physiopraxis 2011; 9(3): 3
DOI: 10.1055/s-0031-1275423
editorial

Offene Schere

Rosi Haarer-Becker
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Publication Date:
18 March 2011 (online)

Eigentlich wollte ich mich aufgeregen! Aber dann habe ich mir den Beitrag „Schlecht ausgebildete Physiotherapeuten” der Sendung „exakt” vom MDR noch zweimal in der Mediathek des Senders angesehen und stelle fest: Die Finger werden in klar vorhandene strukturelle Wunden gelegt.

Was ist passiert? Am 15.2.2011 ruft mich eine Kollegin an: „Schalte mal schnell den Fernseher ein, die Physiotherapie kommt gerade sehr schlecht weg.” Ich rege mich über die Abmoderation des Films auf: Da wird Patienten geraten, nur Physiotherapeuten zu wählen, die vor der Behandlung untersuchen. So, so! Schlecht recherchiert. Eine Abrechnungsposition für eine physiotherapeutische Untersuchung gibt es nicht. Das hätte sicher viele Zuschauer erstaunt. Und viele wissen es längst – die meisten niedergelassenen Physiotherapeuten untersuchen ganz selbstverständlich „freiwillig”, weil unerlässlich.

In diesem MDR-Beitrag wurden gleich mehrere Dilemmas deutlich. Das Geschäftsmodell vieler Schulen besteht darin, Ausbildungsplätze zu verkaufen. So weit okay. Schade nur, wenn das Engagement damit endet. Und: Aufsichtsbehörden interessiert die inhaltliche Gestaltung von Ausbildung nur marginal. Dennoch: Es gibt eine große Anzahl sehr guter Berufsfachschulen mit sehr qualifizierten Lehrern und viele sehr gute Physiotherapiepraxen. Das Bild der Physiotherapie in der Öffentlichkeit ist positiv. Die Ausbildung an Hochschulen nimmt zu, die Professionalisierung schreitet voran. Die Frage ist: Kommen alle mit?

Vielleicht war die Schere in Sachen Qualität noch nie so weit offen wie zurzeit. Wir haben Physiotherapeuten, die ihren Bachelor, Master und sogar ihre Promotion in der Tasche haben. Wir haben top weitergebildete Praktiker mit einem großen Wissens- und Erfahrungsschatz und einer hohen Bereitschaft, lebenslang zu lernen. Wir haben aber auch Kollegen, denen der Zugang zu Wissen nicht gerade leicht gemacht wird. Ausbildungen, die auf Vor- und Nachmachen sowie auf handgestrickten Skripten beruhen, die ohne einen Blick in aktuelle Literatur auskommen und die Lernende am Patienten alleine lassen, erzeugen Berufsanfänger, die durch den breitgefächerten Fortbildungsmarkt mäandern und sich für viel Geld auf Ballhöhe bringen müssen. Zum Glück sind diese intrinsisch motiviert, sich nach- und weiterzuqualifizieren. Physiotherapie hat Zukunft. Wir bewegen uns. Die Richtung stimmt. Herzliche Grüße

Rosi Haarer-Becker

Rosi Haarer-Becker

Physiotherapeutin, Verlagsbereichsleiterin Physio- und Ergotherapie

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