Psychiatrie und Psychotherapie up2date 2012; 6(03): 165-177
DOI: 10.1055/s-0031-1298957
Persönlichkeitsstörungen, Impulskontrollstörungen und dissoziative Störungen

Body Integrity Identity Disorder – Körperidentität durch erwünschte Behinderung

Erich Kasten
Kernaussagen

Patienten mit Body Integrity Identity Disorder (BIID) haben seit Kindheit oder Jugend das intensive Gefühl, dass ein vorhandener und funktionsfähiger Körperteil nicht zu ihnen gehört, er fühlt sich fremd an und die Amputation oder Lähmung wird gewünscht. Diskutiert wird, ob auch Wünsche nach anderen Behinderungen unter BIID subsumiert werden können. Die Daten der bisherigen internationalen Forschung weisen relativ übereinstimmend darauf hin, dass BIID-Betroffene in der Mehrzahl nicht psychiatrisch gestört sind. Aufgrund neuerer Studien wird eine (möglicherweise angeborene) Fehlfunktion des Körperschemas im Parietallappen des Gehirns mit fehlender „Beseelung“ eines Körperteils vermutet. Neben der neurologischen Fehlfunktion gibt es psychische Komponenten, die die Stärke des Wunsches und Ort und Lage der Amputationsstelle beeinflussen. Bei einigen ist der Wunsch erotisch besetzt und überlappt sich mit Mankophilie / Akrotomophilie.

Trotz des oft massiven Leidensdrucks wird die Möglichkeit legaler Amputationen skeptisch beurteilt. Psychotherapie und Antidepressiva lindern die durch den unerfüllten Amputationswunsch ausgelösten Depressionen. Eine Heilung zeigte sich in den bislang referierten Einzelfällen kaum, eine systematische Studie hierzu steht noch aus. Juristisch stehen einer operativen Erfüllung des BIID-Wunsches insbesondere die noch fehlende Einbindung in das ICD-10 und der § 226a STGB im Wege.



Publication History

Publication Date:
27 March 2012 (online)

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York