Hebamme 2012; 25(2): 80
DOI: 10.1055/s-0032-1310429
Editorial
Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Wende(n)

Cordula Ahrendt
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Publication Date:
22 June 2012 (online)

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Die 25 Jahre, in denen die Zeitschrift DIE HEBAMME die Entwicklungen in der Geburtshilfe wissenschaftlich begleitet, waren u. a. durch mehrere „Wenden“ geprägt. Bis 1988 hatte sich die Geburtshilfe und damit auch die Hebammenausbildung in den beiden deutschen Staaten unterschiedlich entwickelt. In der DDR arbeiteten die Hebammen in der Schwangerengrundbetreuung und im Kreißsaal in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Ärzten. In der BRD konnten die Vorbehaltenen Tätigkeiten der Hebamme in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe gesichert werden. Dabei war jedoch eine Schwangerenbetreuung nahezu ausgeschlossen.

Zu dieser Zeit arbeitete ich als Junghebamme in der Klinik I der Medizinischen Akademie mit über 2000 Geburten pro Jahr. Wir betreuten die Gebärenden mit viel Zuspruch und auch Dolcontral® in einem Kreißsaal, getrennt mit „spanischen Wänden“, hielten den CTG-Schallkopf, damit auch eine Aufzeichnung möglich wurde, und die Frauen lagen in den Kreißbetten …

Gemeinsam mit dem Arzt wussten wir Hebammen (so glaubten wir jedenfalls), was für den Verlauf der Geburt am besten ist, denn wir waren die Fachleute. Wir setzten bei allen Erstgebärenden prophylaktisch eine mediolaterale Episiotomie und feuerten sie lautstark zum Pressen an. Unsere Haare waren unter einer OP-Mütze versteckt und manchmal banden wir uns zur Geburt aus hygienischen Gründen eine schwere Gummischürze um. In den ruhigeren Zeiten drehten wir bei sorgenfreien entspannten Gesprächen Tupfer, nähten Möpse, schrubbten Kacheln, Schieber und Schüsseln, wuschen und puderten Handschuhe, entgrateten Kanülen, kochten Gummi-Darmrohre aus, die dabei auch schon mal verschmorten, weil eine Frau uns brauchte.

Ich habe mir erzählen lassen, dass die Bedingungen in den westdeutschen Kreißsälen zu dieser Zeit ähnlich waren. Jedoch hatte die Frauenbewegung dort bewirkt, dass Väter Einzug in die Kreißsäle hielten, Routinemaßnahmen wie Einlauf, Rasur und Episiotomie diskutiert wurden und Frauen ihr Recht auf eine selbstbestimmte Geburt forderten. Eine geburtshilfliche Wende war eingetreten, das erste Geburtshaus Europas in Berlin gegründet worden.

Der Fall der Berliner Mauer führte dann sowohl zur Vereinigung Deutschlands als auch zu starken Veränderungen der Geburtshilfe in den neuen Bundesländern. Die Wende brachte einen Geburtenrückgang von über 50 % mit sich, der im Osten u. a. zu einem Hebammenüberschuss und zu einer Abwanderung gen Westen führte. Die Bundesgesetze mussten auch in der Hebammenausbildung umgesetzt werden, ohne den Vorzügen des Bildungssystems der DDR Beachtung zu schenken.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums haben wir Hebammen und ärztliche Geburtshelfer um ihre persönliche Sicht der Vergangenheit und der Zukunft der Geburtshilfe gebeten. Namhafte Hebammen und Frauenärzte analysieren in dieser Ausgabe mit Fakten, Zahlen und vielen Beispielen die Wenden in der Geburtshilfe und beschreiben kritisch die Konsequenzen für die Familien, WeHen, Hebammen, Ärzte und die Gesellschaft in den letzten 25 Jahren. Auswirkungen falsch interpretierter Forschungsergebnisse werden am Beispiel des Geburtsmanagement bei Beckenendlage genauso wie unüberlegter Routinemaßnahmen aussagekräftig dargelegt.

Die Zukunftsvisionsvisionen geben Hoffnung auf die nächste Wende … Hoffnungen auf eine Geburtshilfe, in der Hebammen und Ärzte sich in ihrer Profession gegenseitig ergänzen und dabei Frauen und ihre Familien wertschätzend betreuen sowie ihnen beratend zur Seite stehen.

In einem Beitrag sind auch die Bedingungen der Hebammenausbildung in den verschiedenen Gesellschaftsformen und perspektivisch zusammengefasst. Danach berichten Dozentinnen eines Bachelor-Studiengangs in Österreich über die Auswirkungen der Akademisierung der Hebammenausbildung.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen, Nachsinnen und Diskutieren über die Zukunft der Geburtshilfe und unseres schönen Berufes.

Ihre

Cordula Ahrendt