Fortschr Neurol Psychiatr 2013; 81(6): 307
DOI: 10.1055/s-0033-1335643
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Neues und Bekanntes zur Migräne

Migrain: Known and New Facts
S. Förderreuther
,
M. Dieterich
Further Information

Publication History

Publication Date:
17 June 2013 (online)

Kopfschmerz ist eines der häufigsten Symptome, das Patienten zum Arzt führt. Unter den primären Kopfschmerzerkrankungen ist die Migräne nach dem Spannungskopfschmerz die zweithäufigste Erkrankung. Die Übersichtsarbeit von Speck und Maihöfner (S. 308) fasst das facettenreiche klinische Bild der Migräne, den Kenntnisstand zur Pathophysiologie sowie Altes und Neues zur Therapie zusammen und bietet so eine hervorragende Gelegenheit, nicht nur das Spektrum der Erkrankung zu studieren, sondern sie zeigt auch bei einem für viele vertrauten Krankheitsbild neue und interessante Aspekte auf.

Die Migräne gilt als typische Erkrankung der Frau, ist jedoch auch bei Männern mit einer 1-Jahresprävalenz von 6 – 8 % nicht selten, wenngleich aber als „Frauenleiden“ oft nicht diagnostiziert. Noch immer werden Migränekopfschmerzen häufig als zervikogen fehlgedeutet; aktuelle Arbeiten zeigen auf, warum dies so oft passiert: Nackenschmerzen sind bei Migräne tatsächlich sehr häufig [1]. Sie beruhen auf der Konvergenz von trigeminalen und zervikalen Afferenzen im trigemino-zervikalen Komplex des Ncl. caudalis des N. trigeminus, was zu einem übertragenen Schmerz führt, so wie man das auch vom Schmerz im linken Arm beim Myokardinfarkt kennt [2]. Daher kann man davon ausgehen, dass Nackenschmerzen für die Migräneattacke typisch sind, sie sollten nur nicht als Ursache einer Migräne verkannt werden und zu falschen Behandlungskonzepten führen.

Bei der Generierung von Migräneattacken spielen organische und psychische, extrinsische und intrinsische Einflussgrößen eine Rolle, die mehr oder weniger gut beeinflusst werden können. Die Migräne ist damit eine Modellerkrankung für das Zusammenwirken von Soma und Psyche. Das gilt auch für die Komorbiditäten: Migränepatienten haben ein statistisch leicht erhöhtes kardiovaskuläres Risiko und weisen eine Assoziation mit depressiven und bipolaren Störungen, Angsterkrankungen, Schlafstörungen und der posttraumatischen Belastungsstörung auf.

Die Migräne verläuft meist chronisch und begleitet Betroffene von der Jugend bis ins Alter. Wenn nach der aktuellen Kopfschmerz-Klassifikation nun der relativ neue Terminus der chronischen Migräne verwendet wird, beschreibt der jedoch nicht diesen Umstand, sondern eine besondere Verlaufsform der sonst meist episodisch verlaufenden Erkrankung: Aus den typischen episodischen Attacken kann sich allmählich eine Zunahme der Attackenfrequenz entwickeln, sodass schließlich an mehr als 15 Tagen im Monat, oft sogar fast täglich, Kopfschmerzen auftreten. Diese weisen teilweise noch den typischen Migränecharakter mit allen Begleitsymptomen auf, erfüllen aber teilweise die Kriterien für einen episodischen Migränekopfschmerz nicht mehr in Gänze. In der alten Klassifikation hätte man dies bei vielen Patienten als Kombination von Migräne und Spannungskopfschmerz gewertet. Patienten, die in dieser Weise chronifizieren, sind jedoch wie bei Migräne zu therapieren. Sie sind besonders schwer beeinträchtigt, sie betreiben häufig einen Analgetikaübergebrauch und zeichnen sich in besonders hohem Maß durch migränetypische Komorbiditäten wie Depressionen und Angststörungen aus [3]. Diese Patienten profitieren besonders von speziellen Versorgungsstrukturen wie der integrierten Kopfschmerzversorgung oder speziellen (Kopf-)Schmerzambulanzen, die multimodale, d. h. medikamentöse und nicht medikamentöse Therapiekonzepte anbieten.

In die Palette der Therapieoptionen haben sich in den letzten Jahren auch operative Verfahren gereiht. Der Stellenwert der diversen neuromodulatorischen Stimulationsverfahren am N. occipitalis major, am N. vagus oder am Ganglion sphenopalatinum kann derzeit noch nicht abschließend beurteilt werden. Dagegen kann man aufgrund der aktuellen Studienlage sagen, dass der Verschluss eines persistierenden Foramen ovale oder die Korrugatorchirurgie abzulehnen sind.

Erfreulicherweise wächst unser Kenntnisstand zur Migräne stetig und trägt so zu einer deutlich verbesserten Versorgung unserer Patienten bei.

Zoom Image
Priv. Doz. S. Förderreuther
Zoom Image
Univ. Prof. M. Dieterich