Zahnmedizin up2date 2012; 6(4): 323-342
DOI: 10.1055/s-0032-1314963
Prothetik
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Doppelkronenversorgungen – noch up2date?

Christoph Weinbach
,
Hans-Christoph Lauer
Further Information

Publication History

Publication Date:
08 August 2012 (online)

Überblick

Bedingt durch die stetig steigende Anzahl von Implantationen und deutlichen Fortschritten der modernen Implantatprothetik stellt sich Behandlern und Patienten die Frage, ob herausnehmbarer Zahnersatz noch up2date ist.

Im Jahr 2009 lag der Anteil der Über-65-Jährigen laut statistischem Bundesamt bereits knapp über 19 %. Schenkt man den demografischen Analysen Glauben, so wird der Anteil dieser „Golden Agers“ im Jahr 2030 auf knapp über 40 % gestiegen sein (Abb. [1]). Dieser Wandel in der Alterspyramide wird auch an der modernen Zahnheilkunde nicht spurlos vorübergehen. Im Jahr 2000 veranlasste die Deutsche Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien e. V. eine Untersuchung zur Bedarfsentwicklung in der Zahnheilkunde bis zum Jahre 2020. Sie kam zu dem Ergebnis, dass der Bedarf an prothetischen Versorgungen unvermindert hoch bleiben wird, trotz zunehmender Prophylaxemaßnahmen und einem steigenden Gesundheitsbewusstsein wird sich die Zahnverlustrate nicht wesentlich vermindern.

Zoom Image
Abb. 1 Die neuen Alten. Quelle: istockphoto, Symbolbild.

Innerhalb der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen (Senioren) lag laut der DMS IV (Deutsche Mundgesundheitsstudie 2006) der Anteil der Zahnlosen bei 22,6 % und zeigte sich damit gegenüber der DMS III aus dem Jahr 1997 leicht vermindert [1], [2]. Auch die durchschnittliche Anzahl fehlender Zähne sank leicht auf nun 14,2 Zähne. Insgesamt konnte die DMS IV bei den Senioren und den Erwachsenen überhaupt einen deutlichen Trend hin zu hochwertigem und festsitzendem Zahnersatz aufzeigen. Es ist jedoch zu beachten, dass der Anteil des implantatgetragenen Zahnersatzes am Gesamtvolumen unter 3 % beträgt.

„Wir leben länger, weil die Menschen in besserer Gesundheit alt werden. Der körperliche und geistige Verfall wird nach hinten verlagert und nicht ausgedehnt“, so James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock [3].

Demgemäß wird der Behandler in der modernen Zahnarztpraxis mit zunehmenden Erwartungen des Patienten an Funktion und vor allem Ästhetik des Zahnersatzes konfrontiert. Auch die prospektive Planung des Zahnersatzes zur Sicherung langfristiger Therapieerfolge stellt zusätzliche Anforderungen, im Einzelnen (nach Strub 1999):

  • funktionelle Rehabilitation

  • exzellente Ästhetik

  • Strukturerhalt oraler Gewebe und Schutz verbliebener Strukturen

  • Verbesserung der Lebensqualität

  • Langlebigkeit

  • gute Hygienefähigkeit

  • Reparatur- und Erweiterungsmöglichkeit

  • simples Handling auch durch manuell oder visuell limitierte Patienten

Eine gründliche klinische Befundung des aktuellen Zahnbestands sowie der umgebenden und bedeckenden Weichgewebe ist genauso unabdingbare Grundlage einer optimalen prothetischen Planung wie die röntgenologische Befundung der relevanten ossären Strukturen.

Besonders wichtig ist die Einschätzung der vorhandenen Restbezahnung bezüglich ihrer mittel- und langfristigen Erhaltungswürdigkeit, unter besonderer Berücksichtigung ihres parodontalen Zustands.

Laut DMS III (1997) sind die Kariesinzidenz und die Anzahl nötiger Extraktionen bei Senioren und Erwachsenen insgesamt erstmalig gesunken, allerdings wurde eine deutliche Zunahme mittelschwerer und schwerer parodontaler Erkrankungen verzeichnet (um über 20 %), was mit dem längeren Bestehen der natürlichen Bezahnung erklärt wird [2]. Knapp 48 % der Senioren leiden an einer mittelschweren und weitere 39,8 % an einer schweren Ausprägung dieser Krankheit.

Meist sind die hohen Erwartungen des Patienten mit dem Wunsch nach festsitzendem Zahnersatz verbunden, jedoch ist dieser aus verschiedenen Gründen nicht immer realisierbar. So entscheiden Anzahl, Mobilität und Topografie der Pfeiler maßgeblich darüber, ob eine festsitzende Versorgung ausgeführt werden kann. Weitere limitierende Faktoren sind in Tab. [1] dargestellt.

Tabelle 1 Faktoren, die die Durchführung einer festsitzenden Versorgung limitieren können.

patientenspezifische Faktoren

behandlerspezifische Faktoren

mit implantologischer Pfeilervermehrung

ohne implantologische Pfeilervermehrung

biologische Faktoren

Allgemeinzustand des Patienten

Pflegebedürftigkeit des Patienten

manuelle Fähigkeiten

visuelle Fähigkeiten

Know-how

Nachsorgemöglichkeit mit externer Betreuung bei Hospitalisierung

Knochenangebot

Knochenqualität

Operabilität des Patienten

therapierelevante Medikation

finanzielle Limitation

Wenn festsitzender Zahnersatz aufgrund der oben genannten Faktoren nicht zu realisieren oder der Indikationsbereich für festsitzende Versorgungen überschritten ist, muss eine herausnehmbare Lösung angestrebt werden.

Merke: Eine entsprechende Vorbehandlung, eine gezielte Nachsorge und die Wahl des richtigen Verankerungselements auf Basis eines strukturierten Befundes bilden die Grundlage einer befundbasierten, präventionsorientierten und patientengerechten Planung und konstituieren eine langfristig erfolgreiche Therapie.

Im Jahr 2000 war in Deutschland mehr als die Hälfte aller Teilprothesen über Doppelkronensysteme verankert. Insgesamt betrug der Anteil der Doppelkronen an den 1,3 Millionen verwendeten Geschieben knapp 65 % (KzBV 2001). Durch die Ausgliederung der Teilhülsengeschiebe und konfektionierten Geschiebe aus dem kassenzahnärztlichen Katalog im Jahr 2004 stieg der Anteil der Doppelkronensysteme sogar auf über 90 % der teilprothetischen Verankerungselemente. Während den Doppelkronensystemen in Deutschland, Japan und Schweden eine entscheidende Rolle in der prothetischen Rehabilitation zukommt, überwiegt in den USA und Frankreich immer noch der gussklammerverankerte Zahnersatz.