Akt Neurol 2009; 36 - P520
DOI: 10.1055/s-0029-1238614

Iktale Asystolie über 75 Sekunden

HB Straub 1
  • 1Bernau

Wir berichten über einen 50-jährigen Patienten mit einer leichten geistigen Behinderung und einer fokalen Epilepsie seit dem 8. Lebensjahr (a.e. Temporallappenepilepsie links bei Hippokampussklerose) mit isolierten Auren, oral-psychomototrischen Anfällen und GM. Die Vortsellung erfolgte wegen Pharmakoresistenz unter einer Therapie mit 3000mg Levetiracetam.

Der Patient gab u.a. an, er erwache mehrmals im Monat nachts von Ohrensausen und Schwindel, für einige Sekunden könne er dann auch nichts sehen („Schwarz vor Augen“).

Tags träten 1–2 Mal im Monat Anfälle mit Bewußtseinsstörung auf, von denen er sich nicht mehr so schnell wie früher erhole, er sei dann den ganzen Tag erschöpft. Die Mutter beschrieb, er reagiere bei diesen Anfällen nicht, es käme zu Schmatzen, Schlucken, Blässe, Erschlaffung, gelegentlich aber auch beidseitiger Verkrampfung mit Zuckungen. Die Reorientierungszeit betrage etwa eine Viertelstunde.

Die Semiologie fügt sich nicht zwanglos ein in das Bild einer Epilepsie, es wurde daher ein Video-EEG durchgeführt. Es konnte ein typischer Anfall aufgezeichnet werden, bei dem sich zunächst ein oral-psychomotorischer Anfall und zeitgleich zum klinischen Beginn ein links-temporales Anfallsmuster zeigt. Im Verlauf des Anfalls kommt es zu einer zunehmenden Bradykardie und 40 Sekunden nach Anfallsbeginn zu einer Asystolie, die nach 75 Sekunden spontan endet.

In eindringlicher Weise zeigt dieser Fall die typischen klinischen und elektroenzephalographischen Zeichen eines akuten Kreislaufstillstandes. In der Asystolie-Phase gut erkennbar sind u.a. Tonusverlust, Hautkolorit, Augenbewegungen, diffuse Myoklonien, Atemstörung, in der Erholungsphase u.a. Plethora, Beuge-Streck-Synergismen und Asterixis. Das EEG zeigt markant die phasenhaft ablaufenden Veränderungen im Rahmen einer globalen cerebralen Hypoxie und ihrer Remission (u.a.generalisierte Verlangsamung, periodische Muster, burst suppression, Null-Linie).

Begünstigend auf die Asystolie mag eine kardiale Pathologie gewirkt haben (Aortenstenose, Linksherzhypertrophie), interiktale Reizleitungsstörungen waren nicht nachweisbar.

Der Patient wurde vor einem halben Jahr mit einem Herzschrittmacher versorgt, seitdem wurden keine Synkopen oder praesynkopale Symptome mehr beobachtet. Eine operative Therapie der Epilepsie lehnt der Patient und seine Familie bisher ab.

Nach unserer Kenntnis handelt es sich bei diesem Ereignis um die längste bisher mit Video-EEG dokumentierte und berichtete selbstlimitierende iktale Asystolie.