Klin Padiatr 2011; 223(1): 15-21
DOI: 10.1055/s-0030-1265170
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Standardisierte Ernährung zum enteralen Nahrungsaufbau für Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht ≤1 750 g – kontrollierte randomisierte Studie

Enteral Feeding Volume Advancement by Using a Standardized Nutritional Regimen in Preterm Infants ≤1 750 g Birth Weight: A Controlled Randomized TrialE. Sergeyev1 , C. Gebauer1 , M. Knüpfer1 , F. Pulzer1 , E. Robel-Tillig1
  • 1Abteilung für Neonatologie, Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig
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Publication Date:
22 September 2010 (eFirst)

Zusammenfassung

Hintergrund: Ein rascher enteraler Nahrungsaufbau bei Frühgeborenen verkürzt die Zeit der parenteralen Ernährung. Somit lassen sich bestimmte Risikofaktoren beeinflussen, die evt. die Morbiditätshäufigkeit der Kinder senken könnten. Mehrere Kohortenstudien zeigten, dass ein standardisierter Nahrungsaufbau mit einer geringeren Komplikationsrate und einem schnelleren Nahrungsaufbau assoziiert ist. Ziel der Studie ist zu überprüfen, ob ein standardisiertes Ernährungsprogramm einen rascheren und komplikationsärmeren enteralen Nahrungsaufbau bei Frühgeborenen ermöglicht.

Patienten und Methode: In die vorliegende randomisierte, kontrollierte Studie wurden 99 Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von ≤1 750 g aufgenommen. In der Gruppe mit standardisierter Ernährung (ST) wurde der enterale Nahrungsaufbau mit Muttermilch oder gespendeter Frauenmilch nach einem speziell ausgearbeiteten Protokoll durchgeführt. In der Gruppe mit der individuellen Ernährungsform (IN) wurde je nach Bedarf und Zustand des Kindes auch semi-elementare Nahrung (Pregomin®) gefüttert. Über die Steigerungsdynamik und Nahrungspausen wurde hier individuell entschieden. Primäres Zielkriterium war die Dauer bis zum Erreichen der vollenteralen Ernährung.

Ergebnisse: In der ST-Gruppe war die vollständig enterale Ernährung nach 14,93±9,95 (Median 12) Tagen, in der IN-Gruppe nach 16,23±10,86 (Median 14) Tagen möglich. Es konnte kein signifikanter Unterschied gefunden werden. Nur bei hypotrophen Frühgeborenen erwiesen sich die Unterschiede bei der ST-Gruppe gegenüber der IN-Gruppe als statistisch signifikant: 10,20±4,78 (Median 8,5) vs. 16,73±8,57 (Median 15) Tage (p=0,045). Die Gewichtsentwicklung verlief in beiden Studiengruppen nicht different. Die Kinder in der ST-Gruppe konnten bei einem Gewicht von 116% des Geburtsgewichtes vollständig enteral ernährt werden, in der IN-Gruppe bei einem Gewicht von 122% des Geburtsgewichtes. Die Inzidenz der nekrotisierenden Enterokolitis (4%) und anderer Komplikationen blieb in beiden Studiengruppen niedrig. Die Diagnose „Ernährungsschwierigkeiten” wurde mit klaren Symptomen definiert und in der IN-Gruppe doppelt so oft gestellt, wie in der ST-Gruppe (14 vs. 7)

Schlussfolgerung: Das Standardisieren führte unter den Studienbedingungen nicht zu einer Beschleunigung des Nahrungsaufbaus. Anhand unserer Ergebnisse ist es möglich, dass die hypotrophen Frühgeborenen von der standardisierten Ernährung entsprechend des Ernährungsprotokolls profitieren. Diese Hypothese muss in einer neuen Studie überprüft werden. Diese Kinder konnten schneller vollständig enteral ernährt werden, als Frühgeborene, mit individuellem enteralem Nahrungsaufbau. Ein standardisiertes Nahrungsprotokoll ist im klinischen Alltag durchsetzbar, und darauf aufbauend ein enteraler Nahrungsaufbau unter strenger klinischer Beobachtung ohne Komplikationen erfolgreich durchführbar.

Abstract

Background: Rapid enteral feeding volume advancement in preterm infants can reduce the use of intravenous fluids. This practice may decrease the hazards of intravenous infusion solutions and potentially the morbidity rate. Several cohort trials demand the standardised nutritional regimen to reduce the complications and the time to reach full enteral feeds.

Aim: to determine whether using a standardized nutritional regimen the rapid enteral feeding advancement in preterm infants is practicable without increasing the incidence of feeding complications.

Patients and methods: A prospective, randomized, controlled trial was performed in 99 preterm infants, birth weight ≤1 750 g. Group ST (standardized nutritional regimen) received breast human milk according to a standardized nutritional regimen. Group IN (individual nutritional regimen) received breast human milk or semi-elemental nutrition (Pregomin® Milupa) depending on enteral problems of the infant. The feeding volume advancement in the IN-Group was decided individually. The main outcome measure was time to reach full enteral feedings.

Results: Infants in the ST-Group achieved full enteral feedings after 14.93±9.95 (median 12) d, infants in the IN-Group after 16.23±10.86 (median 14) d. The difference between the groups was significant only in small for gestational age (SGA) infants: ST-Group 10.20±4.78 (median 8.5) vs. IN-Group 16.73±8.57 (Median 15) days (p=0.045). The weight gain was similar in both groups. Infants in ST-Group achieved full enteral feedings having 116% of birth weight, infants in IN-Group 122% of birth weight. This difference was not significant (p=0.195). The incidence of NEC (necrotizing enterocolitis, 4%) and other complications were low in both groups. The diagnosis “feeding complications” was described in IN-Group in 14 vs. 7 infants in ST-Group.

Conclusions: SGA-infants profit from the enteral feeding advancement by using a standardized nutritional regimen. These infants achieved full enteral feedings sooner then the SGA-infants, who did not feed by using a standardized nutritional regimen. A standardized nutritional regimen can be realized in clinical routine and is by strict clinical observation practicable without increasing the incidence of feeding complications.

Literatur

Korrespondenzadresse

Elena Sergeyev

Abteilung für Neonatologie

Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig

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