Gastroenterologie up2date 2011; 7(3): 174-175
DOI: 10.1055/s-0030-1256760
Klinisch-pathologische Konferenz

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Filiforme Polypose

Eine seltene Komplikation bei Patienten mit chronisch entzündlicher DarmerkrankungWitigo  von Schönfels, Jan-Hendrik  Egberts
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Publication Date:
23 September 2011 (online)

Sicht des Chirurgen

Epidemiologie

Die filiforme Polypose (FP) ist eine sehr seltene Erkrankung, die bislang nur in Einzelfallberichten bzw. kleinen Serien beschrieben wurde. Dabei scheint die Erkrankung vor allem bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) vorzukommen. Jedoch gibt es auch wenige Berichte vom Auftreten der Erkrankung ohne CED [1] [2].

Pathogenese

Die Pathogenese ist weitestgehend unklar. Da die FP meist im entzündungsfreien Intervall bei Patienten mit CED auftritt, geht man davon aus, dass die FP infolge einer gesteigerten postinflammatorischen Reaktion entsteht. Bei den Patienten ohne CED lagen Begleiterkrankungen wie eine Histiozytose X, Tuberkulose oder Sigmadivertikulose vor [2] [3] [4] [5] [6].

Befunde

Die klinischen Befunde sind nur schwer von den klassischen Symptomen chronisch entzündlicher Darmerkrankungen zu unterscheiden. Die Patienten fallen durch Anämie, Gewichtsverlust, schmerzhafte Bauchkrämpfe, Diarrhöen, intestinale Hämorrhagien mit Meläna auf. Komplikationen wie das Auftreten eines Ileus, massive Blutungen, Megakolon oder Perforation sind selten [7] [8].

Endoskopie. Eindrücklich ist vor allem der endoskopische Befund, bei dem man fingerförmige Mukosavorwölbungen erkennen kann, die teilweise zu transluminalen Brücken oder Lumenobstruktion führen [9]. Bei ausgeprägtem Befall ist es endoskopisch schwierig, die FP von einer familiären adenomatösen Polyposis (FAP) zu unterscheiden. Auch wenn die FP makroskopisch wie ein exophytisch wachsendes Karzinom aussehen kann, scheint es keine Entartungstendenz zu geben [6].

Therapie

Rolle des Chirurgen. Die FP an sich ist keine zwingende OP-Indikation. In Abhängigkeit von der Ausprägung oder dem klinischen Verlauf können sich unterschiedliche Situationen entwickeln. Im Falle eines Passagestopps durch Stuhlimpaktion kann das Bild eines Ileus entstehen. Bei Ileus, massiven kreislaufrelevanten Blutungen oder toxischem Megakolon handelt es sich um Situationen, in denen eine Notfalloperation notwendig ist, die meist nur im Rahmen einer konventionellen explorativen Laparotomie erfolgen kann. Um solche Situationen zu vermeiden, sollte in Abhängigkeit von den Beschwerden und den endoskopischen Befunden die Operation elektiv geplant werden. In der elektiven Situation kann dann eine minimalinvasive Operation durchgeführt werden. Obwohl bislang keine Entartungstendenz gezeigt werden konnte, kann eine OP-Indikation auch aus präventiven Gesichtspunkten sinnvoll sein, da in der großen Masse der Polypen Adenome nicht sicher ausgeschlossen werden können.

Operatives Vorgehen. Da sich die FP primär im Kolon ohne Rektumbefall manifestiert, ist eine subtotale Kolektomie mit Anlage einer Ileorektostomie indiziert. Da das Rektum erhalten werden kann, sind Reservoir-Konstruktionen wie J-Pouch etc. nicht sinnvoll. Das Kolon kann bei vorliegender benigner Erkrankung tubulär abgesetzt werden, um vegetative Nerven zu schonen. Der chirurgische Zugangsweg erfolgt, sofern keine Notfallsituation vorliegt, in minimalinvasiver Technik (sog. laparoskopisches Vorgehen). Dies bringt die bekannten Vorteile wie eine schnellere Rekonvaleszenz, weniger postoperative Schmerzen sowie ein besseres kosmetisches Ergebnis mit sich. Durch weitere Minimalisierung und technische Fortschritte wird die Operation mittlerweile auch in Ein-Trokar-Technik (sog. SILS-Technik: single insicion laparoscopic surgery) durchgeführt.

Rezidive. Aufgrund der geringen Fallzahlen und in Ermangelung von Follow-up-Studien kann keine sichere Aussage über Rezidivraten gemacht werden. Zu erwarten ist eine geringe Rate, da nahezu keine Fälle von FP außerhalb des Kolons beschrieben sind. Eine regelmäßige endoskopische Nachsorge ist jedoch notwendig.

Fazit

Die FP ist ein sehr seltenes Krankheitsbild, das für sich betrachtet keine zwingende OP-Indikation mit sich bringt. In Zusammenschau der möglichen Komplikationen mit Notfalleingriffen als Folge, den chronischen Problemen und den nie ganz ausschließbaren Differenzialdiagnosen ist vor allem bei ausgeprägten Befunden eine elektive Operation zu empfehlen.

Literatur

PD Dr. med. Jan-Hendrik Egberts

Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel

Email: jan-hendrik.egberts@uksh-kiel.de