Klinische Neurophysiologie 2011; 42(3): 204-205
DOI: 10.1055/s-0030-1266118
Das besondere Bild
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Bilaterale Enzephalitis mit ungewöhnlicher Lokalisation durch Herpes simplex Virus Typ I – eine Komplikation immunsuppressiver Therapie

Bilateral Herpes Encephalitis in Unusual Localization Caused by Herpes Simplex Typ I – A Complication of Immunosuppressive TreatmentJ.  Albers1 , T.  Niederstadt2 , E.  B.  Ringelstein1 , R.  Dziewas1
  • 1Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster
  • 2Institut für Diagnostische Radiologie, Universitätsklinikum Münster
Further Information

Publication History

Publication Date:
09 August 2011 (online)

Hintergrund

Herpes simplex Typ I (HSV I) ist weltweit der häufigste Erreger einer sporadischen Enzephalitis [1]. In Europa beträgt die Inzidenz der HSV-Enzephalitis (HSE) etwa 1–2 / 100 000 Einwohner. Klinische Zeichen sind plötzliches, hohes Fieber, Kopfschmerzen, fokale oder generalisierte epileptische Anfälle und progrediente Vigilanzminderung. Unbehandelt nimmt die Erkrankung in 70–80 % einen letalen Verlauf, aber auch im Falle einer zeitnahen Diagnose und Therapie erreicht die Mortalität immer noch 20–30 % [1]. Die beiden entscheidenden prognostischen Faktoren sind 1. die Komorbidität des Patienten sowie 2. die Dauer bis zum Beginn einer antiviralen Therapie [2]. Aktuell wird eine intravenöse Therapie mit dem Virusstatikum Aciclovir (10 mg / kg KG alle 8 Stunden) empfohlen [3]. Zur Sicherung der Diagnose sollte eine kontrastmittelgestützte Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes erfolgen. In der Frühphase sind diffusionsgewichtete (DWI)-Sequenzen besonders geeignet, die enzephalitischen Läsionen sichtbar zu machen [4]. Die Computertomografie (CCT) ist mit einer Sensitivität von nur 50 % dafür nicht ausreichend. Häufigste Lokalisation der HSE ist der mesiale Temporallappen, in der Frühphase oft noch unilateral begrenzt [5]. Aber auch Manifestationen außerhalb des Temporallappens wurden beschrieben, insbesondere die Gyri cinguli, die beiden Fornices und die mesialen Gyri der Frontallappen [5]. Die laborchemische Sicherung der Diagnose erfolgt durch die Herpes-Polymerasekettenreaktion (Herpes-PCR) aus dem Liquor. Unauffällige Befunde in MRT und Liquor wurden in der Frühphase der HSE in bis zu 30 % beschrieben und dürfen daher bei klinischem Verdacht auf keinen Fall zur Unterlassung oder zum Abbruch der antiviralen intravenösen Therapie verleiten [6].

Die Pathogenese der HSE ist bisher nur partiell geklärt. Möglicherweise ist eine besondere Immunantwort des Wirtes der entscheidende Trigger für das neurotoxische Ödem und den Gewebeuntergang [6]. Dies könnte erklären, warum immunsupprimierte Menschen, trotz der hohen Inzidenz an mukokutanen HSV-Infektionen nicht häufiger an einer HSE erkranken als Gesunde [6].

Im Folgenden beschreiben wir die diagnostischen Herausforderungen im Falle eines immunsupprimierten Patienten mit atypisch lokalisierter HSE.

Literatur

Dr. med. Johannes Michael Albers

Klinik und Poliklinik für Neurologie (Direktor: Univ.-Prof. Dr. E. B. Ringelstein)
Universitätsklinikum Münster

Phone: 0251/83-48231

Fax: 0251/83-48181

Email: [email protected]