Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2011; 46(07/08): 526-533
DOI: 10.1055/s-0031-1284469
Fachwissen
A-Topthema: Geburtshilfliche Anästhesie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Geburtshilfliche Anästhesie – Aktuelles aus der Literatur zur geburtshilflichen Anästhesie und Analgesie

Obstetric Anaesthesia and Analgesia - New Aspects from the Literature
Hinnerk Wulf
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Publication History

Publication Date:
03 August 2011 (online)

Zusammenfassung

Diese Übersicht fasst aktuelle (kontroverse) Themen aus der geburtshilflichen Anästhesie und Analgesie zusammen. In der Auswertung ”saving mothers' lives“ 2006 – 2008 aus Großbritannien zeigt sich, dass bei maternen Todesfällen als direkte Todesursachen nach wie vor Sepsis, Präeklampsie und Eklampsie, Thrombose und Thromboembolie, Fruchtwasserembolie sowie Blutungskomplikationen führend sind. Todesfälle im Zusammenhang mit Anästhesie betreffen nach wie vor Atemwegskomplikationen. In den amerikanischen Statistiken finden sich in den ”closed claims“ mittlerweile seltener materne und perinatale Todesfälle und Hirnschädigungen, wohingegen die Schadenersatzforderungen wegen Nervenschäden und Rückenschmerzen zugenommen haben, wohl als Folge des Wandels ”weg von der Allgemeinanästhesie, hin zur Regionalanästhesie in der Geburtshilfe“. Kontrovers diskutiert wird die Hypothese, dass der Einfluss des Anästhesieverfahrens bei der Sectio caesarea (Allgemeinanästhesie oder Regionalanästhesie) einen Einfluss auf das spätere Lernverhalten der Neugeborenen haben könnte. Hinsichtlich der Epiduralanalgesie werden Konzepte diskutiert, wie die Effektivität noch weiter verbessert werden kann, z.B. durch spezielle Techniken bei der patientenkontrollierten Analgesie. Abschließend werden Empfehlungen gegeben, welche Anästhesieverfahren bei unterschiedlicher Dringlichkeit der Sectio caesarea zum Einsatz kommen können, in welchen Fällen ein Aufspritzen eines bereits liegenden Epiduralkatheters vertretbar ist, wann auch bei dringlicher Indikation eine Spinalanästhesie vertretbar ist und wann eine Allgemeinanästhesie unumgänglich ist.

Abstract

This review summarises the current (and controversial) topics in the field of anaesthesia and analgesia in obstetrics. In the British report "saving mothers lives 2006–2008" it is shown that the direct causes of maternal deaths are as before mainly sepsis, preeclampsia and eclampsia, thrombosis, thromboembolisms, and amniotic fluid embolism as well as haemorrhagic complications. Deaths associated with anaesthesia still involve airway complications. In the "closed claims" in U.S. American statistics, in the meantime ones finds maternal and perinatal deaths and brain damage to be less frequent whereas liability claims due to nerve damage and back pain have increased, presumably as a result of the change away from the use of general anaesthesia to the use of regional anaesthesia in obstetrics.

The hypothesis that the nature of the anaesthetic procedure in Caeserean sections (general or regional anaestheisa) may have an impact on the later learning ability of the new born bay is still being discussed controversially. With regard to epidural anaesthesia, concepts are being discussed as to how the efficacy can be further improved, e.g., through special techniques in patient-controlled analgesia. Finally, recommendations are given as to which anaesthetic procedure should be used in consideration of the urgency of a Caeserean section, in which cases augmentation through an indwelling epidural catheter is justifiable, when a spinal anaesthesia may also used for urgent indications, and when a general anaesthesia is unavoidable.

Kernaussagen

  • Die Rate maternaler Todesfälle in der Geburtshilfe ist in den letzten Jahren trotz des medizinischen Fortschritts nicht gravierend gesunken. Ein Grund dafür sind häufigere Risikoschwangerschaften. Die Anästhesie als direkte Ursache spielt jedoch zum Glück eine untergeordnete Rolle.

  • Schadenersatzklagen: Maternale und perinatale Todesfälle und Hirnschäden bei Neugeborenen sind seltener geworden, die gezahlten Schadenersatzleistungen fielen geringer aus. Schadenersatzforderungen wegen Nervenschäden und Rückenschmerzen nahmen hingegen zu.

  • Nervenschäden und Rückenschmerzen sind sehr viel häufiger auf den Geburtsvorgang selbst als auf das Anästhesieverfahren zurückzuführen.

  • Die Hypothese, dass das bei der Geburt eingesetzte Anästhesieverfahren das Lernvermögen des Kindes beeinflusst, wird kontrovers diskutiert. Es liegen keine belastbaren Daten dazu vor.

  • Die patientenkontrollierte epidurale Analgesie (PCEA) ist für die Wehenschmerzlinderung in der Geburtshilfe zum Goldstandard geworden.

  • Die CSE-Technik wird in der Geburtshilfe von vielen Anästhesisten favorisiert. Sie verbindet die schnelle Wirkung der spinalen Applikationen von Lokalanästhetika oder Opioiden mit der Möglichkeit, die Analgesie durch Epiduralkatheter fortzusetzen. Zur optimalen Dosierung gibt es bislang keine eindeutigen Empfehlungen.

  • Regionalanästhesie bleibt der Goldstandard für die Sectio caesarea. Nur bei Notfallsectio und Kontraindikationen für die SPA/EDA ist eine Allgemeinanästhesie indiziert. Maßnahmen zur Awareness-Vermeidung (Narkosetiefemonitoring) sollten dabei obligat sein.

Ergänzendes Material