Pädiatrie up2date 2010; 5(2): 191-212
DOI: 10.1055/s-0029-1244226
Varia

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Das gerade Kind” – kindliche Wirbelsäule und Skoliose

Konstantinos  Kafchitsas, Thomas  Vetter, Andreas  Kurth
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
29. Juni 2010 (online)

Einleitung

Der Wirbelsäule kommt als Achsenorgan eine besondere Bedeutung im Bewegungsapparat zu. Sie nimmt an nahezu allen Bewegungen der Extremitäten und des Kopfes teil. Erst bei verletzungs- oder degenerationsbedingter Beeinträchtigung des zentralen Bewegungsorgans wird der enge Zusammenhang der Wirbelsäule mit den übrigen Teilen des Bewegungsapparats vergegenwärtigt. Unter den Lebewesen nimmt der Mensch mit aufrechter Haltung und Lendenlordose eine Sonderstellung ein.

Form und Haltung der Wirbelsäule entwickeln sich mit der Entwicklung des Menschen. So verliert das Kind seine ursprüngliche, embryonale kyphotische Wirbelsäulenhaltung erst mit dem Beginn des Krabbelns und insbesondere mit dem Laufbeginn durch Herausbildung einer Lordose. Durch Verschmälerung der Bandscheibenfächer und durch stärkere Betonung der Brustkyphose infolge einer Abschwächung der Muskulatur und eines Formverlustes der Wirbelkörper aufgrund von Osteopenie und Osteoporose nimmt die Körpergröße im höheren Alter ab.

Die Haltung des Menschen ist nun nicht nur Folge der knöchernen Formgebung und muskulären Balance, sie ist auch Ausdruck seiner seelischen Verfassung. Der „vom Gram Gebeugte”, der in Siegerpose „mit aufrechtem Haupt” Schreitende, der ganz „Geknickte” oder der „Halsstarrige” sind Beispiele dieser Körpersprache. Entsprechend werden Sieger und Helden auf Denkmälern mit betonter Lendenwirbelsäulenlordose und aufgerichteter Brustwirbelsäule dargestellt und der unterlegene Gegner mit aufgerichtetem Becken und Gesamtkyphose der Stamm- und Halswirbelsäule.

Redewendungen in der Sprache unterstreichen ebenfalls den Zusammenhang der Haltung der Wirbelsäule mit der seelischen Verfassung oder den Charakterzügen eines Menschen. So sagt man: „Es läuft einem eiskalt den Rücken herunter”, „er trägt schwer am Kreuz des Lebens”, „sich krumm und buckelig arbeiten”, „man hat ihm das Kreuz gebrochen”, „er hat kein Rückgrat”, „er ist ein aufrechter Charakter” oder „rutsch mir den Buckel herunter”. Umgekehrt sind aber die Rückschlüsse, die man im klinischen Bereich aus der Wirbelsäulenhaltung gezogen hat, zum Teil überinterpretiert worden. Flach-, Rund- und Hohlrundrücken sollten als Variationen des Normalen interpretiert werden, denen im Grunde genommen kein primärer Krankheitswert zukommt. Denn auch bei einem normalen Rücken kann eine Haltungsschwäche zu finden sein.

Literatur

Konstantinos Kafchitsas

Muskuloskelettales Zentrum, Klinik für Orthopädie und orthopädische Chirurgie
Universitätsmedizin Mainz

Langenbeckstr. 1
55131 Mainz

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