DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2011; 9(01): 6-7
DOI: 10.1055/s-0030-1250706
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Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Im Gespräch mit Heike Philippi

Ulrike von Tümpling
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Publication Date:
07 February 2011 (online)

Heike Philippi, Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie und Epileptologie, widmet ihr Forschungsinteresse auch der Osteopathie, seitdem die Haltungsasymmetrie ihrer Tochter erfolgreich osteopathisch behandelt werden konnte. Um in Erfahrung zu bringen, ob die osteopathische Behandlung nur ein Einzelfall gewesen ist oder nicht, wirkte sie an einer Behandlungsstudie der Mainzer Universitätskinderklinik mit [1] : 30 Säuglinge mit Haltungsasymmetrien erhielten je zur Hälfte eine osteopathische Behandlung und eine Scheintherapie. In der Gruppe, die tatsächlich therapiert wurde, verringerte sich die Asymmetrie im Schnitt um 25 % – in der Kontrollgruppe nur um 4 %.

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Abb. 1 Heike Philippi: „Ich würde es der Osteopathie wünschen, dass der Osteopath als qualitätsgesicherter Beruf in Deutschland anerkannt wird. Foto: © Joachim Pietz

Liebe Heike, vor 10 Jahren trafen wir uns bei einem Kurs von Piet Dijs in der Schweiz. Du kamst zu dem Kurs als Kinderneurologin, um Dir ein Bild über die Osteopathie zu machen. Was hat Dich veranlasst, diesen Schritt zu tun?

Ich war neugierig geworden, mehr darüber zu erfahren, was es mit der Osteopathie so auf sich haben könnte. In Kontakt mit der Osteopathie bin ich über die ausgeprägte Haltungsasymmetrie meiner damals 8 Monate alten Tochter gekommen. In den ersten 8 Monaten habe ich alle möglichen Therapieverfahren der klassischen Medizin ausprobiert. Die Empfehlungen reichten von „Mach dich nicht verrückt, das wächst sich aus!“ bis hin zu „Du musst dringend 4-mal täglich nach Vojta turnen, dann geht das weg!“. Trotz aller Maßnahmen habe ich nach 8 Monaten festgestellt, dass meine Tochter noch immer eine asymmetrische Haltung mit Bewegungseinschränkungen hatte und mir erheblich verspannt vorkam. Da bekam ich von einer sehr erfahrenen Kinderärztin die Empfehlung, meine Tochter einem Osteopathen vorzustellen. Das tat ich dann auch und war über den Effekt der Behandlung verblüfft.

In den darauf folgenden Jahren hast Du Dich weiter mit der Osteopathie auseinandergesetzt, sei es im Dialog mit erfahrenen Osteopathen, durch das Studium entsprechender Literatur und durch – wie Du in einem Artikel schreibst – „Selbsterfahrung“. Was interessiert Dich als Neuropädiaterin an der Osteopathie?

Für sehr viele funktionelle Störungen wie beispielsweise Kopfschmerzen (auch Migräne), frühkindliche Regulationsstörungen, Schwindel, Tinnitus, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen haben wir als Neuropädiater kaum überzeugende Therapiekonzepte. Wir setzen auf Symptomlinderung, indem wir z. B. Analgetika verordnen oder die Patienten ermuntern, eine positivere Einstellung zu ihren Symptomen zu entwickeln und damit einen besseren Umgang mit ihrer Krankheit einzuüben. Das Konzept der Osteopathie hat mir eine ganz andere Sichtweise eröffnet. Es ist mir klar geworden, dass z. B. Schmerz am Ende eines Kompensationsprozesses steht, der anders nicht mehr gelingt und dass die Osteopathie den dahinterliegenden Prozess fokussiert und somit zumindest eine bessere Selbstregulation, wenn nicht auch Selbstheilung anstößt. Auch bei Erkrankungen mit ausgeprägten organischen Läsionen wie beispielsweise einer Zerebralparese hat aus meiner Sicht die Osteopathie im Sinn einer ergänzenden Heilmethode ihren Platz.

Während Deiner Klinikjahre in Mainz haben Physiotherapeuten, die sich in der Osteopathieausbildung befanden, auf Deiner Station gearbeitet. Kannst Du darüber berichten?

Der Zufall wollte es, dass eine Physiotherapeutin, die in der Kinderklinik der Uniklinik Mainz angestellt war, die komplette Osteopathieausbildung berufsbegleitend durchlaufen hatte. Dadurch konnten stationäre kleine Patienten osteopathisch behandelt werden. Diese Möglichkeit auszuschöpfen, war in dem kritischen Umfeld einer Uniklinik allerdings eine große Herausforderung. Es bedurfte eines sehr vorsichtigen und dennoch von Anfang an voll transparenten Vorgehens. Wenn ich es aus der Ferne richtig sehe, hat sich die Möglichkeit der osteopathischen Behandlung im kleinen Umfang bis heute dort gehalten.

Im Jahr 2003 hast Du eine randomisierte Therapiestudie bei haltungsasymmetrischen Säuglingen zur Evaluation des therapeutischen Effekts der Osteopathie zusammen mit Bianka Pabst und Angela Schleupen durchgeführt. Diese Studie hast Du in ärztlichen Fachkreisen vorgestellt. Wie war die Resonanz?

Wegen der sehr guten Methodik wurde der Studie und ihren Ergebnissen Interesse und Anerkennung entgegengebracht. Allerdings hat sich nach meinem Empfinden an der grundsätzlich kritischen Einschätzung von Ärzten der Osteopathie gegenüber allein deshalb noch nicht viel geändert. Die Ärzte, die sich zwischenzeitlich der Osteopathie geöffnet haben, sind v. a. diejenigen, die anhand von osteopathisch behandelten Kindern persönlich gute Erfahrungen mit Osteopathie gemacht haben.

Wo siehst Du die Grenzen der Osteopathie und den Stellenwert des Osteopathen innerhalb des medizinisch-therapeutischen Bereichs?

Osteopathen folgen in der Behandlung ihrem Palpationsbefund und versuchen, das Tor zu mehr Gesundheit zu öffnen. Patienten hingegen sind in ihrer Wahrnehmung auf ihre Erkrankung oder Symptome gerichtet und wollen wissen, ob die Osteopathie die Beschwerden positiv beeinflussen kann. Häufig erlebe ich, dass Osteopathen diese Patientenfragen nicht beantworten können. Das ist einerseits gemäß der osteopathischen Philosophie nachvollziehbar, die nicht ausschließlich die Pathologie in den Blick nimmt, sondern ein ebenso starkes Gewicht der Unterstützung der Gesundheit beimisst. Andererseits darf und muss der Osteopath dem Patienten eine Orientierung geben. Ich meine damit, dass ein Osteopath bei funktionellen Störungen gemäß seiner persönlichen Erfahrung und wissenschaftlicher Studien nach 1–2 Behandlungen einschätzen kann, welche Verbesserung in welchem ungefähren zeitlichen Rahmen zu erwarten ist.Hingegen wäre es fair, bei schweren Pathologien – z. B. bei einer Zerebralparese mit Hirnläsion – keine Gesundung in Aussicht zu stellen, sondern die Patienten auf eine Mitbehandlung und graduelle Funktionsverbesserung hinzuweisen. Ebenfalls wäre es förderlich, wenn Osteopathen sich stets bewusst sind, dass sie eine ganz andere Sprache als die Ärzte sprechen und die medizinische Diagnose genauso wie die osteopathische Diagnose aus der jeweiligen Perspektive richtig ist und stehen bleiben kann. Es verunsichert beispielsweise Eltern übergebührend, wenn sie wegen eines Tortikollis vom Arzt zum Osteopathen empfohlen werden und dort erfahren, dass kein Tortikollis vorläge, sondern eine erhöhte Leberspannung.

In den 90er Jahren wurden in Deutschland die ersten privaten Osteopathieschulen gegründet, mittlerweile werden Studiengänge an Fachhochschulen angeboten. Obwohl die Osteopathie in Deutschland als Heilkunde eingestuft ist, ist sie nicht als eigenständiger Beruf anerkannt. Wie siehst Du die Entwicklung der Osteopathie und wo sollte sie hingehen?

Ich würde es der Osteopathie wünschen, dass der Osteopath als qualitätsgesicherter Beruf in Deutschland anerkannt wird und wünsche all denjenigen, die sich politisch dafür einsetzen, weiterhin Durchhaltevermögen und Kreativität. Parallel dazu wäre zu wünschen, dass Osteopathen mit Ärzten und Therapeuten gemeinsame Studien durchführen, um mehr Einblicke in die Wirkungsmöglichkeiten einer vernetzten Therapie zu bekommen.

Wie siehst Du Dein weiteres Engagement für die Osteopathie?

Der vorurteilsfreie Dialog zwischen Ärzten und Osteopathen ist mir ein wichtiges Anliegen. In diesem Zusammenhang sind meine Vorträge und Seminare bei den Osteopathen und Kinderärzten zu sehen. Zunehmend werde ich auch als Referentin in Qualitätszirkel der Kinderärzte eingeladen, um dort über die Osteopathie als Therapieform und ihre zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten bei pädiatrischen Krankheitsbildern zu berichten. In meinem im Jahr 2008 veröffentlichten Artikel Osteopathie in der Pädiatrie: Wirkprinzip und Indikation [2] habe ich meine Erfahrungen mit der Osteopathie zusammengestellt, um dem bislang damit nicht vertrauten Kinderarzt eine Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung zu bieten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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