ZWR 2009; 118(11): 539
DOI: 10.1055/s-0029-1243514
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

CMD: Neue Sichtweise einer alten Erkrankung

Christian Köneke
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Publication Date:
26 November 2009 (online)

„Hirnstammsensitisierungssyndrom”, so der Arbeitstitel des vom Orthopäden Dr. Wolfgang v. Heymann und mir benannten und kürzlich veröffentlichten Zusammenhangs zur Erklärung der CMD–Symptome. Funktionsstörungen der Wirbelsäule, Sehstörungen, Schwindel, Tinnitus, ADHS, Gesichts– und Kopfschmerzen, Zungenbrennen und Depression schienen nicht in Verbindung zu bringende Expressionen verschiedener Grunderkrankungen zu sein. Interessant ist, dass diese Symptomsammlung Autoren verschiedener medizinischer Disziplinen für jeweils in ihrem Fachgebiet befindliche Funktionsstörungen in Anspruch nehmen. Die meisten dieser Autoren geben als Therapie–Erfolgsquote ca. 80–85  % an. Wäre die Ursache klar in dem jeweils beschriebenen Fachgebiet zu suchen, stellt sich dem kritischen Betrachter die Frage, warum die Erfolgsquote nicht bei 100  % liegt.

Neuere Erkenntnisse der Neurophysiologie müssen in einen Zusammenhang mit der multiplen Symptomatik gebracht werden. Die belegten Phänomene der Konvergenzreaktionen im Hirnstamm sind Ausgangspunkt der Überlegungen. Nozizeptive Informationen aus unterschiedlichen Orten werden in einem „Sammler” im Hirnstamm zunächst „angehäuft”. Die Funktion des „Sammlers” übernehmen die W.D.R.–Neurone. Die Weiterleitung der Afferenzen erfolgt unabhängig vom Ursprungsort der gesammelten Afferenzen nach dem Prinzip der nozizeptiven überschwelligen Reizsumme. Mit der Beschreibung der W.D.R.–Neurone hat die bekannte Badewanne mit den vielen Wasserzuläufen einen Namen bekommen.

Am Ende steht, dass in einem vermeintlich funktionsgestörten Bereich nicht erfolgreich behandelbare Patienten in einem anderen Fachgebiet möglicherweise erfolgreich behandelt werden können. Am Ende steht auch, dass wir Zahnärzte lernen müssen, dass nur manchmal die Okklusion verantwortlich ist für die Symptome der CMD. Eine konsequente Diagnostik über unser Fachgebiet hinaus ist unerlässlich, bevor wir eine zahnärztliche Funktionstherapie einleiten. Die Diagnostik muss sich mit der Abgrenzung der Einflussgebiete aller 12 Hirnnerven und des limbischen Systems beschäftigen. Eigens für diese Diagnostik wurde die Software easy C.M.D. (Clinical Management Device) entwickelt, die unter www.easy-CMD.de als Testversion downloadbar ist. Wir müssen verstehen, dass die Okklusion nur ein Rad von vielen im Entstehungsgetriebe der Symptome sein kann, die irrtümlicherweise jahrzehntelang als CMD bezeichnet wurden. CMD ist nur eine Funktionsstörung des stomatognathen Systems. Materialunverträglichkeit ist z. B. eine fachintern andere, Winkelfehlsichtigkeit eine fachübergreifend andere. Das 10. Bremer CMD–Symposium/1. Kongress des CMD–Dachverband e. V. hat zu diesem Verständnis kürzlich einen wichtigen Beitrag geleistet. Über die Anwendung dieses Wissens in zahnärztlichen, ärztlichen und heilhilfsberuflichen Praxen würde ich mich sehr freuen.

Dr. Christian Köneke