Dtsch Med Wochenschr 2009; 134(12): 600
DOI: 10.1055/s-0029-1208094
Korrespondenz | Correspondence
Gynäkologie, Geburtshilfe
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hypogonadismus als Ursache einer Depression?

J. Schopohl
Further Information

Publication History

Publication Date:
10 March 2009 (online)

Frage: Ein 25-jähriger Patient stellte sich im Abstand von 9 Monaten zweimal beim Hausarzt vor wegen einer mittelschweren Depression. Zwischenzeitlich erfolgte eine Therapie mit Citalopram bzw. Mirtazapin. 5 Jahre zuvor war wegen eines Hodenkarzinoms eine Semikastratio erfolgt. Diesbezüglich befindet sich der Patient in Vollremission.

Bei der endokrinologischen Diagnostik zeigte sich ein morgendlich kontrolliertes niedrig normales Testosteron von 3,76 ng/ml (Norm 2,41 – 8,30) ein normales LH (luteinisierendes Hormon) von 6,1 IU/l (Norm 1,5 – 9,3) sowie ein grenzwertig hohes FSH (follikelstimulierendes Hormon) von 11 IU/l (Norm 1,1 – 13,7).

Sind weitere diagnostische Maßnahmen zur Klärung, ob eine Hypogonadismus vorliegt, erforderlich? Kann der Hypogonadismus Ursache der Depression sein?

Antwort:Ein Testosteronspiegel von 3,76 ng/ml ist für einen 26-jährigen Mann relativ niedrig, aber da der LH-Spiegel im Normbereich liegt, erscheint eine klinische relevante Insuffizienz der Leydigzellen sehr unwahrscheinlich. Aufgrund der pulsatilen Sekretion der Gonadotropine sollte die basale Blutabnahme mit Bestimmung von Testosteron, LH und FSH nochmals wiederholt werden, um auszuschließen, dass der LH-Wert nicht „falsch” niedrig gemessen wurde. Da der Patient Psychopharmaka nimmt, wäre auch eine Bestimmung des Prolaktinspiegels sinnvoll, um eine medikamentös induzierte Hyperprolaktinämie als Ursache einer evtl. leicht eingeschränkte Gonadotropin- und Testosteronsekretion auszuschließen. Der grenzwertig hohe FSH-Wert könnte auf eine leichte Insuffizienz der Spermatogenese hindeuten, dies wird bei Patienten mit Zustand nach Hodenkarzinom auch ohne Chemo- und Strahlentherapie gelegentlich beobachtet. Bei den meisten Patienten kommt es aber zu einer Normalisierung der endokrinen und exokrinen Hodenfunktion im gesunden Hoden. Im vorliegenden Fall wäre bei Nachweis eines eindeutig erhöhten FSH-Wertes die Durchführung eines Spermiogramms zu überlegen, wenn bei dem Patienten Kinderwunsch besteht.

Bei der derzeitigen Laborkonstellation ist der niedrig normale Testosteronspiegel nicht die Ursache der Depression des Patienten. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem Hypogonadismus und einer Depression scheint bei ausgewählten Patienten zu bestehen, nach der Literatur aber erst bei Testosteronspiegeln unter 3 ng/ml. Eine Testosteronsubstitution ist im Moment nicht erforderlich, da kein Hypogonadismus vorliegt.

Literatur

Prof. Dr. Jochen Schopohl

Medizinische Klinik Innenstadt, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München

Ziemssenstr. 1

80336 München