Dialyse aktuell 2010; 14(9): 483
DOI: 10.1055/s-0030-1269820
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Pflege ohne Zivis?

Christian Schäfer
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Publication Date:
15 November 2010 (online)

Für andere schuften, und das für wenig Geld – die Rahmenbedingungen des Zivildienstes sind eigentlich nicht sehr einladend, sogar abschreckend. Doch gar nicht so selten entsteht aus den Erfahrungen, die die jungen Männer zum Beispiel in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen machen, der Wunsch, in sozialen Berufen arbeiten zu wollen. Sie fühlen sich in ihrer Entscheidung bekräftigt, Mediziner oder Pflegekraft, Sozialarbeiter oder Lehrer werden zu wollen bzw. entdecken eine neue Leidenschaft – oder sie erkennen, dass ihnen so etwas nicht liegt, was auch besser früher als später geschehen sollte. Oft berichtet so mancher junge Mann auch von einer im Zivildienst gewonnenen Reife.

Nach Grundschullehrern oder gar Erziehern muss man in den jeweiligen Einrichtungen traditionell erst suchen. Es herrscht Männermangel. Aber auch in der Pflege ist jeder einzelne junge, männliche Nachwuchs natürlich wichtig und gern gesehen – gerade vor dem Hintergrund des sich immer mehr verstärkenden generellen Mangels an qualifizierten Pflegekräften. Wenn zuwenig Nachwuchs da ist, verpuffen irgendwann die sinnvollsten Fördermöglichkeiten für die Fachweiterbildung (im Beitrag ab Seite 488 erfahren Sie übrigens mehr zur geförderten Weiterbildung).

Die Regierung diskutiert schon seit Wochen intensiv darüber, die Wehrpflicht auszusetzen. Eine verkleinerte reine Berufsarmee soll nach dem Willen von Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg (CDU/CSU) letztendlich her. Hierbei präferiert zu Guttenberg ein Modell mit einem freiwilligen „Schnupper-Wehrdienst“, der auch für Frauen möglich ist. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) unterstützt „neues Denken“ in der anstehenden Reform der Bundeswehr. Aber es bläst auch ein scharfer Gegenwind, und das nicht nur aus den gegnerischen politischen Reihen.

Grundsätzlich scheint eine generelle Umstrukturierung der Armee angesichts des jüngsten Strukturkommissionsabschlussberichts jedoch keine schlechte Idee zu sein, wenn ihre Aufgaben klar definiert sind. Die Kehrseite der Medaille betrifft allerdings genau den Zivildienst: Viele soziale Einrichtungen bauen auf einen mehr oder weniger verlässlichen Strom an Zivildienstleistenden (2009 gab es etwa 90 000). Schafft man die verpflichtende Zeit des (Ersatz)-Dienstes zu schnell ab, könnte es leicht zu einem Versorgungsengpass in der Pflege kommen. Man muss daher adäquat dafür sorgen, dass junge Männer freiwillig einen ähnlichen Dienst leisten wollen – etwa den freiwilligen Zivildienst, wie ihn Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder (CDU) ins Gespräch gebracht hat.

Es ist allerdings äußerst ambitioniert, die 90 000 Zivildienstleistenden durch den im Falle des Aussetzens der Wehrpflicht 9–24-monatigen freiwilligen Zivildienst schnell zu ersetzen – trotz dem, dass Frauen und Männer aller Altersgruppen diesen Dienst leisten können. Das weiß Schröder auch: „Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass wir das, was wir heute haben, komplett ersetzen können“, sagte sie im vergangenen August gegenüber den Medien. Allein das Problem bleibt.

Kommt Ihnen das Konzept nicht bekannt vor? Richtig, so etwas kennen wir ja schon vom Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ). Der Unterschied: Bei FSJ und FÖJ besteht eine Altersbeschränkung bis zum vollendeten 27. Lebensjahr. Die Bundesländer sehen diese Ähnlichkeit mit Besorgnis, denn Parallelstrukturen und Konkurrenz könnten hier mehr schaden als nutzen.

Immerhin diskutiert man nun Dinge wie die Anrechnung auf Studienwartezeiten oder die Rente, die den Dienst attraktiver machen sollen. Denn die eingangs genannten Vorteile (mehr Sicherheit in der Berufswahl, Reife) nehmen die jungen Männer meist erst nach oder frühestens während des geleisteten Dienstes wahr. Immer größer wird außerdem der Druck, möglichst schnell eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen und Geld zu verdienen. Alles, was so einen Dienst attraktiver macht, ist also erwünscht und notwendig.

Christian Schäfer

Stuttgart

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