Zahnmedizin up2date 2011; 5(5): 489-513
DOI: 10.1055/s-0031-1280260
Varia

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Mykosen – Bedeutung in Medizin und Zahnmedizin, Diagnostik und Therapie

Michael Hopp, Hans-Jürgen Tietz
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Publication Date:
08 November 2011 (online)

Einleitung

Pilze kommen in unserer Umwelt ubiquitär, d. h. überall und in den verschiedensten Formen vor. Allgemein bekannt sind die Hutpilze (Abb. [1]), die als Bestandteil der Nahrung, aber auch auf toxikologischem Gebiet (Myzetismus) bedeutend sind. Die größte Gruppe sind die Hefen und Schimmelpilze mit schätzungsweise mehr als einer Million Vertretern, wovon nur ca. 100 humanpathogen sind. Neben ihrer pathologischen Wirkung an und in Organismen erfüllen sie jedoch eine wichtige Aufgabe im Stoffkreislauf der Natur: den Abbau organischer Substanz. Einige Pilze besitzen sehr effiziente Enzymsysteme zum Abbau von Lignin (Holzstoff). Eine kleine spezielle Gruppe, die Schleimpilze, gehören zu den größten Einzellern der Welt. Sie haben keine humanpathogene Bedeutung.

Abb. 1 Perlpilz oder Rötender Wulstling (Amanita rubescens).

Einen zweifelhaften Ruf haben psychoaktiv wirkende Pilze, die durch psychotrophe Stoffe (z. B. Psilocybin, Psilocin, Ergin, Muscimol etc.) Rauschzustände ähnlich dem LSD bewirken können. Zu dieser Gruppe gehören auch die Magic Mushrooms. Das Mutterkorn (Syn. z. B. Purpurroter Hahnenpilz, Tollkorn, Roter Keulenkopf) ist eine Dauerform des Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea) und wächst als Gräserparasit meist auf Roggen. Die toxischen Alkaloide (z. B. Ergotamin) lösen Ergotismus (Antoniusfeuer) aus. Klinisch wurde das Toxin u. a. in der Gynäkologie zu Schwangerschaftsabbrüchen verwendet.

Einen bahnbrechenden Erfolg in der Medizin hatte Flemming 1928 mit der Entdeckung des Penicillins aus Penicillium chrysogenum (Syn. P. notatum) [1]. Er läutete damit das Zeitalter der antibiotischen Behandlungen ein.

Bedingt durch spezielle Stoffwechselleistungen haben verschiedene Pilzkulturen in der Nahrungs- und Genussmittel- sowie Futterproduktion und -konservierung ihren festen Platz. Dazu gehört die Herstellung von Kefir, Bier, Wein, Sekt, Brot und anderer Produkte. Aber auch beim Verderben von Lebensmitteln sind Pilze beteiligt, hier hauptsächlich die Schimmelpilze. Neben dem Verderben ist das Freisetzen von Mykotoxinen mit großer biologischer und toxischer Wirksamkeit von Bedeutung. Eines der bekanntesten Toxine ist das Aflatoxin in 6 Varianten, das von Aspergillus-Arten gebildet wird und (neuro-)toxisch, teratogen, stark kanzerogen und fortpflanzungsmindernd wirkt. Die toxische Wirkung betrifft sowohl die parenterale und inhalative Gabe als auch die Berührung mit der Haut. Die letale Dosis beträgt beim Erwachsenen zwischen 1 und 10 mg/kg und bei Kindern 9–18 µg/d. Besonders stark belastet können z. B. Erdnüsse, Pistazien, Innereien und Getreide sein.

Von wirtschaftlicher Bedeutung sind Pilze in der Baubiologie durch Kontamination und Zerstörung von Bausubstanz (Schwärzepilze) und das Auslösen von Allergien.

In der Landwirtschaft führen Pilze v. a. zur Spitzendürre und Fruchtfäule, z. B. Monilia (Monilinia-Arten) bei Kern- und Steinobst.

Für höhere Pflanzen ist die Myccorhiza von großer Bedeutung, welche von der heimischen Buche gut bekannt ist: Die Symbiose mit Pilzen an den Wurzeln zur verbesserten Nährstoffaufnahme wird stark von der Art des Pilzes beeinflusst. Es wurde nachgewiesen, dass eine Myccorhiza-Bildung mit Alternaria alternata auf Mais zu geringerem Wachstum führt als mit Glomus mosseae, abhängig vom Zeitpunkt der Besiedlung.

Von den echten Pilzen abzugrenzen sind die symbiotisch lebenden Flechten, einer Gemeinschaft aus Flechten und Algen, die eine weite Verbreitung in Europa aufweisen und große wirtschaftliche Bedeutung haben, wie die Echte Rentierflechte (Cladonia rangiferina), die Rentierflechte (C. stellaris) sowie weitere Cladonia-Arten.