Gastroenterologie up2date 2009; 5(3): 166-167
DOI: 10.1055/s-0029-1214986
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Kolorektales Karzinom – Rauchen erhöht speziell das Risiko für Rektumkarzinome

Christian  Pox
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Publikationsdatum:
28. September 2009 (online)

Kommentar zu:

Rauchen und kolorektales Karzinom: eine Metaanalyse

Smoking and colorectal cancer: a meta-analysis

Botteri E, Iodice S, Bagnardi V, Raimondi S, Lowenfels AB, Maisonneuve P; Division of Epidemiology and Biostatistics, European Institute of Oncology, Via Ripamonti 435, 20141, Milano, Italy

Hintergrund: Die Studienlage bezüglich des Darmkrebsrisikos in Abhängigkeit vom Rauchen ist uneinheitlich. Eine Metaanalyse von E. Botteri und Kollegen bestätigt aber einen dosisabhängigen Zusammenhang.

Methoden: Um die Assoziation von Zigarettenrauchen und kolorektalem Karzinom zu untersuchen, werteten die Autoren 106 Beobachtungsstudien aus den Jahren 1969 – 2008 zur Abschätzung der Krebsinzidenz aus.

Ergebnisse: In 26 Studien fanden sie Angaben zum Rauchstatus. Aus diesen ging eine signifikante Risikoerhöhung um 18 % hervor für Raucher oder ehemalige Raucher gegenüber lebenslangen Nichtrauchern (95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,11 – 1,25). Damit verursachte das Zigarettenrauchen 10,8 zusätzliche Fälle eines kolorektalen Karzinoms auf 100 000 Personenjahre. Das Risiko erhöhte sich dosisabhängig mit steigender Zahl der Packungsjahre und der täglich gerauchten Zigaretten. Bei 10 zusätzlichen Zigaretten pro Tag erhöhte sich das Darmkebsrisiko um 7,8 %, 10 zusätzliche Packungsjahre erhöhten das Risiko um 4,4 %. Allerdings war das Risiko erst nach 30 Raucherjahren im Vergleich zu Nichtrauchern statistisch signifikant erhöht.

Weitere 17 Kohortenstudien beschäftigten sich mit der Abschätzung des Mortalitätsrisikos durch den Zigarettenkonsum. Gegenüber Nichtrauchern hatten Raucher oder ehemalige Raucher ein 1,25-fach höheres Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu sterben (95 %-KI 1,14 – 1,37). Umgerechnet bedeutet das 6 zusätzliche Todesfälle aufgrund von Darmkrebs durch Zigarettenrauchen bezogen auf 100 000 Personenjahre (95 %-KI 4,2 – 7,6).

Der Zusammenhang zwischen Rauchstatus und Inzidenz bzw. Mortalität des Darmskrebses war beim Rektumkarzinom jeweils deutlicher als beim Kolonkarzinom. In allen Fällen war das Risiko adjustiert für andere mögliche Risikofaktoren, z. B. den Alkoholkonsum, errechnet worden. Ob ein dauerhafter Rauchverzicht das Darmkrebsrisiko wieder senken kann, bleibt aufgrund der wenigen Studien mit zudem divergierenden Ergebnissen zu dieser speziellen Fragestellung unklar.

Folgerung: Was einzelne Studien nicht schlüssig belegen konnten, zeigt diese Metaanalyse: Zigarettenrauchen erhöht dosisabhängig das Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken und zu sterben. Das Risiko für ein Rektumkarzinom war dabei besonders erhöht. Vor dem Hintergrund der über Jahre und Jahrzehnte ablaufenden Pathogenese kolorektaler Karzinome ist es plausibel, dass das Risiko erst nach einer langen Rauchdauer von 30 Jahren signifikant erhöht ist.

JAMA 2008; 300: 2765 – 2778
(zusammengefasst von Friederike Klein, München)

Risikofaktor Rauchen. Rauchen ist bekanntermaßen ein wichtiger Risikofaktor für eine ganze Reihe von Erkrankungen. Zahlenmäßig am bedeutendsten sind dabei die kardiovaskulären Erkrankungen. Daneben kommt dem Rauchen eine große Bedeutung als Risikofaktor für die Entstehung verschiedener Tumorerkrankungen zu. Die Assoziation zum Lungenkrebs ist hierbei sicher am besten charakterisiert. Auch für eine Reihe gastrointestinaler Tumoren, wie Ösophagus-, Magen- und Pankreaskarzinome, haben epidemiologische Studien einen klaren Zusammenhang mit dem Rauchen gezeigt.

Kolorektales Karzinom. Die Metaanalyse von Botteri et al. zeigt, dass Rauchen auch ein Risikofaktor für das kolorektale Karzinom darstellt. Dieses Ergebnis klingt auf den ersten Blick wenig überraschend und nicht neu. Während zahlreiche Studien jedoch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Rauchen und der Entstehung kolorektaler Adenome gefunden haben, war die Datenlage für die Assoziation zwischen Rauchen und dem kolorektalen Karzinom bisher uneinheitlich. Die Metaanalyse beseitigt diese Unklarheit und zeigt vielmehr eine klare Korrelation zwischen der Expositionsdauer, der Expositionsmenge und dem Karzinomrisiko. Neben der Inzidenz ist auch die durch das kolorektale Karzinom bedingte Mortalität signifikant erhöht. Unklar bleibt, warum das Risiko für Karzinome geringer zu sein scheint als für Adenome (1,18 vs. 1,82) und höher für Rektum- als für Kolonkarzinome (1,25 vs. 1,12).

Nikotinkarenz. Die Datenlage zum Rückgang des erhöhten Karzinomrisikos für Personen, die mit dem Rauchen aufgehört haben, ist uneinheitlich. Der generell positive Effekt auf die extrakolonische Morbidität und Mortalität ist jedoch so eindeutig, dass die in der S3-Leitlinie kolorektales Karzinom gegebene Empfehlung, Patienten zur Nikotinkarenz anzuhalten, uneingeschränkte Gültigkeit besitzt.

Konsequenzen für die Vorsorge. Eine für die Situation in Deutschland praktische Relevanz der Metaanalyse ist insofern gegeben, als dass es sinnvoll erscheint, Raucher gezielt auf die Notwendigkeit einer Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge hinzuweisen. Die bisher in den ersten 5 Jahren erreichte kumulative Teilnahmerate an der Vorsorgekoloskopie für die 55- bis 74-Jährigen (13,4 % für Männer und 15,1 % für Frauen) zeigt, dass generell eine Teilnahmesteigerung in Deutschland erforderlich ist. Vermutlich sollten insbesondere Personen mit erhöhtem Risikoprofil (z. B. Diabetes mellitus, Adipositas) zu einer Teilnahme bewegt werden. Es ist aber zweifelhaft, ob die Datenlage ausreicht, um – wie von den Autoren vorgeschlagen – einen früheren Beginn eines Darmkrebsscreenings für Raucher zu rechtfertigen.

Dr. Christian Pox

Ruhr-Universität Bochum
Medizinische Klinik
Knappschaftskrankenhaus

In der Schornau 23 – 25
44892 Bochum

eMail: christian.p.pox@ruhr-uni-bochum.de

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