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DOI: 10.1055/s-0032-1322046
Wie beurteilen Bürger aus bildungsfernen Bevölkerungsschichten die Verständlichkeit von schriftlichen Informationen zur Darmkrebsfrüherkennung durch Koloskopie?
Hintergrund: Die Verständlichkeit von Gesundheitsinformationen ist eine wesentliche Voraussetzung für eine informierte Entscheidung der Nutzer zur Teilnahme an Krebsfrüherkennungsmaßnahmen. Ziel der Studie ist es, die Verständlichkeit, die Struktur und das Design sowie die Wirkung und Glaubwürdigkeit existierenden Materialien unterschiedlicher Anbieter aus der Sicht bildungsferner Bevölkerungsgruppen zu erfassen.
Material und Methode: Die Materialien (4 Broschüren und 4 Flyer) werden im Rahmen von strukturierten Gruppendiskussionen à 5 Teilnehmer analysiert. Jede Testperson erhält 2–3 Materialien (in der Regel 2 Flyer und eine Broschüre) eine Woche vor einer Gruppendiskussion zugesandt. Als Testpersonen werden bildungsferne Personen (definiert über höchstens Hauptschulabschluss und höchstens abgeschlossene Lehre) im Alter zwischen 55–70 Jahren rekrutiert. Angesprochen werden diese Personen über das Auslegen von Informationsblättern in benachteiligten Stadtteilen Hannovers, z.B. in Gesundheits-/Stadtteiltreffs, Arztpraxen, Hannöversche Tafel e.V., Arbeitsagentur, Vermittlungsstelle für Langzeitarbeitslose, eine Aufwandsentschädigung von 60 Euro für die aktive Mitarbeit wird avisiert. Die Zusammenstellung der Gruppen erfolgt teils geschlechtsspezifisch und teilweise getrennt nach Materialien. Die Testungen werden aufgezeichnet und transkribiert. Die Auswertung erfolgt auf der Basis einer zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse.
Ergebnisse: Die Rekrutierung der bildungsfernen Tester erweist sich als aufwendig, trotz des finanziellen Anreizes ist das Interesse gering. Auf der Basis von zwei Nutzertestungen (pro Gruppendiskussion ca. 2 Stunden) zeigen die Ergebnisse, dass die Tester kaum Vorerfahrungen im kritischen Lesen von Gesundheitsinformationen mitbringen und bei der Besprechung schnell ermüden. Die Tester lernen zwar nach eigenen Aussagen Neues aus den Texten, dennoch wird häufig formuliert, „dass man sich das alles nicht merken kann.“ Entsprechend ist es in den Gruppendiskussionen schwierig, direkt am Text zu arbeiten. Die Aussagen zu Textinhalten sind eher global und werden von einigen Teilnehmenden in einem restringierten Kode formuliert. Die zu testenden Materialien werden dann positiv bewertet, wenn sie „nicht überheblich“ und „sympathisch“ wirken und „verständlich“ sind. Abschreckend wirken Texte, die „zu professionell“ und „direkt“ sind. Zahlen und Grafiken werden von Testern häufig überlesen, ebenso Textpassagen, die über Risiken der Untersuchung informieren. Insgesamt fühlen die Tester sich nach der Lektüre nicht kompetenter im Umgang mit dem Thema, aber sie wurden „wachgerüttelt“ und ihre „Neugierde wurde geweckt“. Teilweise wurde das Prinzip der Früherkennungsuntersuchungen fehlinterpretiert: „Solange ich nichts merke, muss ich nicht hingehen“. Die Mehrzahl der Tester empfindet die Informationen eher als Vorbereitung für ein Arztgespräch, dabei nehmen sie ihren eigenen Handlungsspielraum als eingeschränkt wahr: „Der Arzt sagt dann, wenn es gemacht wird.“
Schlussfolgerungen: Der universitäre Hintergrund der Studie und entstehende Fahrtkosten zum Veranstaltungsort stellen für Menschen aus bildungsfernen Bevölkerungsschichten eine Zugangsbarriere dar, weitere Testungen sollten außerhalb der Institution in den Stadtteilen durchgeführt werden. Für die Konzeption von Materialien ergeben sich weiterführende Fragen: Sind schriftliche Materialien tatsächlich gut geeignet, welche Alternativen gibt es und wie kann die informierte Entscheidung in der Krebsfrüherkennung auch für bildungsferne Personen angeregt werden?