Klin Padiatr 2011; 223: E1-E15
DOI: 10.1055/s-0030-1256068
Neuropädiatrie/Psychiatrie

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Autismus-Spektrum-Störungen – ein Überblick zum aktuellen Forschungs-stand

Michele  Noterdaeme
Further Information

Publication History

Publication Date:
22 June 2011 (online)

Einleitung

Der Begriff „Autismus” wurde im Jahr 1911 von dem Psychiater Bleuler als medizinischer Fachbegriff geprägt und dem Bereich der schizophrenen Erkrankungen zugeordnet. Nach Bleuler sind autistische Verhaltensweisen dadurch gekennzeichnet, dass bei den betreffenden Personen Kontaktschwierigkeiten und Rückzugstendenzen sowie Störungen des Realitätsbezugs bestehen.

Im Jahr 1943 berichtete der amerikanische Kinderpsychiater Kanner über 11 Kinder, die deutliche Auffälligkeiten in der Sprache und der Kommunikation zeigten. Diese Kinder hatten auch massive Kontakt- und Beziehungsstörungen. „The outstanding, ‚pathognomonic’ fundamental disorder is the children’s inability to relate themselves in the ordinary way to people and situations from the beginning of life.” Kanner vermutete, dass es sich um eine angeborene Störung im Bereich des affektiven Kontakts handelt. „We must, then, assume that these children have come into the world with innate inability to form the usual, biologically provided affective contact with people, just as other children come into the world with innate physical or intellectual handicaps” [1].

In seiner 1944 veröffentlichten Habilitationsschrift beschrieb Asperger eine Reihe von Kindern im Alter von 6 – 11 Jahren, deren gemeinsames Merkmal in einer erheblichen Störung der Beziehung zu anderen Menschen und im sozialen Kontakt bestand. Es waren fast ausschließlich Jungen betroffen, die meist normal oder hoch begabt waren, einige hatten zudem eine Sonderbegabung. Asperger beschrieb das Auftreten von auffälligen Persönlichkeiten in den Familien. Auch er ging von einer Vererbung aus. „Längst ist die Frage entschieden, dass auch psychopathologische Zustände konstitutionell verankert und darum auch vererbbar sind, freilich auch, dass es eine eitle Hoffnung ist, einen klaren einfachen Erbgang aufzuweisen: diese Zustände sind ja zweifellos polymer, also an mehrere Erbeinheiten gebunden” [2].

Da Aspergers Arbeit lange ignoriert wurde, orientierte sich die Forschung um das diagnostische Konzept „Autismus” erst einmal an Kanners Arbeit. Die Schwere der autistischen Störung ließ zunächst vermuten, dass es sich um eine sehr früh beginnende Form der Schizophrenie handele. Deshalb wurde in der ICD_9 der Autismus nahe an den Psychosen klassifiziert. Die Studien von Rutter [3] zeigten aber deutlich, dass Autismus eine eigenständige nosologische Entität ist. Diese Feststellung bildete die Basis für die Einführung der Kategorie „tiefgreifende Entwicklungsstörung” in der ICD-10 (ICD: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) und im DSM-IV (DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), in dem alle Formen der autistischen Störungen klassifiziert werden.

1979 führten Wing und Gould [4] eine epidemiologische Untersuchung durch, in der sie Kinder erfassten, die ein auffälliges Sozialverhalten zeigten. Sie beschrieben eine Gruppe von Kindern, die nicht dem typischen frühkindlichen Autismus zugerechnet werden konnten, die aber klinisch so auffällig waren, dass eine psychiatrische Diagnose gerechtfertigt erschien. Sie sprachen von einem autistischen Spektrum. Dies führte in den Klassifikationen zu der Untergruppe des atypischen Autismus (ICD-10) und zum „Pervasive Developmental Disorder Not Otherwise Specified” (PDDNOS; DSM-IV) [5] [6].

Literatur

Prof. Dr. Michele Noterdaeme

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Kapellenstrasse 30
86154 Augsburg

Phone: 0821/2412461

Email: [email protected]