Gesundheitswesen 2010; 72(03): e98-e107
DOI: 10.1055/s-0029-1233471
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Verantwortung für die eigene Gesundheit. Eine interdisziplinäre Diskussion am Beispiel der Adipositas

Personal Responsibility for Health. An Interdisciplinary Discussion on Obesity as an ExampleJ. Ried1, 2, P. Dabrock2, D. Schneider1, 3, W. Voit3, W. Rief4, A. Hilbert1, 4
  • 1ELSA-Nachwuchsforschergruppe „Psychosoziale, ethische und rechtliche Konsequenzen genetischer Befunde bei Adipositas“, Philipps-Universität Marburg
  • 2Fachbereich Evangelische Theologie, Fachgebiet Sozialethik, Philipps-Universität Marburg
  • 3Fachbereich Rechtswissenschaften, Philipps-Universität Marburg
  • 4Fachbereich Psychologie, Philipps-Universität Marburg
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Publication Date:
06 August 2009 (eFirst)

Zusammenfassung

Eigenverantwortung ist eines der gegenwärtig häufigsten Schlagworte der Gesundheitspolitik. Dabei dominiert ein am Prinzip der Verursachung orientiertes Verständnis von Eigenverantwortung, die häufig im Sinne einer finanziellen Beteiligung des Versicherten an Gesundheitsleistungen interpretiert wird. Der vorliegende Artikel zeigt am Beispiel der Adipositas, einer komplexen Gesundheitsstörung mit multifaktorieller Ätiologie, die Schwächen dieses Ansatzes auf und stellt ihm ein ethisch, rechtlich und psychologisch reflektiertes Verständnis von Eigenverantwortung gegenüber, das auf die Ermöglichung und Aktivierung gesundheitsförderlichen Verhaltens setzt. Damit wird zugleich der Fokus von der Verantwortung für die Verursachung auf die Verantwortung für die Veränderung des Gesundheitsstatus verschoben. Die Definition von Eigenverantwortung als objektive Möglichkeit und subjektive Fähigkeit von Individuen, ihren Gesundheitsstatus positiv beeinflussen zu können hat insbesondere Implikationen für die Prävention: Zum einen die Neuausrichtung des zurzeit vorherrschenden verhaltenspräventiven Ansatzes, insbesondere in der Adipositasprävention, zum anderen die vor allem aus rechtlich-politischer Sicht schwierige Einbeziehung einer Vielzahl gesellschaftlicher Akteure in die präventiven Bemühungen. Die Erweiterung individueller Handlungsmöglichkeiten durch die Förderung persönlicher Kompetenzen und durch Gestaltung der das Verhalten beeinflussenden Umweltgrößen ist eine Erfolg versprechende, angemessene und ethisch gebotene Strategie der Prävention.

Abstract

Personal respsonsibility is a prevailing catchword in health policy. Following a predominant understanding which is oriented at the principle of causation, personal responsibility is interpreted in economic terms: Patients should be given a share in the costs of their treatment in cases when they are jointly responsible for their illnesses. Considering obesity as an example of a complex health condition with a multifactorial aetiology, the present study identifies the weaknesses of this approach. In the following, an ethical, legal and psychological reflected understanding of personal responsibility, which aims at enabling and activating health promoting behaviour, is developed. Consequently, the focus has to be shifted from the responsibility for the causation of a health disorder to the responsibility for the modification of the health status. The definition of personal responsibility as the possibility and capability of individuals to influence their health status in a positive way has implications for prevention: First, a reorientation of the currently predominant model of obesity prevention which focuses on individual behaviour and second, the inclusion of various (social, political, economical) stakeholders in preventive efforts. Extending the possibilities of individual acting by promoting capabilities and modifying environmental factors that have an effect on individual behaviour is a promising, appropriate and ethically sound strategy of prevention.