 390-400
DOI: 10.1055/s-0033-1356182
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Publication Date:
21 December 2013 (online)

Heinz-Jürgen Voß. Intersexualität – Intersex. Eine Intervention. Münster: Unrast Verlag 2012 (Unrast transparent/Geschlechterdschungel, Bd. 1). 78 Seiten, EUR 7,80 Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter. Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“. Münster: Edition Assemblage 2012. 92 Seiten, EUR 9,80

Intervention ist das neue Modewort für akademische Schnellschüsse – zu lang für einen Aufsatz, aber zu kurz für eine herkömmliche Monographie. Manchmal sind es thematisch kohärente Zeitschriftenaufsätze, die hier zusammengeführt werden, wie im Fall des Gemeinschaftswerks von Çetin, Voß und Wolter. Heinz Jürgen Voß scheint überhaupt ein Meister im intervenieren zu sein, legte er doch 2012 gleich zwei Interventionen vor. Einmal zeichnet er als alleiniger Autor, das zweite Mal immerhin als Initiator verantwortlich.

In seiner Studie mit dem Titel „Intersexualität – Intersex“ widmet sich Voß insbesondere der Entwicklung der Diskurse über Intersexualität und der Reaktionen der Betroffenen sowie der insgesamt für Debatten nötigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Gestützt auf neueste Studien und in starker Abgrenzung zu den normierungsschwangeren Ausführungen früherer Jahrzehnte setzt sich Voß für die Abkehr von dem Zweigeschlechterschema ein. Jedoch weiß der Autor sehr wohl um die Wirkmächtigkeit vormals akademischer Studien, die längst den Weg ins Populär- und Pseudowissen einer Gesellschaft gefunden haben. Daher ist Voß sehr bemüht, die Veränderungen im wissenschaftlichen Diskurs in den letzten Jahrzehnten herauszustellen. Zwar knüpft er damit indirekt an die Anstrengungen deutschsprachiger Sexualforscher an, die politischen Entscheidungsträger und medizinischen Koryphäen gleichermaßen zu beeinflussen, aber es ist doch spürbar, dass er die Fähigkeit zu Reform und Neuorientierung bei diesen Schichten für eher gering hält. Voß ist Biologe und Kulturwissenschaftler und steht jenen Eliten fern, die in der Erhaltung eines Zweigeschlechterschemas ein zentrales Fundament für das gesellschaftliche System in Deutschland erachten. Er lässt dies die Leser durchaus spüren, seine politisch linke Orientierung durchfließt das Buch in jedem Kapitel.

Man darf zu Recht annehmen, dass jemand mit dieser Sozialisation schärfer, aber auch gestrenger auf die geschlechterpolitische Debatte des Jahres 2012, den Streit um die Beschneidung, blickt. Im Vorwort und dem eigenen Aufsatz (2012 in der Sexuologie erstmals erschienen) führt Voß seinen Ansatz aus der Studie über Intersexualität fort, falsche und vorgeblich wissenschaftliche Erkenntnisse bzw. Zahlen im öffentlichen Diskurs herauszustellen und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit vieler Disputanten und Rezipienten an korrekten Darstellungen zu benennen. In seinem Aufsatz arbeitet sich Voß an den Argumentationen der Gegner von Beschneidungen ab und widerlegt ihre Ausführungen zu angeblich fehlender Sensitivität des Penis oder bezüglich des Infektionsrisikos bei Geschlechtskrankheiten durch eine Unmenge an neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen. Zwar zweifelt Voß auch in dieser Arbeit die Fähigkeit der politischen Entscheidungsträger zur offenen und wahrheitsgetreuen Debatte an, doch will er sich offenbar nicht sagen lassen, er habe das Feld der Auseinandersetzung vor den tumben Posaunisten populären Halbwissens geräumt.

Dem gegenüber benennen Zülfükar Çetin und Salih Alexander Wolter in ihrem Beitrag (Erstabdruck: Jahrbuch für Islamophobie-Forschung 2013) den Entwicklungsgang der Beschneidungsdebatte, die im Grunde mit dem Profilierungsdrang einiger Journalisten und des ehrgeizigen Juristen Holm Putzke ihren Anfang nahm. Die Autoren reihen die nun folgenden Debatten in den seit Jahren in Deutschland andauernden Streit um Form und Art der Integration von Migranten ein. Es erscheint so nicht als Zufall, dass die Gegner von Minderheitenrechten sich besonders stark in den folgenden Monaten positionierten. Das halluzinierte „Kindeswohl“ wurde dabei als Mittel zum Zweck instrumentalisiert. Dass die Verwendung dieses Schlagworts eine sexualpolitische Komponente aufweist und seit den 1990er-Jahren in bisweilen diffamierender Weise eingesetzt worden war, entgeht den Autoren jedoch.

Voß, Wolter und Çetin zeichnet zudem ein auffallender Mangel an Selbstreflexion aus. Eigentlich müsste gerade Voß aufgrund seiner Kenntnis der Sexualgeschichte, die er in früheren Publikationen unter Beweis gestellt hat, um die determinierende und Diskurse häufig vergiftende Rolle von Religionen und überkommenen Vorstellungen wissen und deshalb der Beschneidung als Eingriff sehr kritisch gegenüber stehen. Da jedoch die Betroffenen Minderheiten angehören, die seitens der deutschen Behörden in Vergangenheit und Gegenwart Pressionen ausgesetzt waren, schlägt er sich auf deren Seite. Es scheint so zu sein, als könne man einen Eingriff (eine Intervention?) wie die Beschneidung von der übrigen Religion, ihren fragwürdigen Inhalten und den wortgewaltigen und keineswegs immer demokratischen Verfechtern völlig abtrennen. So einfach ist es nicht – doch hätte dies wohl den Rahmen einer kleinen „Intervention“ gesprengt. Voß ist sich dieser Problematik durchaus bewusst, aber seine wenigen Sätze zur Schwierigkeit einer „linken Religionskritik“ im Vorwort zeugen eher von Unsicherheit denn Überzeugungen.

Insgesamt ist festzuhalten, dass beide Bücher anregend geschrieben sind und Diskussionen geradezu provozieren. Das ist auch das zentrale Anliegen dieses Genres von Schriften. Voß zeichnet darüber hinaus die Fähigkeit aus, akademisch-naturwissenschaftliche Diskurse mit ihren populärwissenschaftlichen Fehldeutungen in Bezug zu setzen und so stets die Frage zu stellen, wohin eine naturwissenschaftliche Medizin oder Biologie führen kann, wenn ihre Akteure gesellschaftspolitische Konsequenzen ihrer Forschungen negieren. Oder auch ob es Zeit wäre, sich zu engagieren.

Florian G. Mildenberger (Frankfurt/Oder)