Zusammenfassung
Fragestellung: Das Geburtsgewicht ist ein wichtiger prädiktiver Parameter für die neonatale Morbidität
und Mortalität. Über den Stellenwert einer obligaten sonografischen Untersuchung bei
Eintritt in den Kreißsaal gibt es kontroverse Auffassungen. Es existieren bezüglich
dieser Fragestellung nur wenige große Studien ohne zahlreiche die Patientinnen oder
die Untersucher betreffenden Ein- und Ausschlusskriterien. Dagegen existieren sehr
wohl Empfehlungen über die Notwendigkeit der fetalen Biometrie und Gewichtsschätzung
in den AWMF-Leitlinien zur Schulterdystokie, Wassergeburt und Beckenendlagenentbindung.
Patientinnen und Methoden: Über den Zeitraum eines Jahres wurden insgesamt 1 127 aufeinanderfolgende Geburten
und damit 1 151 geborene Kinder in die Untersuchung einbezogen. Erfasst wurden neben
den relevanten Daten zur Sonografie und Entbindung auch die Risikoangaben aus den
Mutterpässen.
Ergebnisse: Insgesamt 92% der Frauen erhielten eine präpartale Sonografie. Fast 80% der Untersuchungen
fanden innerhalb 72 h vor Entbindung statt. Die allgemeine Schätzgenauigkeit (±10%
Abweichung) lag bei 72%. Die Schätzgenauigkeit verbesserte sich nicht mit steigendem
Erfahrungsgrad des Untersuchers. Es zeigte sich kein Unterschied zwischen Routinebedingungen
und erschwerten Untersuchungsbedingungen (z. B. Oligohydramnion, mütterliche Adipositas,
Wehentätigkeit). Auch die Tageszeit hatte keinen relevanten Einfluss auf die Genauigkeit
der Biometrie. Sehr kräftige Kinder wurden in über der Hälfte der Fälle unterschätzt,
während dies in allen anderen Gewichtsgruppen deutlich seltener der Fall war. Die
Auswertung der Risikofaktoren zeigte, dass bei 85% der Schwangeren mindestens ein
Risiko angegeben war und dass sie umso häufiger per Sectio entbunden wurden, je mehr
Risiken sie aufwiesen. Im Kollektiv lag die Makrosomieinzidenz bei 8,5%. Insgesamt
15,1% der Kinder wiesen ein Geburtsgewicht <10. Perzentile auf. 61% der Kinder wurden
spontan geboren, 2,5% vaginal-operativ und 36,5% per Sectio. Bei 12,9% der Frauen
lag ein Gestationsdiabetes vor. Insgesamt 16,5% der Frauen hatten bereits bei Eintritt
der Schwangerschaft einen BMI ≥30. Nebenbefundlich fanden wir auch Doppleranomalien,
Lageanomalien der Feten oder Plazentationsstörungen.
Schlussfolgerungen: Zur Abschätzung des kindlichen Geburtsgewichts steht dem Geburtshelfer neben Anamnese
und klinischer Untersuchung die Ultraschalldiagnostik mit fetaler Biometrie als einfache
und schnell erlernbare Methode zur Verfügung. Eine verlässliche Gewichtsschätzung
ist bereits in einem frühen Ausbildungsstand weitgehend unabhängig von den Untersuchungsbedingungen
und der Tageszeit möglich. Neben dem Geburtsgewicht liefert die Ultraschalluntersuchung
Informationen über die Kindslage, Plazentalokalisation und die Fruchtwassermenge.
Beim Vorliegen von Hinweisen auf eine fetale Makrosomie sollte eine besonders kritische
und umfassende Aufklärung der Patientin bzw. Geburtsplanung erfolgen. Unserer Ansicht
nach ist im Rahmen einer risikoadaptierten Geburtshilfe neben Anamnese und klinischer
Untersuchung die unmittelbare präpartale Sonografie unbedingt erforderlich.
Abstract
Objective: Birth weight is an important confounder to foetal morbidity and mortality. There
is controversy about the necessity of ultrasound examinations immediately before delivery.
As only few studies on unselected populations have been published, some recommendations
exist in the context with shoulder dystocia, water delivery and breech delivery.
Patients and Methods: Within 1 year we examined 1 127 consecutive pregnant women with 1 151 foetuses on
the basis of a routine ultrasound examination.
Results: A total of 92% of all women were examined by ultrasound. Nearly 80% of these examinations
took place within 72 h prior to delivery. The accuracy of foetal weight estimate (±10%
variance) was 72% and did not gain due to the grade of the examiner's experience.
There was no difference between routine and complicated conditions such as oligohydramnios,
obesity, contractions. Also week of gestation had no influence. Macrosomic foetuses
were underestimated in more than 50%. In 85% of pregnancies there was at least one
risk factor and rate of Cesarean sections was due to this fact. Overall there were
8.5% macrosomic foetuses and 15.1% were SGA. 16.5% of the women were obese with BMI
>30.
Conclusion: Foetal weight estimation by means of ultrasound is easy and fast and does not need
a high level of experience. There is no negative influence on accuracy of weight estimate
by examination conditions and week of gestation. Ultrasound examinations also give
information about foetal position, placental localisation and amount of amniotic fluid.
Together with maternal risk factors, the prospective planning and leading of birth
requires ultrasound biometry prior to delivery.
Schlüsselwörter
Key words
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Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Thomas Hitschold
Chefarzt der Frauenklinik
Klinikum Worms
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