Klin Padiatr 2010; 222 - DGPI_PO_42
DOI: 10.1055/s-0030-1261458

Hämophagozytische Lymphohistiozytose bei postnataler Cytomegalievirus-Infektion eines 9 Wochen alten Säuglings mit Dystrophie

C Silwedel 1, AT Treutlein 1, W Thomas 1, M Schneider 2, CP Speer 1, J Liese 1
  • 1Universitäts-Kinderklinik im Luitpold-Krankenhaus, Würzburg
  • 2Klinik für Anästhesiologie, Universitäts-Klinikum Ulm, Ulm

Hintergrund: Die Hämophagozytische Lymphohistiozytose (HLH) ist ein hyperinflammatorisches Krankheitsbild mit Beeinträchtigung zytotoxischer T- und natürlicher Killerzellen. Auslöser im Kindesalter sind vor allem angeborene Immundefekte und infektiöse Ursachen. Case Report: Aufnahme eines hypotrophen Frühgeborenen der 35+5. SSW im Alter von 9 Wochen bei ausgeprägter Enteritis und Dystrophie. Nachweis von S. aureus in Muttermilchkultur (toxin-bildend) und Stuhl. Zunächst Besserung unter Nahrungsumstellung, im Folgenden fiel jedoch eine Panzytopenie auf (Leukozyten 4.800/µl, Hb 6,1g/dl, Thrombozyten 98.000/µl). Im Verlauf Entwicklung subfebriler Temperaturen, langsamer CRP-Anstieg (0,08mg/dl auf max. 3,67mg/dl). Nach 6 Tagen Hyperpyrexie und progrediente Hepatosplenomegalie. Anstieg der Transaminasen-Aktivitäten (max. GOT 239U/l, GPT 62,5U/l) bei normwertigen Lebersyntheseparametern. Unauffällige bakteriologische Untersuchungen von Blut, Liquor, Stuhl und Urin. In der Knochenmarkspunktion unspezifische Begleitreaktion. Mit Ausnahme der Hepatosplenomegalie unauffällige Ganzkörper-MRT. Wegweisend Ferritinerhöhung auf 2809µg/l, Triglyzeride von 481mg/dl, nahezu fehlende Perforinexpression und starke Erhöhung des löslichen Interleukin 2-Rezeptors (sCD25) auf 9120 U/ml. Damit Erfüllung der HLH-Kriterien: Fieber, Splenomegalie, Zytopenie >2 Zellreihen, Hypertriglyzeridämie, Ferritin ≥500µg/l, sCD25 ≥2400 U/ml, reduzierte/fehlende NK-Zell-Aktivität. Keine Hämophagozytose im Knochenmark. Serologisch Nachweis von CMV-IgM sowie ansteigendem CMV-IgG (1:240 auf 1:1000), positiver CMV-DNA Nachweis in Blut (2100 Kopien/ml), Urin (1800 Kopien/ml), Liquor, Knochenmark und Muttermilch. Ausschluss einer konnatalen CMV-Infektion durch frühere postnatale CMV-Diagnostik des Frühgeborenen. Somit Diagnose eines Infektions-assoziierten Hämophagozytosesyndroms bei CMV, möglicherweise übertragen durch Muttermilch. Beginn einer Behandlung mit Ganciclovir i.v. (2×5mg/kg/d), bei klinischer Besserung Verzicht auf Immunsuppression. Im Verlauf Normalisierung von Zellreihen, CRP, Ferritin und Triglyzeriden, Regredienz der Hepatosplenomegalie. Nach 10 Tagen Ganciclovir negative CMV-PCR im Blut. Fortsetzung der Behandlung über insgesamt 4 Wochen. Klinische Verlaufskontrollen zeigten ein unbeeinträchtigtes Kind, es persistierte lediglich eine milde Splenomegalie. In der genetischen Diagnostik kein Hinweis auf hereditäre HLH. Diskussion: CMV ist ein bekannter Triggerfaktor der kindlichen HLH. Eine CMV-Transmission ist prä- und perinatal möglich, postnatal auch über Muttermilch. Eine systemische Manifestation tritt i.d.R. nur bei sehr unreifen Frühgeborenen auf. Bei unserem Patienten postulieren wir eine Darmwandschädigung im Rahmen der S. aureus Enteritis, die möglicherweise als Eintrittspforte für CMV-Erreger aus der Muttermilch diente und damit zu einer systemischen Infektion mit Ausbildung der HLH führte.