Klinische Neurophysiologie 2011; 42 - P318
DOI: 10.1055/s-0031-1272765

Farb- und formbasierte visuelle Suche bei unterschiedlichen Farbsehfähigkeiten in natürlicher Umgebung

G. Kugler 1, B.M. 't Hart 1, S. Kohlbecher 1, K. Bartl 1, F. Schumann 1, W. Einhäuser 1, T. Brandt 1, E. Schneider 1
  • 1München, Marburg, Osnabrück

Das Überleben von frugivoren Tieren hängt von ihrer Fähigkeit ab, reife Früchte aufzuspüren.

Dies liefert eine plausible Erklärung für die Entwicklung trichromatischen Sehens bei vielen Primaten, und damit auch beim Menschen. Die erhöhte Farbauflösung erleichtert die Unterscheidung zwischen reifen und unreifen Früchten.

Wir haben eine Gruppe Probanden mit Farbenfehlsichtigkeit (Deuteranomalie bzw. Deuteranopie), und eine Kontrollgruppe mit normalen Farbsehfähigkeiten untersucht. Alle Teilnehmer absolvierten zwei Suchaufgaben in einem vorher präparierten Feld. Dazu wurden Ziele („Smarties“, 0,70 pro qm) und Distraktoren („m&ms“, 21 pro qm) gleichmäßig auf dem Feld (800 qm, Abb.1) verteilt.

Beide Objektarten kamen in verschiedenen Farben vor. Die Ziele lassen sich von den Distraktoren anhand der Form unterscheiden. Die Aufgabe ist vergleichbar mit der Suche nach kleinen Früchten wie etwa Beeren. Mit der mobilen EyeSeeCam wurden sowohl die Augenbewegungen, als auch ein Videostrom des Blickzieles aufgezeichnet.

Die erste Aufgabe für die Probanden war es, Ziele beliebiger Farbe zu suchen, und auf gefundene Ziele zu deuten. Beide Gruppen fixierten einen vergleichbaren Anteil an Distraktoren je Farbe.

Sie deuteten erfolgreich auf eine ähnliche Anzahl gefundener Ziele.

In der zweiten Aufgabe sollten die Teilnehmer rote Ziele aufspüren und auf diese deuten. Verglichen mit der ersten Aufgabe erhöhte sich der Anteil der Fixationen auf rote Objekte von ˜21% auf ˜26% bei den Farbenfehlsichtigen, und von ˜26% auf ˜75% in der Kontrollgruppe. Die Gruppe mit Farbenfehlsichtigkeit spürte eine deutlich geringere Zahl roter Ziele auf.

Diese Resultate lassen den Schluss zu, dass Menschen mit trichromatischem Sehen rote Ziele vorselektieren können, und so ihre Suche effizienter gestalten. Dagegen fehlt Dichromaten (bzw. anomalen Trichromaten) diese Fähigkeit. Eine alternative Strategie für die Gruppe der Farbenfehlsichtigen wäre es, Objekte anhand ihrer Farbe zu vermeiden. So könnte die Anzahl der fixierten gelben und blauen Objekte reduziert werden. Der Anteil der fixierten gelben und blauen Objekte bei der Suche nach roten Zielen fällt allerdings nicht so deutlich wie bei der Kontrollgruppe. Dies lässt vermuten, dass die farbbasierte Vorselektion auf positiver Auswahl basiert, und keine Vermeidung (negative Selektion) offensichtlich falscher Objekte einschließt.