Akt Neurol 2009; 36 - P508
DOI: 10.1055/s-0029-1238602

Häufigkeit von Benennstörungen nach epilepsiechirurgischen Eingriffen: empirische Evidenz

M Schwarz 1, E Pauli 1, H Stefan 1
  • 1Erlangen

Zielsetzungen: Störungen der Wortfindungsfähigkeit sind nach linksseitigen epilepsiechirurgischen Eingriffen vielfach belegt. Kontroverse Angaben bestehen darüber, mit welcher Häufigkeit diese postoperativen Defizite auftreten. Im Folgenden soll die empirische Datenlage bezüglich des Risikos einer Benennstörung nach operativen Eingriffen im linken Temporallappen dargestellt werden.

Methoden: 78 Patienten mit pharmakoresistenter, fokaler Epilepsie im linken Temporallappen und sprachdominanter linker Hemisphäre wurden präoperativ und 6 Monate postoperativ mit dem Boston Naming Test (BNT) untersucht. Die Ergebnisse wurden mit Studien verglichen, die zur Sprachuntersuchung gleichfalls den BNT verwendeten. Eine Verschlechterung der Benennleistung wurde bei einer Zunahme von mindestens 5 Fehlern im Vergleich zum präoperativen Wert festgelegt.

Ergebnisse: Eine postoperative Verschlechterung der Benennleistung wurde bei 38% der untersuchten Patienten festgestellt. Bei Betrachtung der Patienten (N=31) mit Beginn der Epilepsie nach dem 9. Lebensjahr und einer guten präoperativen Sprachleistung (BNT Fehleranteil ≤20%) zeigte sich bei 45% eine Verschlechterung der Benennleistung. Analoge Befunde fanden sich in den 10 herangezogenen Referenzstudien. In Abhängigkeit von der untersuchten Stichprobe ergaben sich postoperative Defizite bei 30–60% der Patienten. Bei spezifischeren Analysen zeigten sich postoperative Verschlechterungen bei 80% der Patienten mit fehlender oder niedriggradiger Hippokampussklerose (1) und bei 59% der Patienten mit Epilepsiebeginn nach dem 12. Lebensjahr (2).

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Risikoschätzungen einen beschränkten Geltungsbereich besitzen und kein für alle Patienten verbindlicher Einfluss der Operation im Hinblick auf die Sprachfunktion besteht. Wichtige Prädiktoren sind neben der Ätiologie das Erkrankungsalter sowie das präoperative Leistungsniveau.

Literatur: 1. Davies KG et al. (1998). Naming decline after left anterior temporal lobectomy correlates with pathological status of resected hippocampus. Epilepsia 39:407–419; 2. Bell B et al. (2002). Ipsilateral reorganization of language in early-onset left temporal lobe epilepsy. Epilepsy Behav 3:158–164.