Gesundheitswesen 2013; 75(07): 440-447
DOI: 10.1055/s-0032-1323755
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das Wunsch- und Wahlrecht des §9 SGB IX bei der Beantragung einer medizinischen Rehabilitation: Ergebnisse eines regionalen Surveys unter Versicherten der Gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung[*]

The „Wunsch- und Wahlrecht“ from §9 SGB IX in Case of the Application for the Medical Rehabilitation: Findings of a Regional Survey among Insurees of a Federal Pension Fund and a Compulsory Health Insurance Fund
N. Pohontsch
1  Institut für Sozialmedizin, Universität zu Lübeck
,
F. Welti
2  Institut für Sozialwesen, Universität Kassel
,
H. Raspe
3  Seniorprofessur für Bevölkerungsmedizin, Universität zu Lübeck
,
T. Meyer
4  Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
10 December 2012 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund und Ziel der Studie:

Seit 2001 ist das Wunsch- und Wahlrecht für Leistungen zur Teilhabe, zu denen auch die medizinische Rehabilitation gehört, in § 9 Abs. 1 SGB IX geregelt. Die Regelung soll das Wunsch- und Wahlrecht inhaltlich und im Verfahren stärken. Ziel der vorliegenden Studie war die repräsentative Erhebung der Ausgestaltung des Wunsch- und Wahlrechts im Prozess der Antragstellung auf Leistungen der medizinischen Rehabilitation aus Sicht der Betroffenen.

Methodik:

Insgesamt 2 000 Reha-Antragsteller (alle somatischen und psychosomatischen Indikationen) der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Nord und der Innungskrankenkasse (IKK) Nord wurden gebeten, an einer postalischen Befragung zum Wunsch- und Wahlrecht teilzunehmen.

Ergebnisse:

Der Rücklauf betrug 66%. Die meisten Befragten berichteten, ihren Rehabilitationsantrag sofort bewilligt bekommen zu haben. Die Hilfsperson bei der Antragstellung und die Informationsperson zum Wunsch- und Wahlrecht unterschieden sich in Abhängigkeit von der beantragten Rehabilitationsform (Anschlussrehabilitation vs. Heilverfahren). Etwa die Hälfte der Befragten gab an, das Wunsch- und Wahlrecht zu kennen. Bei Rehabilitanden in der Anschlussrehabilitation lag der Anteil deutlich höher. Ungefähr 2/3 aller Befragten hatten Wünsche bezüglich der Auswahl der Rehabilitationseinrichtung und etwa die Hälfte hat diese dem Leistungsträger mitgeteilt. Der Großteil der Wünsche bezog sich auf eine konkrete Einrichtung, einen Ort/eine Region oder die Entfernung der Einrichtung vom Wohnort. Geäußerte Wünsche wurden in den meisten Fällen (89%) berücksichtigt. Bei den Auswahlkriterien für die Wahl einer zukünftig aufzusuchenden Rehabilitationsklinik lagen Aspekte der Unterbringung, Ausstattung und Lage der Einrichtung an den ersten 3 Stellen, erst dann folgten Aspekte der Behandlung und des respektvollen Umgangs mit den Rehabilitanden. Bezüglich der Form der Information über Rehabilitationseinrichtungen zeigten sich klare Präferenzen in Richtung Broschüre (vs. Internet), vergleichender und unabhängiger Einrichtungsdarstellung sowie Erfahrungsberichte einzelner Rehabilitanden.

Schlussfolgerung:

Die vorliegende Untersuchung behandelt die Frage, wie sich das Wunsch- und Wahlrecht in der Wirklichkeit der Rehabilitation der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung niedergeschlagen hat. Die Ergebnisse des Surveys sprechen dafür, dass viele Befragte ihr Wunsch- und Wahlrecht kennen und teilweise auch in Anspruch nehmen. Wünsche beziehen sich im Moment noch hauptsächlich auf den Ort oder die Region der Rehabilitation. Es gibt Bedarf, Reha-Antragsteller regelhaft über ihr Wunsch- und Wahlrecht zu informieren und gleichzeitig über weitere potenziell relevante Kriterien zur Einrichtungsauswahl aufzuklären.

Abstract

Objectives:

The Social Code Book Nine (SGB IX), which was implemented in 2001, contains the “Wunsch- und Wahlrecht” for medical rehabilitation services in para. 9. This describes a right to participate and choose in the process of rehabilitation. The aim of the study was to collect representative data about the implementation of the para. 9 SGB IX during application for medical rehabilitation services from the applicants’ point of view.

Methods:

A total of 2 000 applicants for rehabilitation services (all somatic and psychosomatic indications) of a federal pension fund and a compulsory health insurance fund were invited to take part in a postal survey about the “Wunsch- und Wahlrecht”.

Results:

The response rate was 66%. Most respondents reported that their application for rehabilitation services was approved immediately. People who supported respondents during application and gave information about the “Wunsch- und Wahlrecht” differed according to the kind of rehabilitation services the respondent applied for. Half of the respondents reported to have known about their “Wunsch- und Wahlrecht”. The percentage was considerably higher for patients applying for post-hospital rehabilitation. Approximately 2/3 of the respondents had wishes concerning the choice of rehabilitation clinic. Half of those respondents reported their wishes to the insurer. Most wishes concerned the choice of a specific clinic, a place/region or the clinic’s distance from the applicant’s home. Wishes reported to the insurer were often considered (89%). Most important selection criteria for rehabilitation clinics were aspects of accommodation, clinic facilities and location, followed by aspects of treatment and the respectful treatment of rehabilitation patients. Concerning the mode of information about rehabilitation clinics, applicants preferred brochures (vs. internet), comparative and impartial information about the clinic and subjective accounts of individual rehabilitation patients.

Conclusions:

This study is an evaluation of how the “Wunsch- und Wahlrecht” has been translated to reality of rehabilitation services provided by a federal pension fund and a compulsory health insurance fund. The findings show that many respondents know about their “Wunsch- und Wahlrecht” and make use of it to a certain degree. At the moment wishes still relate mainly to the place or region of rehabilitation. This shows the necessity of informing applicants about their “Wunsch- und Wahlrecht” on a regular basis. At the same time they must be enlightened about potentially important criteria for choosing a rehabilitation clinic.

* 

* gefördert vom Verein zur Förderung der Rehabilitationsforschung in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein e.V. (vffr Projekt Nr. 128).