Dtsch Med Wochenschr 2010; 135(13): 611
DOI: 10.1055/s-0030-1251897
Editorial
Kardiologie, Kardiochirurgie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kardiologie und Herzchirurgie: Gemeinsamkeiten und Kontroversen

Cardiology and cardiovascular surgery: agreements and controversiesF. W. Mohr1 , E. Erdmann2
  • 1Klinik für Herzchirurgie, Herzzentrum Leipzig
  • 2Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin, Herzzentrum der Universität zu Köln
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Publication History

Publication Date:
23 March 2010 (online)

Das Thema der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), die vom 8. – 10. April 2010 in Mannheim stattfindet, lautet „Kardiovaskuläre Medizin – Eine gemeinsame Aufgabe”. Es wurde bewusst gewählt, um alle kardiovaskulären Mediziner und Forscher im Interesse der Patienten einzubinden; mit dem Ziel, miteinander die kontinuierlichen Fortschritte in der Diagnostik und Therapie der Herzerkrankungen kritisch zu diskutieren und evidenzbasiert verantwortlich anzuerkennen und anzuwenden. Dies erfordert die gemeinsame Verantwortung gegenüber dem Patienten.

Das vorliegende Schwerpunktheft enthält unter anderem mehrere Pro-&-Contra-Diskussionen, in denen die jeweiligen Autoren aus der Kardiologie und der Herzchirurgie das optimale Vorgehen bei wichtigen kardialen Erkrankungen kontrovers diskutieren, aber auch in einigen Fällen mit gemeinsamen Schlussfolgerungen Therapieempfehlungen aussprechen.

Natürlich musste man von dieser Form der Debatte erwarten, dass entweder die konservativ medikamentöse, die katheterinterventionelle oder letztlich sogar doch die chirurgische Therapie favorisiert wird. Bei jedem Autor war ein gewisser Bias möglich und, ehrlich gesagt, wurden die Autoren auch entsprechend ausgewählt. Ziel war es, die neuesten Fakten auf den Punkt zu bringen und sie einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

Dem Leser wird leicht deutlich werden, dass in einzelnen Themengebieten wie zum Beispiel der Diskussion um Stentimplantation oder Bypass-operation bei koronarer Herzkrankheit, der katheterbasierten Aortenklappenimplantation oder auch bei der Betrachtung der Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern eine übereinstimmende Einschätzung der notwendigen Therapiemaßnahmen und ihrer Erfolgsaussichten überwiegt, auch wenn die tatsächliche Umsetzung im Alltag nicht notwendigerweise entsprechend diesen Empfehlungen erfolgt.

Die Diskussion zur interventionellen oder chirurgischen Behandlung der funktionellen Mitralinsuffizienz ist von besonderer Brisanz, da heute dem katheterbasierten Clip-Verfahren (E-valve) von kardiologischer Seite viel Beachtung geschenkt wird. Von chirurgischer Seite werden die Erfolge mit der Alfieri-Technik eher kritisch betrachtet, zumal der Teilerfolg „Reduzierung der Mitralinsuffizienz um ein Grad” bei der chirurgischen Korrektur eher als Misserfolg zu betrachten ist und daher komplette Mitralrekonstruktionen unter Einbeziehung der Ventrikelarchitektur und Anulusweite im Vordergrund stehen.

Wünschenswert sind solche offenen Debatten, wie z. B. diejenige zum Vorhofflimmern, auch für die Jahrestagung der DGK. Besonders in den Hauptsitzungen möge es gelingen, einen Konsensus über die optimale Therapie für jeden Patienten zu erreichen. Diese Kontroversen eignen sich in besonderer Weise dazu, sich mit offenen Augen und Respekt zu begegnen und die Arbeit des anderen besser kennen und respektieren zu lernen.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass auch auf medizinischem Gebiet kontroverse Auseinandersetzungen gute, von großer Kenntnis getriebene, aber offensichtlich auch triviale Gründe haben können. Neben der manchmal intendierten Demonstration einer vermeintlichen intellektuellen Überlegenheit macht man häufig den „Nervus rerum” als wesentlichen Grund für bis in die Öffentlichkeit getriebene Fehden zwischen zwei unterschiedlichen Auffassungen über die bessere Therapie aus: Wer ist zuständig, wer liquidiert, wer verdient daran? Die viel wichtigere Frage – wer kann es besser? – ist meist nur das vorgeschobene Argument. Man darf aber andererseits davon ausgehen, dass auch in der praktischen Medizin fast immer mehrere Wege nach Rom führen und dass bei erhitzten oder außerhalb der Fachjournale geführten Diskussionen über die beste Therapie fachliche Gründe eher in den Hintergrund treten.

Nun haben wir Ärzte ja gelernt, Diagnosen zu stellen, und durchschauen so manches, ohne darüber laut zu reden. Die Deutsche Medizinische Wochenschrift ist aus unserer Sicht ein geeignetes Forum, die verschiedenen fachlichen Aspekte einer noch nicht evidenzbasierten Therapie kritisch und kollegial zu diskutieren.

Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Mohr

Ärztlicher Direktor, Klinik für Herzchirurgie, Herzzentrum Leipzig GmbH, Universitätsklinik

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