Z Sex Forsch 2010; 23(3): 258-261
DOI: 10.1055/s-0030-1262580
DEBATTE

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

„Rückzüge in den homosozialen Bunker“[1]

Gunter Schmidt, Hans-Hermann Kotte
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Publication Date:
23 September 2010 (online)

Kotte: Herr Schmidt, die Debatte über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Monaten auch für ideologischen Schlagabtausch instrumentalisiert worden. Der nun zurückgetretene Bischof Mixa gab der sexuellen Befreiung der 60er- und 70er-Jahre Mitschuld. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone stellte einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie her. Und der hessische FDP-Justizminister Jörg-Uwe Hahn machte Rot-Grün mitverantwortlich. Wie bewerten Sie als Sexualwissenschaftler solche Thesen? 

Schmidt: Das sind versuchte Befreiungsschläge, die ziemlich daneben gehen. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, polarisiert die Debatte und führt zu nichts. Es wäre sinnvoller, mal in Ruhe zu sortieren, was da gerade geschieht. Auf der einen Seite sind da die Missbrauchsfälle in einer  fortschrittlichen, als sexualliberal geltenden Reformschule, der Odenwaldschule. Auf der anderen Seite sind es Fälle in der weltumspannenden, sehr viel älteren, hierarchischen und sexualfeindlichen Institution der katholischen Kirche. Das muss man schon klar auseinanderhalten.

Okay, fangen wir mit den Liberalen an. 

Was haben die 68er gewollt? Das waren zwei Dinge. Es ging zum einen darum, überkommene sexuelle Verbote, die die Menschen beengten, beiseite zu fegen. Zum anderen ging es darum, die gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse weniger autoritär zu gestalten, das heißt, uns für Machtübergriffe zu sensibilisieren. Beide Forderungen sind hervorragende Voraussetzungen für eine Vorbeugung sexuellen Missbrauchs. Die 68er haben schon früh gesagt, macht die Kinder stark, macht die Jugendlichen stark, so dass sie ihre Interessen auch gegen Erwachsene behaupten können.

Das klingt gut, aber wo liegen die Schwachpunkte?

In der frühen Phase dieser Entwicklung war es sicher so, dass der liberale Impuls überwog, was zeitweise zu einer Deregulierung des Sexmarktes führte. Frauen registrierten ganz schnell, dass ihre sexuelle „Befreiung“ zu den Bedingungen der Männer erfolgen sollte, nach dem Motto „seid nicht so verklemmt, macht was wir wollen“. Und das ließen sie sich nicht gefallen.

Und, nützte das etwas?

Was folgte, war sozusagen der zweite Akt der Liberalisierung, der dann von den Frauen, den Feministinnen getragen wurde. Im Sexualdiskurs der 70er- und 80er-Jahre wurde die sexuelle Selbstbestimmung thematisiert – sexuelle Übergriffe, Missbrauch, Vergewaltigung, Sexismus im Alltag und in der Pornografie usw. Das hat, glaube ich, unsere Sensibilität für sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen außerordentlich geschärft, und zwar in einer Weise, wie es die alte Moral der Kirchen nie geschafft hat. Da galt alles nur als Unzucht, ob man nun vor- oder außerehelich, gleichgeschlechtlich, kontrazeptiv oder pädophil verkehrte. In der heutigen liberalen, säkularen Sexualmoral stehen Verstöße gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht im Zentrum. So schaut man heute auch stärker auf die Opfer, es gibt heute eine viel strengere Haltung und mehr Aufmerksamkeit gegenüber pädophilen Handlungen.

Die 70er-, 80er-Jahre – ausgrechnet in dieser Zeit kam es an der Odenwaldschule zu den sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche. Vielfach wurde in der Presse jetzt insinuiert, der liberale Zeitgeist der 60er-, 70er-Jahre habe Täter möglicherweise ermuntert? 

Natürlich kann man den Aufbruch der 68er aus der starren Sexualmoral nicht als Einladung zum Missbrauch hinstellen. Hinter solchen Vorwürfen stecken auch Versuche, eine gesellschaftliche Fortschrittsentwicklung zu denunzieren. Ich würde aber nicht ausschließen, dass es zu Irritationen kam. Dass zumindest kurzfristig ein Klima entstand, wo man nicht so genau hinguckte, wo man zu großzügig war, auch aus dem Impetus heraus, sexuelle Minderheiten nicht auszugrenzen. Da sind wir heute sehr viel genauer: Wir gehen davon aus, dass es einen sexuellen Konsens zwischen einem Kind und einem Erwachsenen nicht geben kann, dass die Selbstbestimmung eines Kindes durch solche sexuellen Handlungen verletzt wird. Das gleiche gilt für sexuelle Beziehungen von Erwachsenen und Jugendlichen in hierarchischen oder abhängigen Verhältnissen, seien sie familiär, schulisch, kirchlich oder beruflich. Im Großen und Ganzen haben die sozialen Veränderungen, die man unter der Chiffre 1968 zusammenfasst, eher zu einer Prophylaxe des Missbrauchs geführt. Sowohl die Liberalisierung, als auch ihre Nachjustierung mit der Betonung der Selbstbestimmung.

In den 80er-Jahren gab es in der alternativen Szene – im Umfeld der Grünen, der taz und der Schwulenbewegung – Gruppen, die einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern propagierten. Etwa die Nürnberger „Indianerkommune“. Das nutzen jetzt Politiker wie Norbert Geis von der CSU, um in der Missbrauchs-Debatte die Grünen anzugreifen. Doch waren solche Pädo-Gruppen überhaupt relevant?

Mit der Sympathie von Fraktionen der linken Szene für solche Gruppen war es schnell wieder vorbei. Ich kann es mir nur so erklären, dass einige damals keiner Minderheit sexuelle Rechte bestreiten mochten. Da gab es zwischenzeitlich durchaus Naivität, und eine nicht akzeptable Laissez-faire-Haltung. Es waren übrigens 68er, allen voran Günter Amendt, die solche Ansätze unverzüglich und gnadenlos kritisierten. Aus der Alternativszene heraus entstanden aber auch Gruppen wie Wildwasser, die die Gesellschaft für die Missbrauchsproblematik sensibilisierten und sich um Opfer kümmerten.

In den Jahren der sexuellen Befreiung sollten auch Kinder als sexuelle Wesen wahrgenommen werden. Das umstrittene Aufklärungsbuch „Zeig mal!“ von Helga Fleischhauer-Hardt mit Fotografien von Will McBride aus dem Jahr 1974 ist ein Beispiel für diese Haltung. Heute dagegen werden Kinder zwar sexy ausstaffiert, aber sie sollen asexuelle, unschuldige Wesen sein. Haben Kinder eine Sexualität?

Das kann man 105 Jahre nach Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ wohl nicht mehr ernstlich bezweifeln. Kinder sind sexuell neugierig, erkunden spielerisch Lustmöglichkeiten, mit sich allein oder in Doktorspielen. Sexuelle Kontakte mit Erwachsenen sind allerdings das Letzte, was sie wollen. Die Bilder McBrides in „Zeig mal“ sind ästhetisch, explizit und dezent zugleich, sie zeigen keine Übergriffe. Ich habe „Zeig mal“ aber immer eher als ein Aufklärungsbuch für Jugendliche und Erwachsene geschätzt als für Kinder. Wir haben die Bilder in den 80er- und 90er-Jahren übrigens oft bei der Beratung und Behandlung von Paaren mit sexuellen Problemen benutzt.

Was den Skandal an der Odenwaldschule angeht, wurde in Presseartikeln auf die historischen Bezüge zwischen Protagonisten der Reformpädagogik und dem Männerbund um den Dichter Stefan George hingewiesen – da war von „Päderastie aus dem Geist Stefan Georges“ die Rede. Und es fiel das Stichwort vom „pädagogischen Eros“. Ist die Reformpädagogik kontaminiert? 

In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – und auch schon ein bisschen früher – spielte in intellektuellen Kreisen die verquaste Mystifizierung des mann-männlichen Verhältnisses eine beträchtliche Rolle: erotisch und zugleich nichtschwul, denn Schwule galten diesen „Männerhelden“ als weibisch. Dies war wohl eine Reaktion auf und Abkehr von den sich emanzipierenden Frauen, ein Rückzug in den homosozialen Bunker. Aus dieser Gemengelage entstand die neuzeitliche Form des „pädagogischen Eros“. Die Beziehung Lehrer – Schüler sollte emphatisch, ja leidenschaftlich sein. Bewunderung, Verehrung für den Älteren, zärtliche Zuneigung zu dem Jüngeren sollte das pädagogische Verhältnis bestimmen, der Jüngling sollte, wie im George-Kreis, Geist vom Geiste des Meisters werden. Romantische, erotische und Machtphantasien sind im „pädagogischen Eros“ auf merkwürdige Weise verschlungen. Die Sexualität war als niederer Affekt bei den Vertretern des „pädagogischen Eros“ zwar verpönt, dennoch kam es zu Übergriffen. Diese Ideenwelt des frühen 20. Jahrhunderts mag heute noch eine besondere Anziehungskraft für Männer haben, die auf Jugendliche stehen und die das Mentor-Schüler-Verhältnis erotisieren.

Hat der „pädogogische Eros“ in der heutigen Welt noch einen Platz?

Nein. Schon in den 20er Jahren war nur eine Minderheit der Reformpädagogen Anhänger dieser Idee. Was die Mehrheit wollte, war und ist vernünftig und heute selbstverständlich: ein persönliches Verhältnis von Lehrer und Schüler anstatt eines autoritären Verhältnisses, anstatt Befehl und Gehorsam. Doch wer Nähe will, muss auch die Gefahr von Grenzübertretungen beachten.

Das Internat Salem soll jüngst einen Lehrer entlassen haben, der bei einem Aufnahmegespräch und danach auch am Telefon und per SMS mit einem 17-Jährigen geflirtet haben soll. Sehen Sie momentan die Gefahr, dass das alte Vorurteil wiederbelebt wird, dass alle Homosexuellen Kinderverführer seien?

Eine solche Tendenz sehe ich nicht. Eine sexuelle Präferenz für Kinder oder Jugendliche kann sich auf Jungen oder Mädchen beziehen, sich also heterosexuell wie homosexuell äußern. Betrachtet man alle Missbrauchfälle, sind Mädchen sehr viel häufiger betroffen als Jungen.

Kommen wir noch zu den Missbrauchsfällen in Institutionen der katholischen Kirche. Hier geht es in der Debatte immer wieder um den Zölibat, das Frauenbild der Kirche und deren Ablehnung der Homosexualität. Der Befreiungstheologe Leonardo Boff spricht von einer „autoritären“ und „monosexuellen“ Religionsgemeinschaft. Ist die katholische Kirche wegen ihrer rückständigen Strukturen und Haltungen besonders anfällig für Kindesmissbrauch?

Ich vermute ja. Wenn die Kirche nun sagt, sie werde solche Fälle künftig bei den staatlichen Stellen zur Anzeige bringen und ein wacheres Auge für das Problem haben, dann mag das zu Veränderungen führen. Viel wichtiger für die Vorbeugung des Missbrauchs aber wäre, glaube ich, dreierlei: Das Aufheben des Zwangszölibats, so dass mehr Menschen, die ihre Sexualität und ihre Beziehungen leben wollen und leben, Priester werden können; die Ordination von Frauen, also das Auflösen der homosozialen, männerbündlerischen Strukturen in der Priesterschaft; und die Milderung autoritärer, einschüchternder Strukturen in der Kirche.

Derzeit ist hauptsächlich vom sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen und in Internaten die Rede. Kommt dabei zu kurz, dass sich die Mehrzahl der Missbrauchsfälle – der Kinderschutzbund spricht von 80 Prozent – in den Familien abspielt?

Ich denke, dass das Thema durchaus weiter präsent ist und nicht verdrängt wird. In den 90er-Jahren ist der Missbrauch in den Familien intensiv debattiert worden, bis hin zur These vom „Missbrauch des Missbrauchs“. Doch jetzt ist mit der Kirche und den Internaten eben die Folgedebatte dran. Die hatten wir noch nicht.

1 Eine gekürzte Fassung dieses Interviews erschien in der Frankfurter Rundschau vom 11.05.2010.

1 Eine gekürzte Fassung dieses Interviews erschien in der Frankfurter Rundschau vom 11.05.2010.

Prof. Dr. G. Schmidt

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