Z Phytother 2010; 31(5): 263-264
DOI: 10.1055/s-0030-1262405
Praxis
Behandlungsprobleme
© Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Kann es Interaktionen zwischen grünem bzw. schwarzem Tee und Marcumar® geben?

Elisabeth Schmutz
Further Information

Publication History

Publication Date:
08 November 2010 (online)

Marcumar® enthält den Wirkstoff Phenprocoumon, einen Vitamin-K-Antagonisten aus der Wirkstoffklasse der Cumarine. Phenprocoumon wird hauptsächlich in Europa eingesetzt, weltweit ist dagegen der strukturell eng verwandte Wirkstoff Warfarin das Standardmittel für die orale Antikoagulation. Daher beziehen sich die meisten Daten und Veröffentlichungen zu Interaktionen auf Warfarin.

Die mögliche Interaktion von grünem oder schwarzem Tee (Camellia sinensis) mit oralen Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ beruht auf dem Gehalt an Vitamin K ([1–5]). Daher handelt es sich hier um eine pharmakodynamische Wechselwirkung, die alle Vitamin-K-Antagonisten betrifft. Nicht fermentierter grüner Tee enthält im Vergleich zu Schwarztee die 5- bis 6-fache Menge an Vitamin K, ca. 1400 μg/100 g trockener Teedroge. Der Vitamin-K-Gehalt des fertigen Tees hängt natürlich von der Verdünnung bzw. der verwendeten Menge an Teeblättern ab. Ebenso ist die Trinkmenge für die Vitamin-K-Aufnahme durch Tee von entscheidender Bedeutung ([2]).

In der Literaturrecherche finden sich lediglich Hinweise auf eine möglicherweise relevante Interaktion mit grünem Tee. In einem Fallbericht aus den USA wurde beschrieben, dass es bei einem Patienten durch den Genuss von grünem Tee zu einem starken, klinisch signifikanten Abfall der INR (International Normalized Ratio) kam. Allerdings hatte der Patient täglich bis zu einer Gallone (entspricht ca. 3,8 Litern!) des Getränks zu sich genommen ([3]).

Kulturlandschaft: Teeplantage.

Fermentation der Blätter in einer Teefabrik.

Insgesamt wird die klinische Relevanz einer Interaktion zwischen grünem Tee und oralen Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ in der Literatur als sehr gering eingeschätzt ([4], [5]).

Problemfall

Nahrungsergänzungsmittel Die beiden natürlich vorkommenden Vitamin-K-Derivate, Phytomenadion (Phyllochinon, Vitamin K1) und Menachinon (Vitamin K2), sind kaum wasserlöslich, jedoch löslich in Ethanol und gut löslich in sehr lipophilen Solvenzien wie Aceton, Ether, Hexan etc. Phytomenadion ist stabil gegen Luft, unter Lichteinfluss dagegen erfolgt Zersetzung. Wässrige Phytomenadion-Dispersionen können autoklaviert werden ([6]).

Unserer Meinung nach ist es durchaus plausibel, dass ein Extrakt aus grünem Tee mit Ethanol oder einem anderen eher lipophilen Lösungsmittel größere Mengen an Vitamin K enthält als der wässrige Teeaufguss. Jedoch fanden wir in der Literatur keine Monografie und auch keine sonstigen Angaben über verwendete Extraktionsmittel für einen Extrakt aus grünem Tee. Wir haben bei 2 deutschen Herstellern von NEM mit grünem Tee angefragt und zu Informationen über das Extraktionsmittel gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

Fazit

Eine mögliche Interaktion von grünem Tee mit Marcumar® beruht auf dem Vitamin-K-Gehalt der Pflanzendroge. Daher hängen das Ausmaß und die klinische Relevanz einer Interaktion von der Art des Tees, der Zubereitung (verwendete Menge Teeblätter) und der konsumierten Menge des Tees ab. Der Genuss größerer Mengen grünen Tees kann zu einem Abfall des INR-Wertes führen. Bei normalem Konsum von grünem Tee scheint eine klinisch relevante Auswirkung auf die Antikoagulation durch Marcumar® jedoch eher unwahrscheinlich. Da schwarzer Tee von vornherein wesentlich weniger Vitamin K enthält, ist hier eine klinisch relevante Interaktion mit Marcumar ® generell äußerst unwahrscheinlich.

Quelle: Rundschreiben der Bayerischen Landesapothekerkammer