Dialyse aktuell 2010; 14(9): 498
DOI: 10.1055/s-0030-1269821
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Sport an der Dialyse?

Bernd Hoppe
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Publication Date:
15 November 2010 (online)

„The 'disconnect' between nephrologists' view of the importance of physical activity for their patients and the lack of actual practice of providing programs for exercise for patients in the clinics or even recommendations as a part of the routine care is curious.“ (Cheema BS, Singh MA. Am J Nephrol 2005; 25: 352–364)

Die Betreuung von Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz (CNI) hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der verschiedenen Dialysetechniken oder aber der Intensivierung supportiver Maßnahmen deutlich verbessert. Dennoch ist die chronische Niereninsuffizienz mit einer eingeschränkten Lebensqualität und einer erhöhten Mortalitätsrate verbunden. Patienten mit einer chronischen Hämodialyse verbringen pro Jahr circa 600–1000 Stunden an der Dialyse. Neben dem Verlust an körperlicher Leistungsfähigkeit geht dies auch mit einem Verlust an sozialen Kontakten einher. Dialysepatienten, vor allem jene mit einem Beginn der CNI in der frühen Kindheit, haben einen sowohl gegenüber Gleichaltrigen als auch gegenüber Geschwistern geringeren Intelligenzquotienten und weisen teils hohe Defizite in neurokognitiven Schlüsselfunktionen auf. Eine psychosoziale Betreuung wäre demzufolge ein Muss für jeden Dialysepatienten. Konkret findet eine solche interdisziplinäre Betreuung meist aber nur in Kinderdialyseeinrichtungen statt.

Mittlerweile sind zahlreiche gesundheitsrelevante Vorteile von sportlicher Betätigung sowohl bei gesunden Kontrollpersonen als auch bei Patienten mit chronischen Erkrankungen bekannt. Auch bei Patienten mit CNI und Hämodialyse sind diese Vorteile beschrieben. Erste Untersuchungen hierzu wurden bereits Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre des letzten Jahrhunderts durchgeführt und zeigten fast durchweg positive Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität bei einem äußerst geringen Nebenwirkungsprofil. Aber: Wird wirklich Sport an der Dialyse betrieben, oder ist dies eine Wunschvorstellung?

Seit einigen Jahren wird ein intradialytisches Trainigsprogramm als „standard clinical practice in ESRD“ („end-stage renal disease“) empfohlen. Immerhin scheinen diesem Rat zumindest in Deutschland einige Zentren gefolgt zu sein. Trotzdem beteiligen sich an solchen Trainingsprogrammen aber nur wenige, das heißt nur knapp 20–30 % aller Dialyseeinrichtungen. Dabei wäre, wie die Artikel in diesem Heft aufzeigen, eine adäquate sportliche Betätigung einfach und sicher für alle Altersgruppen durchführbar.

Wie weitere Untersuchungen aus den letzten Jahren aufzeigen, besitzen sowohl ausdauer- als auch kraftorientiertes Training positive Einflüsse auf Menschen mit einer chronischen Niereninsuffizienz. Diese werden in Zukunft eine wichtige Rolle bei Behandlung, Prävention und Verlangsamung des Fortschreitens von Nierenerkrankungen spielen.

Meine eigenen Erfahrungen? „Just do it“, aber richtig – so wie in den Artikeln beschrieben! Ein patientenbezogenes Trainingsprogramm ist notwendig. Überforderungssituationen sind zu vermeiden, diese tragen nur zur Demotivation bei. Doch die Vorteile von Sport an der Dialyse liegen auf der Hand: Aus dem wenig belastbaren wird ein leistungsstärkerer Patient. Die Dialyse wird besser weggesteckt, auch die Zeit nach der Dialyse kann der Patient nun adäquater nutzen.

Unsere jugendlichen Patienten, die regelmäßig am Sportprogramm teilnehmen, erfahren sich als wieder konkurrenzfähig, sind motivierter, teilweise bringen sie auch ihre Eltern “wieder auf Trab” (siehe auch www.nephro.tv). So wird im Langzeitverlauf nicht nur der Patient fit, dialysiert effektiver, braucht hoffentlich weniger Medikamente und reduziert Komorbiditäten, sondern auch das Umfeld profitiert in signifikantem Maße von diesen primär patientenbezogenen Verbesserungen. Nicht zu vergessen natürlich auch gesundheitsökonomische Aspekte, die sich daraus definitiv ergeben werden.

Ihren Patienten also viel Spaß beim Sport an der Dialyse!

Prof. Dr. Bernd Hoppe

Köln

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