Fortschr Neurol Psychiatr 2010; 78(10): 613-620
DOI: 10.1055/s-0029-1245757
Mitteilungen

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mitteilungen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft

Nr. 25 (2010) Verantwortlich: Heinz Schott, Bonn1
  • 1Redaktion: Rainer-M. E. Jacobi, Bonn
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Publication Date:
06 October 2010 (online)

Richard von Weizsäcker zum 90. Geburtstag

„Es gab noch einen anderen Hochschullehrer, der sich meiner Fragen nach Unrecht, Gerechtigkeit und zivilisatorischer Entwicklung annahm. Weder war er Jurist, noch lebte er in Göttingen. Es war Viktor von Weizsäcker, der Bruder meines Vaters, Kliniker in Heidelberg und Begründer der psychosomatischen Medizin in Deutschland. Bei ihm ging es gleichsam leiblich denkend zu. Seine weit vorausgedachten neuen Ansätze für die Allgemeine Medizin kann ich nicht sachgemäß schildern. Er hatte zugleich tief in die Religion und Philosophie, in die soziale und rechtlich verfasste Gesellschaft hinein geforscht. Im engen geistigen Austausch mit dem Heidelberger Rechtsphilosophen und Weimarer Reichsjustizminister Gustav Radbruch hatte er eine ethische Denkweise entwickelt, die mir verständlicher war als die Lektionen der meisten juristischen Fachgelehrten. Diesem Onkel, der drei seiner vier Kinder verloren hatte und mich mit meinen Fragen wie einen eigenen Sohn aufnahm, verdanke ich viel von der Lebenshilfe, um die es uns damals neben der fachlichen Berufsausbildung ging.”[1]

Diese Sätze bilden das Zentrum jener Passage aus Richard von Weizsäckers Erinnerungen „Vier Zeiten”, die dank seiner freundlichen Zustimmung vor 10 Jahren an dieser Stelle erneut zum Abdruck kam.[2] Nicht nur wird die tiefe innere Beziehung deutlich, wie sie übrigens auch das Verhältnis seines Bruders Carl Friedrich zu Viktor von Weizsäcker prägte,[3] es kommen vielmehr all die Themen zur Sprache, deren weitere Verfolgung in welchem Amt und Zusammenhang auch immer unser heutiges Bild Richard von Weizsäckers bestimmen. Neben dem je auf neue Weise ins Gespräch gebrachten Umgang mit der Geschichte, der eigenen und der des Volkes, dem man angehört, also auch der Frage nach Wissen und Schuld, nach Vergessen und Erinnern, sind es die absichtsvoll gesuchten Verbindungen zu den Wissenschaften und Künsten, die das Wirken Richard von Weizsäckers bis in die Gegenwart kennzeichnen. Stets bemüht, den – zumal politischen – Versuchungen zu wehren, „die Geborgenheit in Vorurteilen zur wacker geschützten Hauptquelle der eigenen Sicherheit” werden zu lassen,[4] galt sein besonderes Interesse und Engagement jener großen Herausforderung, wie sie seit nunmehr zwei Jahrzehnten die deutsche und europäische Geschichte bestimmt. Wenn irgendwo, so geht es hier um „die Erkenntnis der Notwendigkeit und die Zuversicht in die Kraft, Gräben zu überwinden, den Ängsten und Sorgen der anderen ein Verständnis entgegenzubringen.” Doch ist dies nicht nur „zutiefst bedeutsam für die Erkenntnis der wahren eigenen Interessen,”[5] mehr noch lässt es eine Grundhaltung erkennen, die das Eigentümliche der Begegnung von Arzt und Krankem ausmacht, wie sie Viktor von Weizsäcker beschrieben hat. Auch hier steht der Arzt dem Kranken nicht nur als ein Subjekt dem Objekt gegenüber, vielmehr muss sich das Ich des Arztes „nicht in sich selbst”, sondern im Du des Kranken erfahren.[6] Für Richard von Weizsäcker hat diese Haltung weitreichende Bedeutung, denn die „Dinge sind nicht an sich. Sie sind, wie wir sie sehen. Wir eignen uns die Gegenstände an, indem wir sie darstellen.” Auch die „Wahrheit ist nicht ein Objekt, das es nur zu enthüllen gilt. Sie ist ein Prozess, sie ist ein personaler Prozess”, an dem wir immer schon beteiligt sind.[7]

So nimmt es wenig wunder, wenn Richard von Weizsäcker gern Gelegenheiten wahrnimmt, um sich seiner frühen Anregungen durch den Onkel dankbar zu vergewissern. So auch im Fall der Eröffnung der Park-Klinik Sophie Charlotte, der ersten privaten Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik in Berlin. Auf Einladung von deren Chefarzt, Prof. Dr. med. Hans Stoffels, sprach Richard von Weizsäcker am 2. September 2009 ein Grußwort. Er war gern bereit, diese neuerlichen Erinnerungen an Viktor von Weizsäcker aus Anlass seines 90. Geburtstags, den er am 15. April dieses Jahres beging, für unsere „Mitteilungen” zur Verfügung zu stellen.

Grußworte des Bundespräsidenten a. D., Dr. Richard von Weizsäcker

Von Herzen Dank für die Einladung zur Eröffnung der Park-Klinik Sophie Charlotte am Charlottenburger Schloss. Meine Freude über dieses Ereignis übertrifft bei weitem meine Kompetenz zu eigenen Beiträgen über Krankheit und Medizin, speziell über Psychiatrie und Psychosomatik. Aber meine lebhafte Erinnerung an die Zeit nach dem Ende von sieben Jahren als Weltkriegssoldat an die gemeinsame Suche nach den Grundlagen unserer Kultur, nach Schuld und Gerechtigkeit, nach der Zukunft unserer sozialen, politischen und wissenschaftlichen Zivilisation – das verband uns an den Universitäten, die Lehrenden und die Lernenden. Nicht alle Professoren beteiligten sich daran. An einen erinnere ich mich aber besonders lebhaft und dankbar, an den Bruder meines Vaters, an Viktor von Weizsäcker.

Meine Eltern waren damals außer Landes als Diplomaten. Viktor, der selbst seine beiden Söhne im Krieg verloren hatte, nahm mich mit meinen Fragen auf wie einen eigenen Sohn. Er war ein prägender Begründer der psychosomatischen Medizin in Deutschland. Er ging von der Notwendigkeit aus, das Subjekt des Kranken in die wissenschaftliche Medizin einzufügen. Stets beschäftigen ihn philosophische und religiöse Fragen. Die Aufgabe des Sozialen in Medizin und Gesellschaft ließ ihn nicht los. Es war für mich nicht immer leicht, ihn zu verstehen, und dennoch – darf ich das als Laie sagen – faszinierte es mich, wenn er fragte: Mischen wir denn ganz unbefangen psychische und somatische Erkenntnisse? Oder will man ein Entweder-Oder? Also einen Kampf? Dann hörte ich ihn sagen: Die psychosomatische Medizin ist wahrlich noch kein ausgewachsener Herkules, sondern ein Bambino. Aber sie hat es mit der Schlange des Äskulap zu tun. Was nennen wir krank? Nicht alle, die zum Arzt kommen, können als krank gelten. Aber auch nicht alle, die krank sind, kommen zum Arzt. Bei der psychosomatischen Medizin sprach er von einer kräftigen ursprünglichen Behandlungssuche, aber nicht aus Enttäuschung nach somatischer Therapie, sondern auf der Suche nach einem Zusammenhang. Im Wesen der Krankheit gelte es, dort, wo möglich, die Trennung in leibliche und seelische Entstehung zu überwinden. Das drückte er dann dialektisch aus: „Nichts Organisches hat keinen Sinn, nichts Psychisches hat keinen Leib.” Und so erinnern sich Menschen an ärztliche Gespräche in der Klinik, dabei auch an die lebensgeschichtliche, die biografische Bedeutung von Krankheiten. Zugleich aber konnte er sagen und schreiben: „Ich freue mich indes auch immer, wenn etwas nicht zu Theorie stimmt.”

Verzeihen Sie mir, dem Laien diese Exkurse. Aber es hat mich ganz besonders gefreut, als ich vor 15 Jahren davon Kenntnis erhielt, dass auf Initiative von Dieter Janz eine Viktor von Weizsäcker Gesellschaft gegründet wurde. Gern bin ich in den Beirat eingetreten. Es war mir auch eine große Genugtuung, die Publikation der von Dieter Janz und anderen herausgegebenen Schriften von Viktor im Suhrkamp Verlag zu erleben. Mir wurde deutlich, dass offenbar auch die jetzige Medizinergeneration oder zumindest ein wichtiger Teil dieser Generation – vielleicht sogar zunehmend – ein lebhaftes Interesse an solchen psychosomatischen Ansätzen hat. In den letzten Jahren bekam ich regelmäßig alle Monate Post zugesandt. Sie kam von Hans Stoffels, dem dortigen Chefarzt für Psychiatrie, der als Vorsitzender der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft auch neue Ansätze meines Onkels in die aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen hineintrug. Ich erhielt Programme anspruchsvoller Jahrestagungen mit medizinischen, philosophischen, theologischen und auch literarischen Themen. Man konnte die Publikation von Aufsätzen und Büchern registrieren. Man erhielt Einladungen zu Seminaren und Symposien. Zuletzt hörte ich auch, dass es Preise für Nachwuchswissenschaftler geben soll, die im Sinne von Viktor forschen und lehren. Aktives Mitglied der Weizsäcker-Gesellschaft ist übrigens, weit kompetenter als ich, mein Sohn Fritz, der Internist und Chefarzt der Inneren Medizin in der Schlosspark-Klinik. Er war es auch, der mich auf die Eröffnung der neuen Klinik Sophie-Charlotte für Psychiatrie und Psychosomatik aufmerksam machte, der Hans Stoffels vorstehen wird.

Jetzt verstehen Sie gewiss, warum ich gerne und mit Freude hierhergekommen bin, und dass ich Hans Stoffels und seinen ärztlichen und krankenpflegerischen Mitarbeitern und der ganzen Mannschaft viel Glück und Erfolg wünsche bei ihrer heilenden Tätigkeit, verbunden mit der Gewissheit, dass in dieser Klinik hier in Berlin auch etwas zu finden sein wird von den Ideen meines Onkels Viktor, dem ich in meinen Studentenjahren viel an Lebenshilfe verdanke. Die Park-Klinik Sophie Charlotte zusammen mit der ganzen Schlosspark-Klinik ist ein großer Gewinn, eine wahre Wohltat hier in Berlin.

1 Richard von Weizsäcker, Vier Zeiten. Erinnerungen. Siedler, Berlin 1997, S. 103 f.

2 Mitteilungen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft, Nr. 10 (2000), in: Fortschr Neurol Psychiat 2000; 68, A 29 – A 30.

3 Vgl. Zum 90. Geburtstag Carl Friedrich von Weizsäckers. Mitteilungen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft, Nr. 16 (2005), in: Fortschr Neurol Psychiat 2005; 73, S. 301 – 304; Carl Friedrich von Weizsäcker *28. Juni 1912 † 28. April 2007. „Mitteilungen” Nr. 22 (2008), in: ebd. 2008; 76, S. 628 – 631.

4 Richard von Weizsäcker, Ansprache für Hans-Georg Gadamer aus Anlass des 90. Geburtstages. Villa Hammerschmidt, 21. Februar 1990, in: ders., Geburtstagsfeiern, S. 91 – 95. Manesse, Zürich 1995, hier S. 94.

5 Ebd., S. 95.

6 Viktor von Weizsäcker, Natur und Geist. Erinnerungen eines Arztes (1944/54). Ges. Schriften, Bd. 1, S. 9 – 190. hier S. 50.

7 Richard von Weizsäcker, Ansprache für Hans Werner Richter aus Anlaß des 80. Geburtstages. Villa Hammerschmidt, 6. Dezember 1988, in: ders., Geburtstagsfeiern, a. a. O., S. 29 – 35, hier S. 34 f.

8 Johann Wolfgang von Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil (1814). Hamburger Ausgabe (HA), Bd. 10, S. 66. C. H. Beck, München 1994.

9 Ebd., S. 67.

10 Johann Wolfgang von Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Zweiter Teil (1812). HA, Bd. 9, S. 361; vgl. auch Christine Boldt, Spezialist und Allgemeinarzt – Der Neurologe Dieter Janz. Wir – Magazin für die Ehemaligen der Freien Universität Berlin 1/2009, S. 22.

11 Vgl. hierzu vor allem Dieter Janz, Die Epilepsien. Spezielle Pathologie und Therapie (1969). Georg Thieme, Stuttgart 1998, dort das Geleitwort und Vorwort zur zweiten Auflage.

12 Johann Wolfgang von Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil. HA, Bd. 9, S. 452.

13 Dieter Janz, Leitbilder der Epilepsie bei Hippokrates und Paracelsus. Jahrbuch für Psychologie, Psychotherapie und medizinische Anthropologie 14 (1966), 2 – 16, hier S. 15. Dieser Text wurde erneut abgedruckt im Jahrbuch Literatur und Medizin, Bd. 4, S. 187 – 213. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2010.

14 Vgl. Viktor von Weizsäcker, Der Arzt und der Kranke (1926). Ges. Schriften, Bd. 5, S. 9 – 26, hier S. 14; ders., Natur und Geist. Erinnerungen eines Arztes (1944/54). Ges. Schriften, Bd. 1, S. 9 – 190, hier S. 73 – 84.

15 Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre. Zweites Buch. Betrachtungen im Sinne der Wanderer (1829). HA, Bd. 8, S. 306.

16 Johann Wolfgang von Goethe, Materialien zur Geschichte der Farbenlehre (1810). HA, Bd. 14, S. 85.

17 Johann Wolfgang von Goethe, Brief an Friedrich Heinrich Jacobi vom 10. Mai 1812. Briefe. Hamburger Ausgabe (BHA), Bd. 3, S. 191. C. H. Beck, München 1988. Vgl. auch Viktor von Weizsäcker, Der Umgang mit der Natur (1949). Aus dem Nachlaß herausgegeben und kommentiert von Rainer-M. E. Jacobi unter Mitwirkung von Wolfgang Riedel, nebst der Einführung „Viktor von Weizsäcker und Goethe”, in: Jacobi, R.-M. E. (Hrsg), Zwischen Kultur und Natur. Neue Konturen medizinischen Denkens, S. 247 – 280. Duncker & Humblot, Berlin 1997.

18 Vgl. Peter Wolf, Das Janz-Syndrom, in: Jacobi, R.-M. E., Claussen, P. C., Wolf, P. (Hrsg), Die Wahrheit der Begegnung. Anthropologische Perspektiven der Neurologie. Festschrift für Dieter Janz, S. 19 – 27. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001; ders., Bio-bibliographische Notizen, ebd., S. 361 f.; Mechthilde Kütemeyer, Neurologie und Psychosomatik. Erinnerungen an die Janzsche Klinik, ebd., S. 191 – 214. Die „ökologische” Dimension dieser Einstellung gründet in der Denkfigur des „Gestaltkreises”. Hierzu erinnerte Ernst Ulrich von Weizsäcker an jenes von Dieter Janz angeregte Seminar zu Viktor von Weizsäckers Schrift „Der Gestaltkreis” 1973 in der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg, das den Auftakt für die Ausgabe der „Gesammelten Schriften” und die neuere Weizsäcker-Rezeption überhaupt gab. Hierzu Rainer-M. E. Jacobi und Dieter Janz, Einführung, in: dies. (Hrsg), Zur Aktualität Viktor von Weizsäckers, S. 9 – 16. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003.

19 Frau Dr. Ursula Bartholomew-Günther sei für das freundliche Einverständnis, den Nachruf der „Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Entspannung” an dieser Stelle nochmals zu veröffentlichen, sehr herzlich gedankt. Besonderen Dank verdient auch die Überlassung der Bilddatei des eindrucksvollen Portraitfotos von Monika Salchert.

20 Marianne Fuchs, Funktionelle Entspannung. Theorie und Praxis einer organismischen Entspannung über rhythmisierten Atem (1974). Hippokrates, Stuttgart 1997 (6. Aufl.); Marianne Fuchs, Gabriele Elschenbroich (Hrsg), Funktionelle Entspannung in der Kinderpsychotherapie (1985). Ernst Reinhardt, München/ Basel 1996.

21 Thure von Uexküll, Marianne Fuchs, Hans Müller-Braunschweig, Rolf Johnen (Hrsg), Subjektive Anatomie. Theorie und Praxis körperbezogener Psychotherapie (1994). Schattauer, Stuttgart 1997.

22 Abweichend vom ursprünglichen Text des Nachrufes wird bei den Berufsbezeichnungen jene sprachliche Form benutzt, die herkömmlicherweise für Vertreter beiderlei Geschlechts gilt. Ein ausführlicher Überblick zum ideengeschichtlichen Hintergrund und methodischen Vorgehen der Funktionellen Entspannung findet sich bei Angela von Arnim, Funktionelle Entspannung. Fundamenta Psychiatrica 8 (1994) 196 – 203. Vgl. auch den Hinweis zum 100. Geburtstag von Marianne Fuchs, in: „Mitteilungen” Nr. 23 (2008), Fortschr Neurol Psychiat 2008; 76, S. 753.

23 Viktor von Weizsäcker, Das Problem des Menschen in der Medizin (1953). Ges. Schriften, Bd. 7, S. 366 – 371. Als Vortrag im Hessischen Rundfunk trug dieser Text den Titel „Versuch einer neuen Medizin”.

24 Ebd., S. 366.

25 Ebd., S. 369 f. Vgl. hierzu auch ders., Medizin und Logik (1951). Ges. Schriften, Bd. 7, S. 334 – 365, hier bes. S. 355 ff.

26 Ebd., S. 370.

27 Viktor von Weizsäcker, Studien zur Pathogenese (1935). Ges. Schriften, Bd. 6, S. 252 – 320.

28 Ebd., S. 329, 255. Auf diese Besonderheit der biographischen Methode weist der junge Dolf Sternberger in einer Besprechung hin, von der Weizsäcker in einem Brief an ihn sagt, dass sie „allen von meinen Berufskollegen stammenden eine Pferdelänge voraus und überhaupt die beste – auch für mein Gemüt beste – (sei) die bisher erschien.” Vgl. hierzu und zum Text dieser Besprechung die „Mitteilungen” Nr. 20 (2007), in: Fortschr Neurol Psychiat 2007; 75, S. 47 – 50.

29 Ebd., S. 327. Ausführlicher hierzu Rainer-M. E. Jacobi, „Ja, aber nicht so.” Das Erzählen der Krankengeschichte bei Viktor von Weizsäcker. Jahrbuch Literatur und Medizin 3 (2009), S. 141 – 162.

30 Viktor von Weizsäcker, Ärztliche Aufgaben (1934). Ges. Schriften, Bd. 8, S. 301 – 323, hier S. 321.

31 Viktor von Weizsäcker, Randbemerkungen über Aufgabe und Begriff der Nervenheilkunde (1925). Ges. Schriften, Bd. 3, S. 301 – 323, hier S. 321.

32 Weiterführend hierzu die einschlägigen Beiträge in: Klaus Gahl, Peter Achilles, Rainer-M. E. Jacobi (Hrsg), Gegenseitigkeit. Grundfragen medizinischer Ethik, und in: Hans Stoffels (Hrsg.), Soziale Krankheit und soziale Gesundung; beide Königshausen & Neumann, Würzburg 2008.

33 Christa Wolf, Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Suhrkamp, Berlin 2010. Zu dem hier von der Autorin erneut thematisierten sog. „deutsch-deutschen Literaturstreit” vgl. vor allem Thomas Anz (Hrsg), „Es geht nicht um Christa Wolf”. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland. edition spangenberg, München 1991; Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog. Eine Dokumentation. Hrsg. von Hermann Vinke. Luchterhand, Hamburg 1993.

34 Weitere Bezüge zur biographischen Methode betreffend, sei auf die inzwischen klassischen Werke von Christa Wolf „Nachdenken über Christa T.” (1968) und „Kindheitsmuster” (1976) verwiesen. Vgl. aber auch Christa Wolf, Krebs und Gesellschaft, in: Rainer-M. E. Jacobi (Hrsg), Zwischen Kultur und Natur. Neue Konturen medizinischen Denkens, S. 167 – 181. Duncker & Humblot, Berlin 1997. Ein ausführlicher Bericht zur Jahrestagung „Krankheit und Sprache” erscheint in den nächsten „Mitteilungen”.

35 Der Nachruf des Vorstandes der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft findet sich in den „Mitteilungen” Nr. 24 (2009), Fortschr Neurol Psychiat 2009; 77: S. 614.

36 Klaus Michael Meyer-Abich, Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. Hanser, München 2010. Grundlegend hierfür ist die schon seit Jahren vom Autor vorliegende Naturphilosophie in anthropologischer Absicht, vgl. ders., Praktische Naturphilosophie. Erinnerung an einen vergessenen Traum. C. H. Beck, München 1997. Eine ausführliche Diskussion hierzu findet sich in: Hans Werner Ingensiep, Anne Eusterschulte (Hrsg), Philosophie der natürlichen Umwelt. Grundlagen, Probleme, Perspektiven. Festschrift für Klaus Michael Meyer-Abich. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002. Eine gesonderte Würdigung erfährt das Buch von Klaus Michael Meyer-Abich in einer der nächsten „Mitteilungen”.

37 Für Anfragen richte man sich bitte an Herrn Dr. Günter Berg, Evangelische Akademie Bad Boll, Akademieweg 11, 73087 Bad Boll, Tel. 07164/79-212, Fax 07164/79-5212, e-mail: [email protected]

38 Dieter Janz, Viktor von Weizsäcker als Begründer der Psychosomatischen Medizin. Fortschr Neurol Psychiat 2001; Sonderheft: Die Heidelberger Neurologenschule 69: S28 – S33, hier S32.

39 Vgl. Bernhard Neundörfer, Prof. Dr. Paul Vogel – Repräsentant der klinischen Neurologie. Ebd., S 39 – S 44; Fernando Lolas Stepke, Paul Christian und die Heidelberger Schule. Fundamenta Psychiatrica 2001; 15: 135 – 138.

40 Die Differenzierung der medizinischen Profile innerhalb der „Heidelberger Schule” hat Dieter Janz jüngst in einer informativen Übersicht dargestellt. Hier wird deutlich, dass sich Weizsäckers Verbindung von Neurologie und Allgemeiner klinischen Medizin nur bei Paul Christian fortsetzt. Vgl. Dieter Janz, Die Heidelberger Schule: Viktor von Weizsäcker, in: Kömpf D (Hrsg), 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Thieme, Stuttgart/New York 2007, S. 92 – 94, hier S. 94. Um einen Eindruck von der Besonderheit des Christianschen Werkes zu vermitteln, sei lediglich auf die folgenden Arbeiten hingewiesen: Über „Logophanie”. Psyche 1950/51; 4: 263-273; Zur Phänomenologie des leiblichen Daseins. Jahrbuch Psych. Psychother med Anthropol 1960; 7: 2 – 9; Medizinische und philosophische Anthropologie, in: Altmann, H.-W., Büchner F et al. (Hrsg), Handbuch der Allgemeinen Pathologie. Erster Band: Prolegomena einer Allgemeinen Pathologie, S. 232–278. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 1969; Die Zeitlichkeit aus Sicht der Medizinischen Anthropologie, in: Luyten, N.A. (Hrsg), Weisen der Zeitlichkeit (Schriften der Görres-Gesellschaft), S. 91 – 117. Alber, Freiburg/München 1970.

41 Paul Christian, Vom Wertbewußtsein im Tun. Ein Beitrag zur Psychophysik der Willkürbewegung, in: Weizsäcker, V. v. (Hrsg), Beiträge aus der Allgemeinen Medizin, Heft 4, S. 1 – 20. Enke, Stuttgart 1948. Christian widmet diese Arbeit Viktor von Weizsäcker zum 60. Geburtstag. Weizsäcker seinerseits beschreibt den Stellenwert der Christianschen Arbeiten in seinen Erinnerungen, vgl. ders., Natur und Geist (1944/54). Ges. Schriften, Bd. 1, S. 82 – 87, 97 ff.

42 Paul Christian und Renate Haas, Wesen und Formen der Bipersonalität. Grundlagen für eine medizinische Soziologie, in: Weizsäcker, V. v. (Hrsg), Beiträge aus der Allgemeinen Medizin, Heft 7, S. 1 – 75. Enke, Stuttgart 1949.

43 Viktor von Weizsäcker, Seelenbehandlung und Seelenführung (1926). Ges. Schriften, Bd. 5, S. 67 –141, hier S. 115.

44 Ebd., S. 122.

45 Weizsäckers Schrift bildet nicht nur einen originalen Beitrag zur Philosophie des Dialogs, wenig später als Martin Buber und vor den großen Entwürfen von Karl Löwith und Ludwig Binswanger, sondern markiert eine grundsätzliche Opposition seines Medizinverständnisses gegenüber dem Cartesianismus neuzeitlicher Naturwissenschaft. Hierzu vor allem Michael Theunissen, Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart (1965). de Gruyter, Berlin/New York 1977, bes. S. 243ff, 413ff, 439 ff.

46 Vgl. Viktor von Weizsäcker, Der Arzt und der Kranke (1926). Ges. Schriften, Bd. 5, S. 11; ders., Anonyma (1946). Ges. Schriften, Bd. 7, S. 41 – 89, hier S. 47f; Michael Theunissen, Der Andere, a. a. O., S. 243 ff.

47 Paul Christian, Das Personverständnis im modernen medizinischen Denken. Mohr-Siebeck, Tübingen 1952. Diese Schrift ist Viktor von Weizsäcker gewidmet.

48 Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001, S. 80 – 93, 118 f. Vgl. hierzu Rainer-M. E. Jacobi, Gegenseitigkeit und Normativität. Eine problemgeschichtliche Skizze zu den Grundfragen medizinischer Ethik, in: Gahl K, Achilles P, Jacobi RME (Hrsg), Gegenseitigkeit. Grundfragen medizinischer Ethik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, S. 461 – 492, hier S. 481 ff.

49 Paul Christian, Anthropologische Medizin. Theoretische Pathologie und Klinik psychosomatischer Krankheitsbilder. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 1989, bes. S. 177 ff.

50 An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass jüngst von Fernando Lolas Stepke eine spanische Übersetzung der gemeinsam von Paul Christian und Renate Haas herausgegebenen Schrift „Wesen und Formen der Bipersonalität” vorgelegt wurde. Ergänzt um eine ideengeschichtliche Skizze zur Bipersonalität und eine Betrachtung zum Stellenwert des Personbegriffs in der Medizinischen Anthropologie. Den Abschluss bildet eine Bibliografie der Schriften Paul Christians. Vgl. Paul Christian, Renate Haas, Esencia y formas de la bipersonalidad. Traducción y comentarios de Fernando Lolas Stepke. Monografias de Acta Bioethica, Nr. 1 (2009). Universidad de Chile, CIEB 2009.

51  Thomas Fuchs, Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Kohlhammer, Stuttgart 2008. Vgl. hierzu die Rezension von Klaus Gahl in: Ethik in der Medizin 2008; 20: 341 – 344.

52  Hierzu u. a. Herbert Plügge, Grazie und Anmut. Ein biologischer Exkurs über das Marionettentheater von Heinrich von Kleist, in: Sembdner H (Hrsg), Kleists Aufsatz über das Marionettentheater. Studien und Interpretationen. Erich Schmidt, Berlin 1967, S. 54 – 74.

53  Viktor von Weizsäcker, Grundfragen Medizinischer Anthropologie (1948). Ges. Schriften, Bd. 7, S. 255 – 282, hier S. 281. Vgl. auch Thomas Fuchs, Leib – Raum – Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, bes. S. 159ff, 260 ff.

54  Viktor von Weizsäcker, Wege psychophysischer Forschung (1934). Ges. Schriften, Bd. 6, S. 239 – 251, hier S. 247; vgl. auch ders., Anonyma (1946). Ges. Schriften, Bd. 7, S. 41 – 89, hier S. 80 f.

Rainer-M. E. Jacobi

Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn

Sigmund-Freud-Str. 25

53105 Bonn