Gastroenterologie up2date 2012; 08(02): 143-161
DOI: 10.1055/s-0032-1309381
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Nahrungsmittelunverträglichkeiten – Update

Stephan C. Bischoff
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Publication Date:
15 June 2012 (online)

Definitionen

Hypersensitivitätsreaktionen. Nahrungsstoffe, insbesondere Nahrungsproteine, sind unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens und müssen regelmäßig zugeführt werden. Andererseits können Nahrungsstoffe krankheitsauslösend werden, wenn sie vom Immunsystem des Gastrointestinaltrakts fälschlicherweise als schädliche Agenzien betrachtet werden und entsprechende immunologische Reaktionen auslösen. Solche aberranten immunologischen Reaktionen verursachen Autoimmunerkrankungen und Allergien, die sich per definitionem zunächst dadurch unterscheiden, dass das auslösende Antigen entweder endogen synthetisiert oder exogen zugeführt wird. Beide Formen aberranter Immunreaktionen werden unter dem Begriff „Hypersensitivitätsreaktionen“ zusammengefasst, die nach Coombs und Gell in 4 Formen klassifiziert werden (s. „Klassifikation“ und Tab. [1]) [1].

Tabelle 1

Hypersensitivitätsreaktionen nach Coombs und Gell.

Typ

Antigenerkennung durch

Klinische Beispiele

I a/b

IgE

atopische Erkrankungen, Asthma, Allergien inklusive Nahrungsmittelallergien vom Soforttyp

II

IgG, IgM

hämolytische Transfusionsreaktion, idiopathische Thrombozytopenie, Agranulozytose

III a/b

IgG-Immunkomplexe

exogen allergische Alveolitis, allergische Vaskulitis, Serumkrankheit

IV

T-Lymphozyten

Kontaktallergie, Tuberkulin-Reaktion, Hypersensitivitätspneumonitis

Klassifikation

Hypersensitivitätsreaktionen nach Coombs und Gell

Die Engländer Coombs und Gell haben 1963 eine Einteilung der pathologischen Immunreaktionen in 4 Formen in Abhängigkeit vom antigenerkennenden Molekül vorgenommen. Die Typ-I-Reaktion ist eine Sofortreaktion, der eine verzögerte Reaktion folgen kann („late phase reaction“), die schwer von Typ-IV-Reaktionen unterscheidbar ist. Die Typ-III-Reaktion kann ebenfalls als Sofortreaktion verlaufen und ist dann schwer von der Typ-I-Sofortreaktion zu unterscheiden.

Die Konsequenz solcher Hypersensitivitätsreaktionen ist in aller Regel eine pathologische Entzündungsreaktion, die je nach Ausmaß und Dauer die Funktion einzelner Organe und im Extremfall des gesamten Organismus beeinträchtigt. Nahrungsproteine, die solche allergischen Reaktionen auslösen, werden Nahrungsmittelallergene genannt (abgeleitet von den griechischen Wörtern „allos“ = anders und „ergon“ = Arbeit).

Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen. Nahrungsmittelallergien (NMA) und Nahrungsmittelintoleranzen (NMI) sind zwei Unterformen von abnormalen Reaktionen auf Nahrungsmittel („adverse reactions to food“, ARF; oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten, NMU), wobei NMA eine Immunpathogenese zugrunde liegt, während NMI auf anderen Pathomechanismen beruhen (Abb. [1]). NMI sind beispielsweise die Laktoseintoleranz, die Histaminintoleranz oder Pseudoallergien, die durch unspezifische Mastzellaktivatoren ausgelöst werden.

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Abb. 1 Klassifikation von Nahrungsmittelunverträglichkeiten nach den zugrunde liegenden Mechanismen.

NMA manifestieren sich je nach Altersstufe in bis zu 50 % vor allem in Form von gastrointestinalen (GI) Symptomen. Deshalb konsultieren viele dieser Patienten den Gastroenterologen, der in den meisten Fällen nicht ausreichend mit dem Krankheitsbild vertraut ist [2] [3]. Häufig werden die Patienten dann als „psychosomatisch“ deklariert oder die Beschwerden als „funktionell“ oder „Reizdarmsyndrom“ (RDS) klassifiziert, ohne das tatsächliche Problem zu definieren. Andererseits ist bekannt, dass RDS und NMU häufig miteinander assoziiert sind und dass die NMA manchmal ein zugrunde liegender Mechanismus für Symptome bei einer Subgruppe von Patienten mit RDS sind [4] [5]. Das Thema NMA wurde zusätzlich relevant durch die Erkenntnis, dass durch Nahrungsmittel ausgelöste allergische Reaktionen die häufigste Ursache für lebensbedrohliche Anaphylaxien sind [6].

Nahrungsmittelallergien (NMA) sind definiert als individuell auf bestimmte Nahrungsmittel auftretende Nahrungsmittelunverträglichkeiten (NMU), denen eine Immunpathogenese zugrunde liegt, während Nahrungsmittelintoleranz (NMI) ein Sammelbegriff für nicht immunologisch bedingte NMU ist.