Suchttherapie 2011; 12 - S6_11
DOI: 10.1055/s-0031-1284510

Wie nüchtern ist unsere Jugend? – Kritische Anmerkungen zum Diskurs um „Binge-Drinking“ und „Komasaufen“

B Werse 1
  • 1Goethe-Universität Frankfurt, FB Erziehungswissenschaften, Centre for Drug Research, Frankfurt

Vor dem Hintergrund des seit einigen Jahren verstärkten medialen Diskurses über den Alkoholkonsum Jugendlicher werden relevante empirische Daten einer näheren Betrachtung unterzogen. Detaillierte Ergebnisse hierzu bietet die seit 2002 im Rahmen des lokalen Drogenmonitoringsystems „MoSyD“ in Frankfurt jährlich durchgeführte lokale repräsentative Schülerbefragung. Zudem wird die mittel- und langfristige Entwicklung des Trinkens unter Heranwachsenden in Deutschland anhand verfügbarer überregionaler Repräsentativerhebungen (u.a. ESPAD, HBSC, „Drogenaffinitätsstudie“, „Epidemiologischer Suchtsurvey“) untersucht. Dabei zeigen sich differenzierte und teilweise ambivalente Resultate hinsichtlich Frequenz und Intensität des jugendlichen Trinkverhaltens. Vor allem in der langfristigen Betrachtung zeichnet sich insgesamt eher eine rückläufige Tendenz ab. Häufig wird bei der Darstellung des Themenbereiches auf die seit 2000 stark angestiegenen Zahlen für Krankenhauseinweisungen aufgrund von Alkoholüberdosierungen unter Jugendlichen verwiesen. Bei näherer Untersuchung gibt es indes deutliche Hinweise darauf, dass ein Teil dieser Steigerungsrate als statistisches Konstrukt betrachtet werden dürfte. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern diese Entwicklung zum Teil bereits als Resultat der medialen Aufmerksamkeit zu begreifen ist. Im Mediendiskurs wird das Trinken unter Jugendlichen häufig unter der drastischen Bezeichnung „Komasaufen“ abgehandelt. Die entsprechende Berichterstattung folgt offenbar der häufiger im Zusammenhang mit Jugendlichen und psychoaktiven Substanzen zu beobachtenden Aufregungslogik. Zu diskutieren ist dabei, inwieweit „Komasaufen“ – sowohl im Hinblick auf die Terminologie als auch bezüglich der Darstellung als relativ neuartiges soziales Problem – als mediale Konstruktion zu verstehen ist.

Literatur: (Auswahl) Barsch, G. (2005): Was ist dran am Binge Drinking? Ein Konzept und seine Hintergründe. In: Dollinger, B./ Schneider, W.: Sucht als Prozess. Berlin: VWB: 239-265. BZgA (2009a): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2008. Eine Wiederholungsbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Verbreitung des Alkoholkonsums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Köln. Kraus, L./ Pabst, A./ Steiner, S. (2008): Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen 2007 (ESPAD) – Befragung von Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse in Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Thüringen. München 2008. Nickel, J./ Ravens-Sieberer, U./ Richter, M./ Settertobulte, W. (2008): Gesundheitsrelevantes Verhalten und soziale Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen. In: Richter, M./ Hurrelmann, K./ Klocke, A./ Melzer, W./ Ravens-Sieberer, U. (Hg.): Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. Weinheim/ München: Juventa: 63-92. Pabst, A./ Piontek, D./ Kraus, L./ Müller, S. (2010): Substanzkonsum und substanzbezogene Störungen. Ergebnisse des Epidemiologischen Suchtsurveys 2009. Sucht, 56 (5): 327-336. Statistisches Bundesamt (2009a): Diagnose Alkoholmissbrauch bei Krankenhauspatienten. (Rubrik Kurznachrichten). Wirtschaft und Statistik, 12/2009: 1164. Werse, B. (2011): Die Mär von der immer besoffeneren Jugend. In: Soziale Probleme, 1 (im Druck). Werse, B./ Müller, O./ Bernard, C. (2010): Jahresbericht MoSyD. Drogentrends in Frankfurt am Main 2009. Unter Mitarbeit von C. Schell. Frankfurt a.M.: Centre for Drug Research - Goethe-Universität.