DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2012; 10(01): 12-14
DOI: 10.1055/s-0031-1280394
DO | vergangenheit
Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

„Was Sie machen, ist doch keine Osteopathie!“ – Ansätze zu einem konsensfähigen Selbstverständnis

Friederike Kaiser
Further Information

Publication History

Publication Date:
09 February 2012 (online)

Seit nun genau 21 Jahren im Bildungs- und Ausbildungsprozess zur Osteopathin eingebunden, habe ich im vergangenen Jahrzehnt eine steigende Tendenz zur Ausgrenzung von Methoden, Techniken und Denkweisen aus dem, was als Standard für „richtige“ Osteopathie gilt, wahrgenommen. Im Spagat zwischen Ganzheitlichkeit – als Garant für Sympathie bei durch die Schulmedizin frustrierten Patienten – und der evidenzbasierten Medizin als potenziellem Türöffner in den offiziellen Medizinbetrieb treibt unser Berufsstand absurde Blüten.

Bei einer Delphi-Umfrage, die ich 2008 durchgeführt habe, zeigt sich eine absurde Situation: Eine Mehrheit der befragten Osteopathen möchte für Forschung, Ausbildung und Öffentlichkeit den Schwerpunkt auf wissenschaftliche nachweisbare Ansätze legen, während – ebenfalls mehrheitlich – das Streben nach therapeutischer Ganzheit im eingeweihten Kreis eingefordert wird [2]. Vergleichen wir, von diesem Ergebnis ausgehend, die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung [1], [5], die Einzelaspekte von osteopathischen Diagnostik- und Behandlungstechniken untersucht, mit denjenigen Ergebnissen klinischer Blackbox-Studien, welche die Erfolge ganzheitlicher osteopathischer Behandlungen messen, wird jedoch eines klar: Das, was wir täglich tun, wirkt zwar – oft auch besser als andere Therapiemethoden – doch unsere angeblich auf Naturwissenschaften basierenden Erklärungsmodelle sind häufig reine Hirngespinste und halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.

Wenn wir nur naturwissenschaftlich begründbare Ausbildungsinhalte zulassen, was lehren und lernen wir dann noch? Osteopathie?