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DOI: 10.1055/s-0031-1283482
Medizinische Versorgung von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Ergebnisse einer Ärztebefragung in Berlin
Einleitung/Hintergrund: Der Aufenthalt ohne legalen Aufenthaltsstatus stellt ein Schattendasein dar und aus Angst vor Entdeckung bleibt der Zugang zu einer medizinischen Versorgung oft verwehrt. In Deutschland ist die Datenlage marginal. Es fehlen valide Daten, wie viele Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus medizinische Hilfe brauchen, wie es um den Gesundheitszustand aussieht und wie sich die Versorgung generell gestaltet. Die durchgeführte Ärztebefragung in Berlin soll helfen, mehr Transparenz über medizinische Versorgung und Gesundheitsprobleme zu erhalten, um Ärzten, Politik, Selbstverwaltung und Unterstützungsinitiativen praxisnahe Argumente für eine Verbesserung der gegenwärtigen Situation an die Hand zu geben. Daten und Methoden: In der Januarausgabe 2010 von „Berliner Ärzte„ wurde ein standardisierter Fragebogen verschickt. Aufgrund der geringen Rücklaufquote (n=42) und um weitere Hintergrundinformationen zu gewinnen wurden noch sechs qualitative leitfadengestützte Experteninterviews mit Ärzten aus den Hilfsorganisationen geführt. Ergebnisse: Anhand der Ergebnisse kann man schätzungsweise von 4000 bis 5000 zu versorgenden Patienten im Jahr in Berlin ausgehen. Hilfsorganisationen und deren aufgebaute Netzwerke gelten als häufigste Anlaufstellen. Das Diagnosespektrum ist in Abhängigkeit von der Fachrichtung vielfältig. Die Betroffenen nehmen nicht rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch. Sozial- und Krankenanamnese, Diagnostik, Behandlung und Weitervermittlung sind zeitaufwendiger. Unterstützung bekamen die Ärzte von den Hilfsorganisationen, kooperierenden Krankenhäusern und Kollegen. Handlungsbedarf wird hauptsächlich von Seiten der Politik gesehen. Diskussion/Schlussfolgerungen: Insgesamt können die Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Befragung als übereinstimmend angesehen werden und spiegeln wesentliche Aspekte vorangegangener Studien wieder. Zurzeit beruht die medizinische Versorgung auf dem ehrenamtlichen Engagement behandelnder Ärzte in den Hilfsorganisationen. Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus haben immer noch keinen gleichberechtigten Zugang zu einer regulären ambulanten Versorgung. Die Ergebnisse zeigen, dass es sich um ein vielschichtiges Problem handelt, dass auf mehreren Ebenen gelöst werden muss: strukturell, politisch und gesellschaftlich.
Literatur:
Aichele V. (2009): Über den Zugang zu medizinischer Versorgung von Menschen ohne Papiere: Die menschenrechtliche Perspektive. In: Borde T., David M./IPapies-Winkler I. (Hrsg.) (2009): Lebenslage und gesundheitliche Versorgung von Menschen ohne Papiere. Mabuse Verlag, Frankfurt am Main, S. 25–34. Groß J. (04/2005): Möglichkeiten und Grenzen von Patienten und Patientinnen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Flüchtlingsrat Berlin e.V., Berlin.