Gesundheitswesen 2012; 74 - A65
DOI: 10.1055/s-0032-1322051

Primärpräventive Förderung körperlich-sportlicher Aktivität aus gesundheitsökonomischer Perspektive

S Liersch 1, E Sterdt 1, V Henze 2, J Schnitzerling 2, M Röbl 3, U Walter 1, C Krauth 1
  • 1Medizinische Hochschule Hannover
  • 2ASC Göttingen von 1846 e.V.
  • 3Universitätskinderklinik Göttingen

Einleitung: Die zunehmende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas führt zu einer ökonomischen Belastung der Gesellschaft. Allein für Adipositas werden die Gesamtkosten auf 0,2% des Bruttoinlandsprodukts geschätzt (WHO 2007). Täglicher Sportunterricht in der Grundschule stellt aufgrund vollständiger Erreichbarkeit der Kinder einen wichtigen Ansatz zur Prävention von Bewegungsmangel und Übergewicht dar. „fit für pisa“ integriert auf Basis eines speziell entwickelten Curriculums täglichen Schulsport an fünf Göttinger Grundschulen während der gesamten Grundschulzeit. Die BMBF-geförderte Evaluationsstudie untersucht, inwieweit sich die Integration eines quantitativ gesteigerten und qualitativ verbesserten Sportunterrichts auf u.a. Gesundheit und Lebensqualität von Schülern auswirkt. Die ökonomische Evaluation gibt erstmals Aufschluss über kurz- und langfristige Einsparpotentiale.

Methoden: Anhand einer Prozessanalyse der Arbeitsabläufe erfolgte die Identifizierung der Präventionsleistung. Der Ressourcenverbrauch der Schulen (n=5) und Familien (n=6) wurde mittels teilstandardisierter Leitfadeninterviews erfasst die Übungsleiter (n=10) beantworteten standardisierte Fragebögen. Vom Präventionsanbieter, dem Sportverein, wurden die Bewertungsansätze des Ressourcenverbrauchs bereitgestellt. Zunächst erfolgte eine gesundheitsökonomische Kostenanalyse des zusätzlichen Sportunterrichts aus gesellschaftlicher Perspektive. In einem Modell wurde die Ausdehnung der Intervention auf alle Grundschulklassen in Niedersachsen bewertet sowie unter Berücksichtigung der mangelnden Sporthallenkapazitäten der erforderliche Investitionsbedarf beurteilt.

Ergebnisse: Die Kostenanalyse ergibt, dass die Eltern der Interventionsschüler keinen finanziellen Mehraufwand während der 4-jährigen Projektlaufzeit wahrgenommen haben. Der monetär bewertete Aufwand stratifiziert nach Kostenursache zeigt, dass 24,1% der Gesamtkosten der Durchführung, 19,0% der Entwicklung und 56,9% der Evaluation zuzurechnen sind. Die Evaluation ging über eine reine Bewertung der direkten Effekte hinaus und bewertete auch die Nachhaltigkeit der Effekte ein sowie zwei Jahre nach Abschluss der Intervention. Längsschnittanalysen zeigen, dass Interventionsschüler sowohl in der 4. als auch in der 5. Klasse ein signifikant höheres Aktivitätsniveau aufweisen als Schüler mit regulärem Schulsport (p<0,05 adjustiert für Geschlecht). Lediglich die Hälfte der Grundschulen verfügt über ausreichend räumliche Kapazitäten zur Umsetzung der Intervention in allen Klassen. Aus diesem Grund wurde der erforderliche Investitionsbedarf in Sporthallen kalkuliert. Unter Berücksichtigung der Einsparungen, der zusätzlichen Investitionskosten sowie der Entwicklungs- und Evaluationskosten, betragen die Durchführungskosten pro Klasse an Halbtagsgrundschulen bei einer flächendeckenden Umsetzung für die vierjährige Grundschulzeit 51.022,59€ (619,21€ pro Personenjahr). Der Anteil für den erforderlichen Investitionsbedarf für zusätzliche Sporthallenkapazitäten beträgt dabei 88,9%. Der aktuelle Wechsel zur Ganztagsschule würde durch die gewonnenen zeitlichen Kapazitäten eine Reduktion des Investitionsbedarfs bedeuten. Die Durchführungskosten pro Klasse betragen dann 19.433,68€ (235,85€ pro Personenjahr).

Schlussfolgerung: Täglicher Sportunterricht in der Grundschule trägt zu einer nachhaltigen Verbesserung des Aktivitätsniveaus von Kindern bei. Als wesentliche Hürden bei der Durchführung zeigen sich organisatorisch und strukturell die teilweise fehlenden Ressourcen (Räumlichkeiten, Ausstattung, finanzielle Mittel). Vor dem Hintergrund des Ausbaus der Ganztagsschulen sollte ein bewegungsorientiertes Nachmittagsangebot an Grundschulen integriert werden. Auch wenn zurzeit für viele Sportvereine die Gestaltung eines bewegungsorientiertes Nachmittagsangebotes in Schulen schwierig erscheint, könnte durch regelmäßige Ressourcenprüfung immer wieder neue Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Da Übergewicht und Adipositas sowie die damit zusammenhängenden Erkrankungen eine große wirtschaftliche Belastung für das Gesundheitssystem darstellen, besteht auch ein ökonomisches Interesse, die Prävalenzraten durch geeignete Interventionsprogramme zu senken.

Literatur:

WHO (2007) Die Herausforderung Adipositas und Strategien zu ihrer Bekämpfung in der Europäischen Region der WHO. www.euro.who.int/document/E89858G.pdf