Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2011; 46(07/08): 476-485
DOI: 10.1055/s-0031-1284466
Fachwissen
Notfallmedizin
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Innerklinische Reanimation – Alles besser als draußen?

In-hospital resuscitation – definitely better than in the field?
Jan-Thorsten Gräsner
,
André Gries
,
Berthold Bein
,
Jens Scholz
,
Tanja Jantzen
,
Michael Bernhard
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Publication History

Publication Date:
03 August 2011 (online)

Zusammenfassung

Bei innerklinischen Reanimationen zeigen sich im Vergleich zur prähospitalen Reanimation trotz günstiger Umgebungsvoraussetzungen keine besseren Überlebensraten. Neuere Untersuchungen belegen eine durchschnittliche Überlebensrate von 18%. Eine der wesentlichen Determinanten für ein ungünstiges Überleben ist die verzögerte Defibrillation von mehr als 2 Minuten. Diese Verzögerung hat eine Reduktion der Wiederherstellung des Spontanzirkulation (return of spontaneous circulation, ROSC), des 24h-Überlebens- und der Krankenhausentlassungsrate zur Folge Die Überlebensrate bei innerklinischen Reanimationen an Wochenenden und zur Nachtdienstzeit ist, wahrscheinlich aufgrund der Personalreduktion innerhalb der Krankenhäuser, signifikant niedriger als im Tagdienst und werktags. Mehr als 80% der Patienten mit unerwartetem Herzkreislaufstillstand zeigen vor dem Herzkreislaufstillstand kardiopulmonale und neurologische Veränderungen. Deshalb sollten gemäß den aktualisierten Leitlinien des European Resuscitation Councils zur kardiopulmonalen Reanimation von 2010 innerklinische Frühwarnsysteme genutzt werden. Notfallteams (medical emergency team, MET) können bereits im Vorfeld eines Herzkreislaufstillstandes sinnvoll eingreifen. Der personal- und zeitintensive Einsatz von Notfallteams, deren Aufgaben über die von reinen Reanimationsteams hinausgehen, kann ökonomisch betrachtet einen deutlichen patientenbezogenen und finanziellen Vorteil schaffen, indem ungeplante Aufnahmen auf Intensivstationen vermieden und Patienten noch vor einer Eskalation der Gesundheitsgefährdung entsprechend therapiert werden. Kliniken sollten daher ihre eigenen hausinternen Versorgungsstrukturen analysieren.

Abstract

Despite favorable conditions, in-hospital resuscitations do not lead to higher survival rates than those in the field. Recent studies show an average survival rate of 18%. One of the most important predictors for an unfavorable survival is a delay of defibrillation of greater than 2 minutes, which leads to a reduction of ROSC, 24-hour survival and survival to discharge. With respect to the guidelines of the European Resuscitation Council for cardiopulmonary resuscitation from 2010, track and trigger systems to detect the deteriorating patient should be used. Of note, the survival rate for in-hospital resuscitation is significantly lower over the weekend and at night than on workdays and during the day - most likely because fewer staff is available. More than 80% of patients with an unexpected cardiac arrest exhibit cardiopulmonary and neurological abnormalities prior to this event. A Medical Emergency Teams (MET) could intervene in such cases and thus decrease the likelihood of cardiac arrest. METs are more time-consuming and more labor-intensive than simple resuscitation teams, but these resources are well spent, as unexpected admissions to the intensive care unit can be avoided and patients receive treatment before their conditions deteriorate. Hospitals should therefore analyze and evaluate their internal emergency response plans.

Kernaussagen

  • Die Ergebnisse der kardiopulmonalen Reanimation im Krankenhaus sind nicht eindeutig besser als im prähospitalen Bereich. Die durchschnittliche Überlebensrate liegt bei 18 %.

  • Abhängig davon, in welchem Bereich des Krankenhauses der Patient seinen Herzkreislaufstillstand erleidet, finden sich unterschiedliche Überlebensraten.

  • Der Nutzen von innerklinischen AED-Programmen ist vor dem Hintergrund der aktuellen Datenlage noch nicht abschließend gesichert. Die ERC-Leitlinien empfehlen die Etablierung von AEDs in Bereichen, in denen das Personal keine Erfahrung in der Rhythmusinterpretation hat.

  • MET-Systeme können eine sinnvolle Ergänzung zu reinen Reanimationsteams darstellen. Eine größere Verbreitung ist anzustreben. Für eine Einrichtung von MET sollte vorab neben dem tatsächlichen Bedarf auch die Umsetzungsmöglichkeit überprüft werden. Das MET zeichnet eine Ausweitung des Spektrums von reinen Reanimationsmaßnahmen bis hin zur interdisziplinären intensivmedizinischen Zusammenarbeit auf peripheren Stationen aus.

  • Aus den aktuellen ERC-Leitlinien gehen klare Empfehlungen zur Ausbildung des Personals, dem Vorgehen bei Krankheitsverschlechterung, zur angemessenen und regelmäßigen Überwachung der Vitalfunktionen und zum Etablieren von Früherkennungssystemen und Notfallalarmierungssystemen hervor.

  • Neben den gewünschten Verbesserungen der Patientenversorgung mit der Vermeidung unerwarteter Herzkreislaufstillstände können METs auch zu einer ökonomisch sinnvollen Einrichtung für das gesamte Krankenhaus werden.

Ergänzendes Material