Krankenhaushygiene up2date 2010; 5(2): 121-134
DOI: 10.1055/s-0029-1244219
Antibiotikaanwendung

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Endokarditisprophylaxe – State of the Art

Thomas  Schwanz, Simone  Scheithauer, Sebastian  Lemmen
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Publication Date:
08 June 2010 (online)

Kernaussagen

2007 veröffentlichte die Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ein Positionspapier mit neuen Empfehlungen zur Endokarditis-Prophylaxe, in dem sich die Empfehlungen der American Heart Association (AHA) nahezu vollständig wiederfinden. Diese Empfehlungen sind das Ergebnis einer kritischen Analyse sowie einer Neubewertung bereits existierender Daten und berücksichtigen den geringen Evidenzgrad der bisherigen Praxis, basieren aber nicht auf neuem Datenmaterial. Überlegungen zum weltweiten Anstieg bakterieller Resistenzen als Folge eines zu häufigen Einsatzes von Antibiotika und deren unerwünschter Arzneimittelwirkungen trugen ebenfalls zu den neuen Leitlinien bei.

Da Bakteriämien im Rahmen alltäglicher Aktivitäten mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit zu einer infektiösen Endokarditis (IE) führen als zahnärztliche Eingriffe, kann durch eine Antibiotikaprophylaxe (ABP) bestenfalls eine sehr geringe Anzahl an IE vermieden werden. Daher soll eine ABP nur bei Patienten erfolgen, bei denen mit einem schweren oder letalen Verlauf der Infektion zu rechnen ist und die daher mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer ABP profitieren. Zu diesen Hochrisikopatienten zählen

  • Patienten mit künstlichen Herzklappen,

  • Patienten mit einer Endokarditis in der Vorgeschichte,

  • Patienten mit bestimmten angeborenen Herzfehlern oder

  • Patienten nach einer Herztransplantation, die Klappenfehler entwickelt haben.

Zusätzlich wurde die Anzahl der Eingriffe eingegrenzt, die ausschließlich bei dieser Patientengruppe eine ABP indizieren. Dies sind zahnärztliche Eingriffe, bei denen das Zahnfleisch verletzt wird, und Operationen an den oberen Luftwegen mit Verletzungen der Schleimhaut. Grundsätzlich bedarf ein Hochrisikopatient, der aufgrund einer Infektion im Bereich der Haut, des Gastrointestinal- oder Urogenitaltraktes adäquat behandelt wird, keiner zusätzlichen ABP. Besteht eine Entzündung dieser Organe, die nicht durch Antibiotika behandelt werden muss (z. B. Zystoskopie bei Bakteriurie, Koloskopie bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung, Spaltung eines Abszesses), so ist vor den Eingriffen eine ABP indiziert, die die Endokarditiserreger der Standortflora mitberücksichtigt (z. B. Enterokokken im Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt, Staphylokokken auf der Haut).

Darüber hinaus soll bei Patienten, die sich einer Herzklappenprothesenoperation oder einem anderen herzchirurgischen Eingriff mit Implantation von Fremdmaterial unterziehen, eine ABP erfolgen.

Die Verbesserung der Mundhygiene und die Behandlung einer Parodontalerkrankung werden in den Leitlinien explizit empfohlen, da dem Patienten hierdurch keine Nachteile entstehen und gleichzeitig die Frequenz von Bakteriämien reduziert werden kann.

Die Inhalte der neuen Leitlinien sollen allen Patienten in einem Aufklärungsgespräch vermittelt werden, vor allem auch denen, die nicht der genannten Hochrisikogruppe angehören, bislang aber eine ABP erhalten hatten.

Die ABP sollte generell 30 – 60 Minuten vor einem Eingriff, der die Indikation erfüllt, verabreicht werden. Grundsätzlich wird Amoxicillin (oral, oder falls erforderlich, intravenös) empfohlen: 2 g bei Erwachsenen, bei Kindern 50 mg pro kg Körpergewicht. Bei einer Unverträglichkeit gegenüber Betalaktam-Antibiotika (z. B. Penicillin, Amoxicillin) ist Clindamycin indiziert: 600 mg für Erwachsene, 20 mg pro kg Körpergewicht für Kinder (oral, oder falls erforderlich, intravenös).

Literatur

Dr. med. Thomas Schwanz

Zentralbereich für Krankenhaushygiene und Infektiologie
Zentrum für Infektiologie (DGI)
Universitätsklinikum Aachen

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