Zahnmedizin up2date 2009; 3(3): 283-300
DOI: 10.1055/s-0029-1185530
Prothetik

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gesundheitsnutzen prothetischer Strategien

Reiner H. H. Biffar, Stefanie A. Samietz
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Publication Date:
25 May 2009 (online)

Einleitung

Definition der oralen Gesundheit

Die Definition des Terminus „orale Gesundheit“ gelingt bei Patienten mit einem Restzahnbestand nicht so leicht wie bei vollständig bezahnten Patienten. Der vollbezahnte Zustand mit eigenen Zähnen kann als Heilungsperspektive für die zahnärztliche Therapie im Restgebiss nicht mehr dienen. Denn nur beim Erhalt aller Zähne kann die Zieldefinition für orale Gesundheit als „das unveränderte Fortbestehen aller oraler Strukturen in ihrem physiologischen funktionellen Zusammenhang“ überhaupt erreicht werden. Doch greift auch diese Definition für das Kauorgan und seine Bedeutung für den Gesamtorganismus insgesamt zu kurz, da sie sich einzig auf die somatische Dimension der beteiligten Gewebe bezieht. Das Kauorgan steht jedoch auch in Beziehung zu Kaufähigkeit, Nahrungsaufnahme und Genuss, zur Lautbildung und Sprache und zum ästhetischen Erscheinungsbild; es ist wichtiger Teil des Menschseins. Themen wie Zufriedenheit, Selbstwertgefühl, sozialer Erfolg und Attraktivität sind eng verwoben mit Möglichkeiten und Zustand der Mund- und Gesichtsregion [[1]].

Merke: Das individuelle Empfinden eines Gesundheitsnutzens von zahnärztlichen Maßnahmen kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein, je weiter man sich von der Betrachtung rein physiologischer Aspekte entfernt und individuelle Lebenszielvorstellungen einfließen.

Ist der Zahnbestand kompromittiert und reduziert, müssen in Abhängigkeit vom Schädigungsgrad im Rahmen des Aufklärungsgesprächs therapeutische Ziele mit dem Patienten definiert werden, die sich auch an seinen individuellen Vorstellungen vom persönlichen Gesundheitsnutzen ausrichten und mit den therapeutischen Grenzen der Mundsituation in Einklang gebracht werden müssen. So ist es verständlich, dass Erwartungen, Wertungen und erreichbares Ziel in einem Kompromiss enden müssen, der deshalb bei gleicher Mundsituation durchaus unterschiedlich empfunden werden kann. Es ist aber möglich, den Zugewinn an Lebensqualität durch das prothetische Ergebnis im Vergleich zur Ausgangssituation zur Beurteilung des empfundenen Gesundheitsnutzens heranzuziehen und daran den durchschnittlichen Nutzengewinn einzelner therapeutischer Maßnahmen festzumachen. In hohem Maße individuell sind die ästhetischen Vorstellungen, die sich einer wissenschaftlichen Normierung ganz entziehen, aber neben der Funktion des Zahnersatzes für viele Patienten von großer Bedeutung sind. Einfacher fällt die Beurteilung des Gesundheitsnutzens bei physiologischen Zusammenhängen, wie dem Erhalt der oralen Gewebe, der Wiederherstellung der Kaufunktion und der Phonetik. Hier sind die Zieldefinitionen vordergründig besser einzugrenzen. Der Erhalt des Restgebisses in verschiedenen Situationen lässt sich durch die Überlebenszeitanalyse beschreiben.

Kerschbaum [[2]] fasst zusammen: „Der Nutzen der Zähne, der Nutzenverlust durch verloren gegangene Zähne und der Nutzengewinn durch eine prothetische Versorgung bemessen sich daher vor allem an physiologischen und psychosozialen Dimensionen.“ Die Einschränkung auf die Entität „Zähne“ wird jedoch treffender auf alle oralen Gewebe ausgeweitet, um dem übergeordneten Begriff „Gesundheitsnutzen“ universeller gerecht werden zu können. Auch muss die Frage gestellt werden, ob es überhaupt sinnvoll ist, einen Gesundheitsnutzen als Rückgang klinischer Symptome und als Verbesserung einer zuvor eingeschränkten Funktion zu definieren. Ist es in diesem multivariaten Netzwerk aus physiologischen, psychologischen und sozialen Fragestellungen nicht treffender, als Zielgröße die Verbesserung der Lebensqualität heranzuziehen, wie dies für andere Fragestellungen bei chronischen Erkrankungen gemacht wird?

Maßstäbe für den Gesundheitsnutzen Der Nutzen oraler Gewebe, der Nutzenverlust durch verloren gegangene orale Gewebe und der Nutzengewinn durch eine prothetische Versorgung bemessen sich vor allem an physiologischen und psychosozialen Dimensionen. Besteht nicht der Gesundheitsnutzen von Zahnersatz in einem Zugewinn an Lebensqualität?

Aufgabenbereiche der Prothetik

In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass sich das Fach Prothetik nicht mehr nur als Lehre von der Anfertigung von Zahnersatz begreift, sondern seine Aufgabenbereiche deutlich weiter fasst. Als synoptisches Fach steht bei ihm das strategische Management bei drohendem oder erfolgtem Zahnverlust an 1. Stelle. Der Erhalt der Zähne und einer möglichst geschlossenen Zahnreihe ist oberstes Ziel der Bemühungen der Zahnärzte und ist stets wichtiger als der Ersatz von Zähnen durch welche Art von Zahnersatz auch immer. Prothetik beschäftigt sich mit der Behandlung von Patienten mit schlechter Prognose bezüglich des weiteren Zahnverlusts und hat die Wiederherstellung der Funktions- und Präventionsfähigkeit zum Ziel. Es sollen weitere Risiken in der Folgezeit durch eine kontinuierliche Betreuungsstrategie reduziert werden. Prothetische Strategien zeichnen sich deshalb durch ihre außerordentliche Langfristigkeit aus. Gesundheitsnutzen auf individueller und auf Bevölkerungsebene kann deshalb erst über längere Zeiträume aussagekräftig evaluiert und beschrieben werden, insbesondere wenn der reinen Betrachtung von oraler Gesundheit die gesundheitsökonomische Dimension hinzugefügt wird. Diese kann in der vorliegenden Publikation jedoch nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Merke: Prothetik ist strategisches Management bei Zahnverlust.

Literatur

Prof. Dr. Reiner H. H. Biffar Direktor der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Medizinische Werkstoffkunde der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Rotgerberstr. 8

17475 Greifswald

Phone: 0 38 34/86-71 40

Fax: 0 38 34/86-71 48

Email: biffar@uni-greifswald.de

Email: samietzs@uni-greifswald.de