Fortschr Neurol Psychiatr 2010; 78: S1
DOI: 10.1055/s-0029-1245158
Editorial

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die Zukunft des Parkinson-Syndroms

The Future of the Parkinson SyndromeW. Jost1 , H. Reichmann2
  • 1Fachbereich Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
  • 2Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden
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Publication Date:
01 March 2010 (online)

Die Ursachen des Parkinson-Syndroms sind bedauerlicherweise noch weitgehend unklar und die Heilungsaussichten sehr fern. Trotz relevanter neuer Erkenntnisse zur Pathogenese bleibt vieles hypothetisch. Aktuell darf davon ausgegangen werden, dass sich hinter der Diagnose Parkinson-Syndrom eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen verbirgt, denen bei ähnlicher klinischer Endstrecke sehr verschiedene Ursachen zugrunde liegen.

Um mehr Klarheit bezüglich Ursachen, Diagnostik und Therapie zu gewinnen, muss das Krankheitsbild differenzialdiagnostisch eingegrenzt werden. Wie ein Blick in die ältere Literatur zeigt, befinden sich in den Studienpopulationen viele Patienten mit einem atypischen Parkinson-Syndrom. Das Studienergebnis dürfte dadurch wesentlich beeinflusst worden sein. Auch innerhalb der alpha-Synukleinopathien darf nicht von definierten Krankheitsentitäten ausgegangen werden, vielmehr wurde diese Gruppe aufgrund des aktuellen Wissensstands gebildet – in absehbarer Zukunft könnte sich dies jedoch ändern. Die Bemühungen der letzten 20 Jahre haben dazu geführt, dass Krankheitsbilder wie MSA, PSP, CBD differenzialdiagnostisch abgegrenzt wurden. Dennoch zeigen etliche Untersuchungen, dass die diagnostische Sicherheit begrenzt ist und die Diagnose im Verlauf häufig geändert werden muss.

Untersuchungen an den verschiedenen Modellen helfen uns mangels entsprechender Krankheitsentitäten nur bedingt. So haben wir beispielsweise kein Tiermodell, das mit dem idiopathischen Parkinson-Syndrom vergleichbar wäre. Die meisten Tiermodelle entsprechen streng genommen einem symptomatischen Parkinson-Syndrom. Ein entsprechendes Modell lässt sich erst etablieren, wenn wir wissen, wo und warum der degenerative Prozess beginnt.

Diese Aussagen sind auch für die Therapie relevant. Der Nachweis eines Dopaminverlusts und dessen Substitution waren und sind der entscheidende Durchbruch. Sie lösen aber nicht das Problem. Denn das Dopamindefizit ist bei vielen motorischen Symptomen entscheidend, spielt jedoch weder für die Pathogenese noch die Symptomatik oder gar die Heilung eine zentrale Rolle. Begeistert vom Erfolg des L-Dopa tragen wir Scheuklappen und treten aktuell ein wenig auf der Stelle. Ein neuer Durchbruch in der Therapie ist nicht absehbar, eher befinden wir uns in einer Phase der Konsolidierung. Aktuell wird der Stellenwert verschiedener therapeutischer Ansätze neu bewertet und die Betrachtungen sind weniger emotional als noch vor wenigen Jahren.

Viele der oben genannten Fragen flossen in die Planung des letzten Experten-Meetings Parkinson ein. Wir überschrieben die Veranstaltung deshalb mit dem Motto „Zukunft des Parkinson-Syndroms”. Wie wir erfreulicherweise feststellen konnten, hat die Zukunft bereits begonnen. Weder die Pathogenese noch die Diagnostik oder Therapie sind zementiert. Alles ist in Bewegung und ändert sich permanent. Neue Entwicklungen fließen schnell in Entscheidungsprozesse ein. Da die Erkenntnisse oft sehr im Fluss sind, können die Lehrbücher der Lehrmeinung oft nicht mehr folgen. Das Beschreiten neuer Wege ermöglicht neue Erkenntnisse.

Die Teilnehmer unseres Meetings haben die Inhalte zusammengefasst und versucht, etwas vom Geist der Veranstaltung einzufangen. Auf diesem Weg können Sie daran teilhaben und davon profitieren. Wir hoffen, dass unser Sonderheft auf Ihr Interesse stößt und wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre!

Prof. Dr. Wolfgang Jost

Prof. Dr. Heinz Reichmann

Prof. Dr. Wolfgang Jost

Deutsche Klinik für Diagnostik, Fachbereich Neurologie und Klinische Neurophysiologie

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65191 Wiesbaden

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