PSYCH up2date 2012; 6(06): 325
DOI: 10.1055/s-0032-1327284
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Neuroenhancer Koffein: Die gute Nachricht für alle Kaffeetrinker!

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Publication Date:
30 October 2012 (online)

Während Aufputschmittel und Appetitzügler wie Amphetamine und verwandte Substanzen in den 1950er- und 1960er-Jahren des letzten Jahrhunderts weit verbreitet waren, aber aufgrund ihrer schädlichen Wirkung und ihres Suchtpotenzials Schritt für Schritt aus dem Handel genommen wurden, ist das Interesse in den letzten Jahren an stimulierenden Substanzen wieder größer geworden. Nur spricht man nicht mehr von Aufputschmitteln, sondern neudeutsch von „Neuroenhancern“, obwohl im Endeffekt das Gleiche gemeint ist.

Zu diesem verstärkten Interesse haben sicherlich die stimulierende Wirkung von Antidepressiva wie etwa Fluoxetin, in den USA auch als „Glückspille“ bekannt, die Neueinführung stimulierender Substanzen wie Modafinil oder die zunehmend häufige Verwendung von Methylphenidat beigetragen. Etwas in Vergessenheit geraten scheint dabei, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag eine Substanz konsumieren, die ebenfalls als Neuroenhancer bezeichnet werden kann, da sie zentral stimulierende Effekte hat: Koffein.

Mit einer gewissen Berechtigung kann man davon sprechen, dass wohl viele Menschen auch von Koffein abhängig sind. Abhängigkeiten sind ja dadurch definiert, dass der Konsum über die Jahre gesteigert wird und man höhere Dosen benötigt, um die gleichen Effekte zu erzielen und gewisse Entzugssymptome beim Absetzen auftreten (z. B. Kopfschmerzen, vermehrte Müdigkeit als typische Absetzphänomene bei Koffein).

Vermehrter Koffeinkonsum passt auch zu unserer Gesellschaft mit ihrem hohen Leistungsanspruch und ihrer Beschleunigung in vielen Bereichen. Ich kann mich nicht erinnern, dass man vor 20 Jahren in einer Bar einen doppelten Espresso bestellt hat, heutzutage scheint es schon fast die Regel als die Ausnahme zu sein. Da ist die Frage berechtigt, ob Koffeinkonsum generell bzw. auch ein höherer Koffeinkonsum für die körperliche und seelische Gesundheit langfristig zuträglich ist.

Immer mehr wissenschaftliche Befunde zeigen nun, dass der Konsum von Koffein wohl eher mit positiven langfristigen Auswirkungen sowohl für psychische als auch für die körperliche Gesundheit verbunden ist. So konnten mehrere Studien, u. a. eine Untersuchung im vergangenen Jahr, zeigen, dass bei Frauen eine inverse Beziehung zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko an einer Depression zu erkranken besteht [1]. Dies war nur eine Assoziation, die keinen Kausalzusammenhang beweist, der natürlich nur in einer randomisierten, kontrollierten, prospektiven Studie gesichert werden könnte.

Eine neue Untersuchung zur körperlichen Gesundheit zeigt nun ähnliche Zusammenhänge bezüglich des Risikos an körperlichen Krankheiten zu sterben [2]. Auch die Gesamtsterblichkeit war bei Kaffeekonsumenten niedriger! Hier ist natürlich ebenfalls nicht belegt, dass es sich um einen Kausalzusammenhang handelt. Aber zumindest dürfen wir es als Hinweis werten, dass Kaffeekonsum offensichtlich nicht schädlich zu sein scheint, zumal die Risikominderung mit der Anzahl der Tassen anstieg.

Ist das nicht wirklich eine gute Nachricht? Bei den meisten Drogen, insbesondere auch Alkohol und Nikotin, sind die langfristigen negativen Auswirkungen für die körperliche und meist auch psychische Gesundheit eindeutig belegt. Da ist es schon erfreulich, dass uns unsere Koffeinabhängigkeit offensichtlich nicht zu schaden scheint!

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

 
  • Literatur

  • 1 Lucas M, Mirzaei F, Pan A et al. Coffee, Caffeine, and Risk of Depression Among Women. Arch Intern Med 2011; 171: 1571-1577
  • 2 Freedman ND, Park Y, Abnet CC et al. Association of Coffee Drinking with Total and Cause-Specific Mortality. N Engl J Med 2012; 366: 1891-1904