veterinär spiegel 2010; 20(01): 42-43
DOI: 10.1055/s-0029-1240880
Nutztiere
Enke Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Ferkelkastration unter CO2-Anästhesie – eine Erklärung der Association of Veterinary Anaesthetist

Michaele Alef
Weitere Informationen

Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
25. März 2010 (online)

Zoom Image
© WiLa

Es gilt heute als allgemein akzeptierte Tatsache, dass zootechnische Eingriffe an landwirtschaftlichen Nutztieren, wie Kastration, Enthornung und Kupieren der Schwänze, akut schmerzhaft sind, sogar bei sehr jungen Tieren.

Folglich gebieten sowohl medizinische (reduzierte Morbidität und Mortalität) und ökonomische (optimierte Leistung) als auch ethische (adäquater Tierschutz) Gründe, dass Maßnahmen zur Verhinderung oder Linderung von Schmerzen ergriffen werden, um die entsprechenden Maßnahmen so „human“ wie möglich durchzuführen.

Um diese Forderungen zu erfüllen, wurden in den letzten Jahren in Europa verschiedene Strategien für die Kastration männlicher Ferkel empfohlen.

Unter ihnen die Nutzung von Kohlendioxid (CO2) als Anästhetikum, welches in den Niederlanden schon eingesetzt wird.

Kohlendioxid wird schon seit über 50 Jahren zur Einleitung einer kurzwirkenden Anästhesie genutzt, vor allem zur Betäubung von Tieren vor der Schlachtung oder der Euthanasie bei lebensmittelliefernden oder Labortieren. Trotzdem wirft seine Nutzung Fragen vor allem hinsichtlich des Tierschutzes auf.

Vorteile der Nutzung von CO2 als Anästhetikum sind seine schnelle Wirkung, seine Sicherheit für den Anwender und das Fehlen einer Luftverunreinigung. Außerdem sind die Ferkel ohne Zweifel während der Operation bewusstlos.

Dennoch zwingen uns Hinweise aus der Literatur, Bedenken zu haben.

  • Verlässliche Untersuchungen am Menschen zeigen, dass eine Kohlendioxid-Applikation schmerzhaft ist, vor allem im Bereich der Nase (Brennen, Kribbeln, Prickeln). Außerdem verursacht Kohlendioxid eine Reizung der Atemwege, substernale Schmerzen, allgemeines Unwohlsein und Muskeltremor sowie einen gewissen Grad von Stress infolge einer schwerwiegenden Azidose und Asphyxie.

  • Kohlendioxid in ähnlichen Konzentrationen, wie es zur Narkoseeinleitung genutzt wird, wurde in experimentellen Untersuchungen am Tier als schmerzhafter Stimulus und Stressor verwendet.

  • Stress infolge Asphyxie (Schnappatmung, angestrengte Atmung), Muskeltremor, Exzitation und Vermeidungsreaktionen (Abwehrreflex) wurden bei Schweinen beobachtet, die Kohlendioxid zur Schlachttierbetäubung erhielten. Postmortal wurden Veränderungen wie Lungenödeme und Blutungen dokumentiert. Diese Beobachtungen waren unabhängig davon, mit welcher Methode Kohlendioxid verabreicht worden war, z. B. ob mit oder ohne zusätzlichen Sauerstoff.

  • Der Stress scheint bei Nutzung höherer Kohlendioxid-Konzentrationen geringer zu sein, da die Dauer bis zum Verlust des Bewusstseins kürzer ist. Obwohl jedoch augenscheinlich die Nutzung höherer Konzentrationen zur Euthanasie oder Schlachttierbetäubung gegenüber niedrigen Konzentrationen bevorzugt werden sollte, ist dies im Hinblick auf die Erfahrungen beim Menschen bezüglich der Schädlichkeit keine angemessene Option für das Erreichen einer chirurgischen Toleranz zur Kastration.

  • Es gibt Studien, die zeigen, dass Kohlendioxid die Schmerzschwelle anhebt, aber es gibt keine Beweise für die Aufhebung der Nozizeption und damit verbundener Effekte (Kortisol-Ausschüttung, Aktivierung des sympathischen Nervensystems).

  • Sogar wenn man annimmt, dass Kohlendioxid gleichzeitig mit dem Verlust des Bewusstseins eine gewisse Analgesie verursacht, so kann es nichts zur Linderung des postoperativen Schmerzes beitragen.

  • Der Sicherheitsbereich (minimal wirksame Dosierung bis zur Nebenwirkungen induzierenden Dosierung) für die Nutzung von CO2 zur Anästhesie ist sowohl bezüglich der Konzentration als auch der Expositionszeit eng.

Infolgedessen scheint die Kohlendioxid-Narkose hinsichtlich des Tierschutzes und dem Ziel der Schmerzlinderung während und nach der Kastration von Ferkeln keine angemessene oder empfehlenswerte Technik zu sein.

Die Association of Veterinary Anaesthetists (AVA) (http://www.ava.eu.com/) ist eine 1964 gegründete Organisation, die sich das Ziel gesetzt hat, Wissenschaft und Forschung zur Anästhesie und Analgesie beim Tiere zu unterstützen. Sie bietet unter ihrem Dach allen an diesen Themen Interessierten Raum für wissenschaftlichen Austausch, Fort- und Weiterbildung. Sie ist Gründer des European College of Veterinary Anaesthesia and Analgesia und publiziert zusammen mit dem amerikanischen College das renommierte Journal of Veterinary Anaesthesia and Analgesia.

 
  • Literatur

  • 1 Kohler I, Moens Y, Busato A, Blum J, Schatzmann U. Inhalation anesthesia for the castration of piglets: CO2 compared to halothane. Zentralbl Veterinaermed A 1998; 45: 625-633
  • 2 Svendsen O. Castration of piglets under carbon dioxide (CO2) anaesthesia. J Vet Pharmacol Ther 2006; , 29 (Suppl. 1) 54-55
  • 3 Kluivers-Poodt M, Hopster H, Spoolder HAM. Castration under anaesthesia and/or analgesia in commercial pig production. Lelystad: ASG Wageningen UR, Report 85; 2007
  • 4 Mühlbauer IC, Otten W, Lüpping W, Palzer A, Zöls S, Elicker S, Ritzmann M, Heinritzi K. Untersuchung zur CO2-Narkose als eine Alternative zur betäubungslosen Kastration von Saugferkeln. Prakt Tierarzt 2009; 90: 460-464