Klin Padiatr 2013; 225(S 01): S9-S14
DOI: 10.1055/s-0033-1337958
Zum 80. Geburtstag von Prof. Riehm
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Prof. Dr. Hansjörg Riehm, ein Leben für die Wissenschaft

Prof. Dr. Hansjörg Riehm, a Life Devoted to Science
T. Klingebiel
1  Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Goethe Universität, Frankfurt, Deutschland
,
M. Schrappe
2  Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Deutschland
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
22.Mai 2013 (online)

Prof. Riehm wurde am 2. März 1933 in Herrenberg geboren. Arzt zu werden entsprach der „Familientradition“[1] , darüber hinaus wollte er jedoch ein „kenntnisreicher Arzt“ werden.

Sein Studium der Medizin absolvierter er von 1952 bis 1957 in Tübingen, Kiel, Innsbruck und schließlich in West-Berlin. Seine Promotionsarbeit erstellte er in den Jahren 1958/59 in Tübingen. Auf die Medizinalassistentenzeit folgte eine Facharztweiterbildung in München und Berlin, die Herr Riehm 1966 mit dem Facharzt in Pädia­trie abschloss. Dabei wurde er durch seine wissenschaftliche Assistentenzeit am Pathologischen Institut der Freien Universität Berlin bei dem „gefürchteten“ Prof. Maßhoff geprägt, dessen Spezialität die Beschäftigung mit malignen Lymphadenopathien war, sodass es nicht ausblieb, dass der junge Assistent damit intensiv in Kontakt kam und auch oft Kinder obduzieren musste, die an einer Leukämie verstorben waren. Die „jugendliche Begeisterung“ für diese Erkrankungen führte dazu, dass Prof. Loeschke, der damalige Direktor der Kinderklinik der Freien Universität Berlin, ihm eine Stelle in seiner Klinik anbot mit der besonderen Aufgabe, sich um die krebskranken Kinder zu kümmern.

„Hier muss angemerkt werden, dass 1961/62 in den meisten europäischen Ländern die pädiatrische Onkologie im Gegensatz zur Pädiatrischen Hämatologie als Sachgebiet noch nicht existierte, obwohl schon damals das Malignom unter den 5 häufigsten Todesursachen zu finden war. Manchen in der Klinik tätigen Kinderarzt mag das bekümmert haben, andere haben das Thema tabuisiert oder nicht erkannt, die totale Hilf- und Ratlosigkeit war allgegenwärtig. Einige wenige im Lande haben ohne Erfolg auf eigene Faust Behandlungsversuche unternommen, wie auch in den USA waren es oft Kollegen der Inneren ­Medizin“.

Bei einem Aufenthalt über 6 Monate bei Prof. Begemann in München konsolidierte der junge Assistent seine hämatologischen Kenntnisse und fing zurück in Berlin an, „in einer Rumpelkammer unter dem Dach“ mit viel Elan ein Labor aufzubauen. Kurz zuvor war er beim Internationalen Hämatologenkongress in Lissabon (Riehm campierte damals auf dem Zeltplatz) zum ersten Mal Wolf W. Zuelzer begegnet und hatte außerdem die großen Hämatologen jener Zeit erleben können: Ludwig Heilmeyer, William Damashek, Jean Bernard und Santiago Pavlovsky.

„Mir wurde bewusst, dass eine erfolgversprechende Behandlung notwendigerweise ein gravierendes therapiebezogenes Risiko einschließen müsse. 1964 verließ ich den Pfad der damals geübten unkontrollierten Behandlungsversuche und begann mit der Polychemotherapie zu experimentieren unter Verwendung von 4 Wirkstoffen (fast alle heute verwendeten Wirkstoffe waren damals schon verfügbar). Mit diesem Ansatz ereignete sich nicht bei mehr Kindern die sogenannte Remission (statistische Verfahren zur Validität mancher Aussagen sind nicht abgesichert), aber die Remissionen schienen stabiler, sie hielten länger an, manche Kinder blieben rückfallfrei, so war jedenfalls der Eindruck“.

Seine ersten Einsichten präsentierte Riehm in einer Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft im Februar 1965 in einem Vortrag über „Die zyklische Therapie kindlicher Leukosen“. Hier gibt es Bezüge zu Arbeiten von W.W. Zuelzer [37]. Riehm fasste 1967 damals modern Konzepte der Chemotherapie in einem umfassenden Vortrag zusammen, der 1968 veröffentlicht wurde [23]. Am 4. Dezember 1965 wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Leukämieforschung (DAL) gegründet (allerdings war das Riehm nicht bekannt). Nach Abschluss der Facharztweiterbildung trat Hansjörg Riehm von 1967 bis 1969 eine Stelle am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in einer Gruppe um Dr. June Biedler an, die ihm „den Freiraum für (die) ersten Gehversuche gab, die Polychemotherapie kontrolliert in Zellkulturen zu untersuchen“ [2] [28]. Dabei waren die Erfahrungen in den USA bzgl. der Leu­kämietherapie alles andere als ermutigend – „es fehlte der Mut Neuland zu betreten“. Entgegen seiner Erwartungen gelang es ihm nicht, Sidney Farber zu kontaktieren und auch im Memorial Sloan Kettering Cancer Institut war es nicht möglich, die experimentellen Ergebnisse seiner Arbeit der Leitung der Einrichtung zu präsentieren.

Nach seiner Rückkehr nach Berlin erfolgte rasch die Habilitation im Jahr 1970[2]. In der Kinderklinik wurde Prof. Hans Helge 1972 der Nachfolger von Prof. Loeschke; diese Personalentscheidung erwies sich für Herrn Riehm als ein „Glückstreffer“, da Prof. Helge es ihm ermöglichte, die im Oktober 1970 begonnene Berliner Studie fortzuführen. Es war zu dieser Zeit keineswegs selbstverständlich, dass man an einer Verbesserung der Leukämietherapie arbeiten durfte, galt doch für viele die Leukämie bei Kindern als unheilbar und eine Beschäftigung mit dieser Erkrankung als überflüssig [26] [27].

„1970 gab es zur Chemotherapie keine Alternative (oder nur die, diese Kinder unbehandelt sterben zu lassen); die empirische Vorgabe zwang, diese effizienter zu nutzen. Die Gesamtgruppe von ALL-Patienten und definierten Untergruppen profitierten von der Therapiequalität, die sich fast ausnahmslos in einer höheren Therapieintensität ausdrückte, zuerst durch eine prolongierte mediane Remissionsdauer und später durch einen größeren Anteil von Kindern, die dauerhaft in Remission blieben und von gesunden Kindern ununterscheidbar geworden waren. Das Erreichen der Remission als den ersten Schritt auf dem Wege zur Langzeit- und Dauerremission war ein Ereignis, dass schon früh den Vater der modernen ALL-Therapie, Sidney Farber in Boston beeindruckte und hoffen ließ [9]. Das Erreichen und Überschreiten der 90%-Grenze für im Mikroskop erkennbare Leukämiezellfreiheit im Knochenmarkausstrich auf dem unsicheren 5% Niveau war schon in den 60iger Jahren Realität geworden, was dann als „Remission“ qualifiziert wurde. Diese schlichte Methode ist auch heute noch zur Identifikation einer benachteiligten Minderheit von ALL-Patienten brauchbar. Seit 20 Jahren haben sich sowohl immunologische als auch molekulargenetische Suchmethoden nach residuellen Leukämiezellen als weiterführend erwiesen, Einsichten in die Leukämiezellkinetik, die das Stratifizieren von Risikogruppen zu erleichtern vermochten. Trotz aller Bemühungen blieb bis heute unklar, welche Mechanismen für die dauerhafte Elimination oder Wiedergeburt der Neoplasie verantwortlich sind“.

Eine wesentliche Entwicklung der Leukämiebehandlung in dieser Zeit war die Einführung der präventiven ZNS-Bestrahlung, die mit einer Strahlendosis von 24 Gy Neuroachse und Gehirnschädel erfasste [36].

„Erst durch die Erhöhung der Strahlendosis auf 2 400 rad (Neuroachse und Gehirnschädel) vermochte Dr. Pinkel in einer klug angelegten randomisierten Studie zu belegen, dass sich damit die Inzidenz von ZNS-Rezidiven dramatisch senken ließ, die systemischen Rückfälle aber nicht. Dr. Pinkel argumentierte 1968 im Fernsehen zum Unwillen von vielen erfahrenen Kollegen, dass diese Präventionsbestrahlung die Heilung bei einem Teil der Kinder mit Leukämie ermögliche. Das war ein Wort! Diese Botschaft schwappte dann auch in die alte Welt und allerorts wurde mehr oder weniger kontrolliert begonnen zu bestrahlen“.

Schon damals hatte Hansjörg Riehm allerdings die Sorge, dass diese Schädelbestrahlung zu einer erhöhten Inzidenz von malignen Hirntumoren führen könnte, eine Befürchtung, die sich bewahrheiten sollte.

„Bei synoptischer Betrachtung der therapeutischen Bemühungen der verflossenen 20 Jahre nach Sidney Farber war aus den nach meiner Einschätzung besten Therapieansätzen einschließlich der ZNS-Präventivmaßnahmen und eigenen Einsichten an kleinen Patientenkollektiven ein erstes Verhaltensmuster erkennbar.

  1. Eine zunehmend kleinere Zahl von ALL-Patienten erreicht nicht das erste Nahziel, die Remission nach 4 Wochen; die Fraktion dieser Patienten war nur sehr unscharf mit der initialen Therapie vergesellschaftet. In manchen frühen Analysen blieben diese Patienten auch schlicht unberücksichtigt, was auch für die frühen therapiebedingten Todesfälle gilt.

  2. Die rasch rezidivierenden ALL-Patienten waren tendenziell älter oder ganz jung, besaßen höhere und hohe initiale Leukozytenzahlen und große Abdominalorgane oder eine Raumforderung im vorderen Mediastinum. Diese Patienten (fast die Hälfte aller Patienten) waren während der ersten 6–10 Monate rezidiviert.

  3. Ungefähr 30% der Patienten rezidivierten zögerlicher; Remis­sionsdauern von über 1 Jahr waren nicht mehr die Ausnahme. Diese Patienten waren eher Mädchen, besaßen niedere Leukozytenzahlen bei Diagnose, hatten eine weniger deutliche Organomegalie, waren dann aber doch wegen der längeren Dauer der Erstremission etwas mehr durch ein ZNS-Rezidiv gefährdet. Diese Patientengruppe hatte die Chance auf eine 2. Remission, allerdings ohne kurative Aussicht.

  4. Alle Studien der 60iger Jahre in den USA und Frankreich mit ausreichend großen Patientenzahlen generierten eine kleine Fraktion von Patienten, die in einem überschaubaren Zeitrahmen nicht rezidivierten. Das Muster dieser Patienten war recht einheitlich; erneut eher Mädchen, Kleinkinder, initiale Leukopenie, oft mit Fehlen von Leukämiezellen im Blutausstrich, kleine Abdominalorganen, also eine Positivselektion. Misstrauisch konnte man werden, wenn die zur Bewertung benutzten Pa­tientenkollektive klein waren, z. B. unter 100 Patienten betrugen, dann konnten sich Positivselektionen ergeben. Das war mit einer Kleinstudie in Memphis der Fall. Die damals daraus abgeleitete Heilungsziffer von knapp 50% bei 35 Patienten hat besonders in Europa irregeführt. Trotzdem: die Langzeitremissionen, auch wenn die Fraktion nur bei 10% lag, gab Mut und stärkte auch das Vertrauen auf eine bessere Zukunft. Die 4 hier aufgeführten Untergruppen sind auch heute wie 1965 noch existent, was bedeutet, dass bei Annahme einer unveränderten ALL-Biologie ein Großteil unserer Patienten aus prinzipiellen Gründen zu viel Therapie erhält, viele Patienten aber nur dank dieser Schieflage die Heilung erleben“.

Wegweisend war die konsequente Umsetzung von 5 Behandlungsprinzipien, die sich bis auf die präventive Bestrahlung und die Gabe von Cortison/Vincristin Pulsen in der Erhaltungstherapie bis heute unverändert bewährt haben.

„1970 stellte ich nach meiner Rückkehr aus den USA bei Konzep­tion der neuen Behandlungsstudie folgende Überlegungen an, ­wobei ich mir als Empiriker des spekulativen Charakters dieser Überlegungen zumindest teilweise bewusst war.

  1. Die Behandlung musste kopflastig intensiv gestaltet sein, um damit den mir aus Experimenten an Zellkulturen bekannten zellulären Resistenzen zu begegnen.

  2. Es sollten alle bekannten, als wirksam erwiesenen Wirkstoffe, möglichst gleichzeitig oder in raschen zeitlicher Abfolge zum Einsatz kommen. Mit dieser Vorgabe war das Prinzip der komplexen Polychemotherapie geboren. Die 8 verwandten Wirkstoffe sollten dabei ohne Dosisreduktion verabreicht werden.

  3. Das Prinzip des „overkills“ war ein zentraler Gesichtspunkt der Behandlungsstrategie, da auch nach theoretischen Überlegungen nur damit die Fraktion von kurativ behandelten Patienten maximiert werden könne (siehe auch obige Anmerkung).

  4. Die Präventivbestrahlung der Neuroachse in stark reduzierter Dosierung (1000 rad Oberflächendosis, entsprechend ca. 800 rad Herddosis). Nach Kenntnis der Daten aus Memphis war aus damaliger Sicht der gänzliche Verzicht auf diese zusätzliche Therapiemaßnahme schlicht nicht möglich gewesen [1].

  5. Zur Dauertherapie wurde wie in den späten 60iger Jahren die zyklisch alternierende Behandlung in einer Modifikation von Zuelzer beibehalten (je 3 Monate 6-Mercaptopurin, p. o., Methotrexat wöchentlich i. v. und Cyclosphosphamid täglich p. o.) Letzteres war damals noch per os (ASTA) verfügbar, wurde aber nachfolgend wegen der unklaren und unsicheren enteralen Resorption vom Markt genommen. Dieser Umstand war auch der Grund, 1974 während der 1. Berliner Therapiestudie die Dauertherapie nach internationalem Muster zu modifizieren (6-MP mit MTX in Kombination, zusätzliche einwöchige Prednison/VCR-Reinduktionen). Gleichzeitig wurde die Dauer der sog. Erhaltungstherapie von 36 auf 18 Monate verkürzt“.

In den folgenden Jahren arbeitete Prof. Riehm als Oberarzt, dann als Professor für Pädiatrie ab 1972 in der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Freien Universität Berlin. Diese Position begleitete er bis 1984. Wegweisend für die weitere Leukämiebehandlung war die Berliner ALL Pilotstudie 1970 bis 1976 [30].

„Am 1. Oktober 1970 startete die Pilotstudie, auch weil zufällig in den ersten 10 Oktobertagen 5 Patienten mit ALL diagnostiziert wurden. Die ersten 4 Behandlungswochen waren schon zuvor im Gebrauch und folgten dem konventionellen Muster (Prednison 28 Tage p. o., L-Asparaginase (Crasnitin BAYER) 28 Tage i. v., an den Tagen 1, 8, 15 und 22 je intravenöse Injektionen von Vincristin und Daunorubicin, 2 mg/m² KO bzw. 30 mg/m² KO). Diese Patienten hatten Anfang November die Remission im Knochenmark erreicht und sich leidlich erholt. Im Gegensatz zum zuvor geübten Verfahren entschloss ich mich, die Intensivtherapie mit den 4 alternativ verfügbaren Wirkstoffen fortzusetzen, heute noch als Phase 2 von Protokoll I bekannt (28 Tage 6-Mercaptopurin p. o., Methotrexat intrathekal an den Tagen 3, 10, 17 und 24, Cytosin arabinoid i. v. an den Tagen 3–6, 10–13, 17–20, 24–27 sowie Cyclophosphamid per Infusion an den Tagen 1, 15 und 29). Gleichzeitig wurde fraktioniert die Neuroachse in 6–10 Sitzungen in der radiotherapeutischen Abteilung im Klinikum Westend (Prof. zum Winkel) mit 1 000 rad Oberflächendosis bestrahlt. Die Intention dieser 2. vierwöchigen Intensivbehandlung war erklärtermaßen die individuelle Therapietoleranzgrenze zu erreichen, diese dann aber bei intolerabler Toxizität nicht zu überschreiten und Abstriche nach Maßgabe des verantwortlichen Arztes zu erlauben. Darin lag gewiss auch eine Schwäche des Konzepts, da Intolerabilität individuell unterschiedlich beurteilt werden kann. Auch nachfolgend gelang es selten, den vorgegebenen Zeitplan zu realisieren, besonders bei älteren Kindern und Jugendlichen. Die Schwere der Toxizität war am besten mit der Lymphozytenzahl im Blut korreliert, was sich dann bald auch als Grund für die Manifestation der opportunistischen Infektionen mit Pneumocystis carinii und Pilzen erwies. Bei einem der ersten 5 Patienten, dem ältesten, mussten wir die Behandlung in Phase II schon nach 10 Tagen abbrechen; er blieb mit Dauertherapie seit jenen Tagen in Remission. Nach diesen ersten 8 Wochen waren die Kinder erschöpft, der Genesungsprozess dauerte 2–4 Wochen. Die anschließende Dauertherapie gestaltete sich dann entsprechend dem Zuelzer-Schema, dessen Wirksamkeit wir im Kontext mit der Intensivbehandlung nie zu bewerten vermochten. Der 3-monatliche Wechsel von 6-MP, MTX und Cyclophosphamid sollte das Aufkeimen der zellulären Resistenz hinauszögern; auch darin blieben wir eine Antwort schuldig. Die Maßnahmen (Darmdekontamination, präventive Schleimhautpflege, präventive Applikation von Pentamidine isothionate zur Vorbeugung gegen die Pneumocystis-Infektion, orale Vorbeugung gegen Infektionen mit Candida albicans und anderen Pilzen) haben sich zweifelsfrei als effizient erwiesen. Die Prävention der gefürchteten interstitiellen Pneumonie durch Pneumocystis carinii mit Cotrimoxazol sowohl während der langen Induktionsbehandlung als auch besonders während der Dauertherapie wurde in Memphis erfolgreich erprobt und war für uns alle ein Befreiungsschlag“.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden zunächst deutschlandweit [30] zur Kenntnis genommen, später auch international publiziert [31]. Viele Kinder wurden zur Behandlung nach Berlin überwiesen. Das führte zu einer Überlastung sowohl der onkologischen Station als auch der Laboratorien, der Ärzte und Pflegekräfte. Es gelang auch kaum noch die Patienten und ihre Eltern angemessen unterzubringen. Es erwies sich als klüger und nachhaltiger, auch andere für die Ideen zu begeistern und die Therapie zu exportieren.

„Prof. Bernhard Kornhuber/Frankfurt kannte ich schon aus den Anfangstagen der DAL, da er diese Treffen in Frankfurt organisierte und mit Leben ausfüllte. Er hatte in Prof. Hövels einen Chef, der ihm vertraute. Prof. Günther Schellong lernte ich auf einer SIOP/ESPHI-Tagung in Genua 1974 kennen. Beide wurden meine engsten Weggefährten und waren Willens, den beschwerlichen Weg gemeinsam zu gehen. Dem schlossen sich praktisch gleichzeitig, wie schon oben angedeutet, zahlreiche Kollegen aus der ganzen BRD an, die den Zustand der Untätigkeit bei Leukämiekindern auch nicht mehr ertragen konnten. Das Konzept der Therapiemaximierung überzeugte so viele meist im zweiten Glied tätige Pädiater, dass schon 1975 20 Kliniken der BRD miteinander interagierten und im Gedankenaustausch voneinander profitierten. Das Label BFM war ziemlich willkürlich gewählt, auch die Kliniken in Heidelberg, Augsburg, Kiel, Essen, Hannover, Nürnberg, Homburg/Saar, Erlangen, Köln, München-Schwabing, Tübingen und Würzburg meldeten ihre Studienteilnahme an und hatten schon einzelne ALL-Patienten nach dem Berliner Plan behandelt. Berlin, Frankfurt und Münster waren die größten Einrichtungen, daher wohl die Namenwahl. Aufgrund der rekrutierten Patienten wurden 1974/76 Patienten aus Frankfurt und Münster in die Berliner Pilotstudie integriert, da diese 134 Patienten identisch behandelt waren. Die damalige Analyse ergab eine Rezidivfreiheit von über 70%, allerdings bei einer medianen Remissionsdauer von unter 2 Jahren. Bei den 74 Berliner Patienten war jedoch diese Zahl nur unwesentlich kleiner, ein Ergebnis, wie es das noch nie zuvor gegeben hatte. Die Nachfolgestudie BFM 76 war in Planung, in Berlin in einigen Teilen schon pilotisiert und sollte dann die größte pädiatrische Prospektivstudie mit Randomisation werden die, wie nachfolgend geschildert, weltweit einen neuen Horizont eröffnete“.

Aus heutiger Sicht ist die Leistung von Hansjörg Riehm natürlich evident. In seiner Zeit war es allerdings schwierig gegen etablierte Meinungen diese Therapie durchzusetzen. Auch darf angemerkt werden, dass Riehm’s kompromissloser Einsatz für diese Therapieentwicklungen für viele ungewohnt und unverstanden war; auch konnte Riehm in seinem energischen Einsatz für die Sache manchen Kollegen in seiner Umgebung durchaus irritieren, manchmal vielleicht auch überfordern und bisweilen brüskieren.

„Wir hatten den Therapietod einiger Kinder zu beklagen, was wir nicht anders erwarten konnten; schließlich galt damals (siehe auch das Lehrbuch von Fanconi aus jener Zeit, der pädiatrischen Bibel) die akute Leukämie als inkurabel, was aus meiner Sicht das Eingehen eines hohen Risikos rechtfertigte, ja sogar von uns abverlangte. Die Mehrzahl der Pädiater auf den deutschen Lehrstühlen sah das ganz anders. Deren Bemühungen, mir das Handwerk zu legen, blieben mir weitgehend unbekannt oder waren nur als Gerüchte im Umlauf. Auch war ich in Berlin weit vom Schuss und hatte in Prof. Helge, dem Chef der Klinik, einen Freund auf meiner Seite. Die Kinderärzte, die nicht in der Chefetage residierten, dachten mehrheitlich wie ich. Auf manchen Reisen konnte ich in diesen kritischen Jahren zahlreiche Kollegen mit meinen Vorstellungen überzeugen. Mit oder ohne Zustimmung der leitenden Pädiater entstanden kleine Behandlungseinheiten, deren verantwortliche Ärzte dann auch in Berlin hospitierten und die Lektionen lernten, die wir oft schon kannten. So entstand ein kollegiales Netzwerk, das sich 1976 den Namen BFM gab“.

„Die Probleme der Zusammenarbeit in der damaligen BRD waren 1975 nicht mehr in erster Linie die Querelen mit den etablierten Lehrstuhlprofessoren: Die hatten mehrheitlich begriffen, dass sich in Berlin ein neuer Horizont geöffnet hatte. Immer noch schwer fiel den Etablierten den Gedanken zu akzeptieren (nicht nur für einen Pädiater auch tatsächlich eine Albtraum), dass bei der Leukämie der Heilung der mögliche therapiebedingte Tod vorausgeht. Die Querelen bezogen sich auf interne Inkompatibilitäten der pädiatrischen Onkologie im Lande; eine Minderheit konnte und wollte sich nicht mit der Mehrheit solidarisieren. Eine allerdings nur scheinbar konkurrierende Studiengruppe etablierte sich. Bei einer im April 1975 vom damaligen Vorsitzenden der DAL (Prof. Landbeck/Hamburg) einberufenen Kommission in Rothenburg ob der Tauber konnte kein Konsens hinsichtlich einer gemeinsamen deutschen ALL-Studie erreicht werden, was für die anderen selteneren Entitäten der pädiatrischen Onkologie nachfolgend eine Selbstverständlichkeit war. Eine andere noch kleinere Minderheit von Pädiatern meist in provinziellen Kinderabteilungen grenzte sich gänzlich aus, benutzte aber wohl das Studienprotokoll der BFM-Studie“.

Es ist sicherlich der Persönlichkeit von Prof. Riehm zuzuschreiben, dass es ihm gelang, nicht nur die Leukämietherapie zu vereinheitlichen, sondern den Impuls setzte, auch in den anderen Feldern der pädiatrisch-onkologischen Therapie zu einheitlichen bundesweiten, später deutschlandweit gültigen Therapieprotokollen zu kommen [12] [14] [16] [17].

1984 wurde Prof. Riehm auf die neu geschaffene Stelle des Direktors einer Abteilung für pädiatrische Hämatologische und Onkologie der Medizinischen Hochschule Hannover berufen [25]. Diese Stelle hatte er bis 1997 inne. Danach ging er für 3 Jahre als Visiting Professor an das Childrenʼs Research Hospital, Dr. Boldrini, Campinas, Brasilien.

Prof. Riehm hat durch seine Arbeit nicht nur die Therapie der ALL revolutioniert [11] [13] [15] [16] [18] [29] [32]. Vielmehr hat er die entscheidenden Anstöße gegeben für die erfolgreiche Behandlung von malignen Non-Hodgkin Lymphomen [10] [19] [20] [22], Hodgkin Lymphomen [24] [33] [34], akuten myeloischen Leukämien [4] [5] [6] [7] [8] und myelodysplastischen Syndromen [3]. Er war der kritische Signalgeber, auch in den Studiensitzungen für andere Tumorentitäten, z. B. bei der Behandlung von Hirntumoren. Zur Durchsetzung der Ideen und Fortschritte im Bereich der Leukämietherapie und im Bereich der Therapie der malignen Lymphome diente die Etablierung der BFM-Studiengruppe, deren Initiator Prof. Riehm war und die seit 1978 25 jährliche Treffen abgehalten hat ([Tab. 1]).

Tab. 1 BFM-Plenarsitzungen 1978–2012.

Ort

Gastgeber

Jahr

Münster

Prof. Schellong

11/1979

Heidelberg

PD Dr. Brandeis

03/1979

Homburg/Saar

Dr. Wahlen

01/1980

Köln

Prof. Rister

02/1981

Tübingen

Prof. Niethammer

02/1982

Bayreuth

Prof. Wündisch

06/1983

Hannover

Prof. Riehm

02/1985

Freiburg/Breisgau

Prof. Sutor

09/1986

Essen

Prof. Havers

10/1988

Augsburg

Dr. Gnekow

03/1990

Kassel

Prof. Wehinger

10/1991

Erlangen

Prof. Beck

07/1993

Magdeburg

Prof. Mittler

03/1995

München

Prof. Götze und Müller-Weirich

10/1996

Erfurt

PD Dr. Weinmann

10/1998

Lübeck

Prof. Bucsky

06/2000

Gießen

Prof. Reiter

09/2001

Berlin

Prof. Henze

04/2003

Frankfurt

Prof. Klingebiel

11/2004

Kiel

Prof. Schrappe

03/2006

Nürnberg

Prof Scheuerlen

10/2007

Bonn

Prof. Bode

01/2009

Dresden

Prof. Suttorp

03/2010

Homburg/Saar

Prof. Graf

03/2011

St. Gallen/Schweiz

Dr. Greiner

04/2012

Die Erfolge blieben jedoch nicht auf Deutschland begrenzt: 1987 wurde die internationale BFM-Studiengruppe[3] gegründet, die Prof. Riehm bis 1994 leitete. Sie hat seitdem 23 internationale Meetings abgehalten ([Tab. 2]). Diese Arbeitsgruppe hat dazu beigetragen, dass sich die Ideen über die gesamte Welt verbreitet haben.

Tab. 2 Jahrestreffen der I-BFM Study Group.

Ort

Gastgeber

Jahr

Münster, Deutschland

Vorbereitungstreffen Prof. Schellong

04/1987

Eindhofen, Niederlande

Prof. Kamps

06/1988

Monza, Italien

Prof. Masera

04/1989

Baden bei Wien, Österreich

Prof Gadner

03/1990

Annecy, Frankreich

Prof. Philip

10/1991

The Hague, Niederlande

Prof. Kamps

11/1992

Berlin, Deutschland

Prof. Henze

04/1992

Gent, Belgien

Prof. Benoit

05/1996

Freiburg, Deutschland

Prof. Niemeyer

05/1997

Zürich, Schweiz

Prof. Plüss

04/1998

Monza, Italien

Prof. Masera

05/1999

Groningen, Niederlande

Prof. Kamps

05/2000

Prag, Tschechische Republik

Prof. Stary

05/2001

Budapest, Ungarn

Dr. Magyarosy/Prof. Schuler

05/2002

Paris, Frankreich

Dr. Cave

05/2003

Celle, Deutschland

Prof. Schrappe

05/2004

Wien, Österreich

Prof. Gadner

04/2005

Noordwijkerhout, Niederlande

Prof. Egeler

04/2006

Bruges, Belgien

Prof. Benoit

05/2007

Glasgow, Schottland

Prof. Gibson

04/2008

Bergamo, Italien

Prof. Biondi/Prof. Masera

05/2009

Antalya, Türkei

Prof Yueksel-Soykan

10/2010

Gdansk, Polen

Prof. Kowalczik

05/2011

Santiago, Chile

Prof. Campbell

04/2012

1992 war Prof. Riehm Gastgeber der 24. SIOP Jahrestagung in Hannover.

1995 war er an der Gründung der Ponte di Legno-Initiative beteiligt, die seitdem internationale Auswertungen durchgeführt hat und sich wiederholt getroffen hat [21] [35]. Sein Erfolg als akademischer Lehrer dokumentiert die Vielzahl seiner Schüler, die er zu einer erfolgreichen akademischen Karriere ermutigt und sie auf ihrem Weg unterstützt und inspiriert hat ([Tab. 3]). Die Medizinische Hochschule Hannover hat in Gedenken an seine herausragenden Leistungen als Lehrer und Forscher einen Preis mit seinem Namen (Hansjörg Riehm Preis für Exzellenz in der Pädiatrischen Onkologie) ausgelobt ([Tab. 4]).

Tab. 3 Wissenschaftliche Mitarbeiter von Professor Riehm mit akademischer Karriere.

Prof. Dr. Dr. h. c. Helmut Gadner

Wien

Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Henze

Berlin

Prof. Dr. Karl Welte

Hannover

Prof. Dr. Alfred Reiter

Gießen

Prof. Dr. Martin Schrappe

Kiel

Prof. Dr. Charlotte Niemeyer

Freiburg

Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Bucsky

Lübeck

Prof. Dr. Karl-Walter Sykora

Hannover

Prof. Dr. Stefan Müller-Weihrich

München

Prof. Dr. Thorsten Pietsch

Bonn

Prof. Dr. Hans-Joachim Feickert

Neu-Brandenburg

Prof. Dr. Selim Corbacioglu

Regensburg

Prof. Dr. Gholamali Tariverdian

Heidelberg

Tab. 4 Hansjörg Riehm Preis für Exzellenz in der Pädiatrischen Onkologie. (Unterstützt durch die Abteilung für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der MHH Hannover).

Jahr

Preisträger

Ort

2000

Prof: Gadner

Wien

2002

Prof. Masera

Monza

2004

Prof. Niethammer

Tübingen

2006

Prof. Sackman-Muriel

Buenos Aires

Prof. Riehm selbst ist mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen bedacht worden (s. [Tab. 5]). In der langen Liste der Ehrungen finden sich Ehrenmitgliedschaften ebenso wie Ehrendoktorwürden verschiedener Universitäten mit denen Herr Riehm besonders eng zusammen gearbeitet hat. Daneben besonders hervorzuheben ist die vom Senat der Vereinigten ­Staaten verliehene Auszeichnung, das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und der ­Otto-Heubner-Preis der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin[4], der maximal alle 3 Jahre an hervorragende Ärzte und Wissenschaftlicher verliehen wird, die die Kinderheilkunde maßgeblich geprägt haben.

Tab. 5 Auszeichnungen und Ehrungen.

Jahr

Preis

Ort

1973

Kind Philipp Preis für Leukämieforschung

Frankfurt

1979

Johann Georg Zimmermann Preis für Krebsforschung (zusammen mit D. Pinkel/USA)

Hannover

1985

Ehrenmitglied

Chilenische Gesellschaft für Hämatologie

1986

Deutscher Krebspreis (zusammen mit H. zur Hausen)

1989

Ehrenmitglied

Böhmische Gesellschaft für Onkologie, Prag

1992

Ehrenmitglied

Ungarische Gesellschaft für Pädiatrie, Budapest

1992

Doctor honoris causa (Mentor Prof. Ochocka/Warschau)

Medizinische Universität Warschau

1994

Ehrenmitglied

Südafrikanische Gesellschaft für Pädiatrie

1994

Doctor honoris causa

Katholische Universität Santiago, Chile

1995

Ehrenmitglied

Katalanische Gesellschaft für Pädiatrie

1997

Preis der Deutschen Krebsgesellschaft

1997

Ehrenmitglied

Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und ­Hämatologie

1998

Ehrenmitglied

Chilenische Gesellschaft für Pädiatrie

1998

Ehrenmitglied

Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie

2000

Ehrenmitglied

Polnische Gesellschaft für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie

2001

Ehrenmitglied

Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde

2002

Gold Medal for Cancer Research

Zweite Medizinische Fakultät, Karls Universität Prag

2003

European Award

International Society of Pediatric Oncology (SIOP)

2003

Congressional Record of Honor (zusammen mit D. Pinkel/USA)

Senat der Vereinigten Staaten von Amerika

2007

Doctor honoris causa (Mentor Prof. Chybicka/Warschau)

Medizinische Universität Warschau

2007

Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der BRD

2009

Ehrenmitgliedschaft

Amerikanische Akademie für Pädiatrie

2009

Scientific Award, first recipient (Mentor Prof. Masera, Italien)

Universität von Milano-Bicocca

2011

Otto-Heubner-Preis

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

2012

Professor honoris causa

Medizinische Fakultät, Universität Chile