Frauenheilkunde up2date 2009; 3(4): 289-302
DOI: 10.1055/s-0029-1224570
Geburtshilfe und Perinatalmedizin

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Mehrlingsschwangerschaft – Risikoschwangerschaft

J. Deutinger
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Publication Date:
14 August 2009 (online)

Kasuistik zum fallorientierten Lernen

Mehrlinge mit Anomalie eines Feten

Fall 1

Eine besondere Herausforderung stellt die Betreuung einer Mehrlingsschwangerschaft dar, wenn ein Kind mit einer Anomalie betroffen ist.

Bei einer 37-jährigen Patientin (St. P. IVF, 116 kg) wurde beim Ersttrimester-Screening eine ausgeprägte Megavesica bei einem Mehrling gefunden (die NT war bei beiden unauffällig). Während einer ausführlichen Beratung wurden der Patientin folgende Möglichkeiten angeboten:

  • nichts tun, nur beobachten

  • zuwarten bis zur 16. SSW und eine Amniozentese bei beiden Mehrlingen durchführen

  • zuwarten bis zu 16. SSW und eine Amniozentese beim betroffenen Mehrling durchführen

  • eine Vesicozentese in der 16. SSW durchführen und aus dem fetalen Harn einen Chromosomensatz erstellen.

Die Patientin entschied sich für Letzteres. Der Chromosomensatz war numerisch und strukturell unauffällig, die bei der Punktion völlig entleerte Harnblase füllte sich nicht mehr und die Patientin wurde in der 37. SSW von 2 gesunden Knaben entbunden.

Fall 2

Ein weiterer Fall zeigt die Komplexität bei der Betreuung einer Mehrlingsschwangerschaft, wenn ein Kind mit einer Anomalie betroffen ist. Bei einer Patientin mit langjährigem Kinderwunsch (St. P. Sektio vor 12 Jahren) wurde bei einem Mehrling in der 15. SSW ein Anenzephalus diagnostiziert. Bei einer ausführlichen Beratung wurden der Patientin folgende Möglichkeiten angeboten:

  • nichts tun

  • eine Amniozentese beim gesunden Kind durchführen

  • eine Fetozide gleich durchführen oder

  • eine Fetozide in 30.–34. SSW durchführen.

Die Patientin entschied sich nach reiflicher Überlegung wegen des Eingriffsrisikos aber auch aus ethischen Gründen gegen jeden Eingriff und nahm lieber das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft auf sich. Sie wurde in 36. SSW von einem gesunden Kind entbunden; das Kind mit dem Anenzephalus lebte noch 8 Tage lang!

Literatur

Prof. Dr. J. Deutinger

Universitätsklinik für Frauenheilkunde · Abteilung für Fetomaternale Medizin

Währinger Gürtel 18–20

A-1090 Wien

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